Experte Terhalle:Wird Europa in den Krieg gegen Iran hineingezogen?
Der Krieg gegen Iran birgt aus Sicht eines Experten für Europa eine große Chance. Diplomatische Bemühungen sollten die Länder daher "strikt unterlassen".
Wie Europa auf den Krieg reagiert, analysiert Politikwissenschaftler Maximilian Terhalle bei ZDFheute live.
02.03.2026 | 19:01 minSeit drei Tagen führen USA und Israel einen Krieg gegen Iran, das Land wehrt sich mit Gegenschlägen, auch in der Golfregion. Am Montag wurde außerdem ein europäisches Land getroffen: Auf Zypern schlug eine Drohne iranischer Bauart in eine britische Militärbasis ein - wer genau sie abfeuerte, ist noch unklar.
Welche Folgen diese Entwicklung für Europa hat, ordnete der Politikwissenschaftler und Sicherheitsexperte Maximilian Terhalle bei ZDFheute live ein. Das sagte Terhalle zu ...
... einem möglichen Rollenwechsel Europas
Iran wolle in Europa Unruhe stiften, weil er um die unterschiedliche Betrachtung des Konflikts durch Großbritannien, Frankreich und Deutschland wisse, sagte Terhalle zu dem Vorfall in Zypern. Traditionell seien die Franzosen skeptischer gegenüber den USA als die Briten, während die Deutschen versuchen würden, die beiden Pole - transatlantisch oder europäisch - zu balancieren.
… ist Politikwissenschaftler und Senior Fellow am Institut für Sicherheitspolitik an der Universität Kiel. Außerdem ist er Gastprofessor an der London School of Economics (LSE). Über zehn Jahre lehrte und forschte er an weiteren Universitäten in Großbritannien und den USA, darunter an der University of Oxford und an der Yale University. 2019 - 2020 war er Senior Advisor im britischen Verteidigungsministerium. Er ist Oberstleutnant der Reserve.
In diesen "dramatischen Tagen" würden die drei Länder aber allmählich die gemeinsame Haltung entwickeln, dass das Geschehen in Iran "in erster Linie im europäischen Interesse" sei. Hintergrund sei die iranische Unterstützung Russlands im Ukraine-Krieg. Iran habe im vergangenen Jahr 1,6 Millionen Drohnen geliefert - "mehr als ganz Europa zusammen".
Wenn es gelingt, durch den gegenwärtigen Militärschlag, den Iran aus der Unterstützung Russlands herauszunehmen, dann wäre das ein erheblicher Gewinn für die Ukraine.
Maximilian Terhalle, Politikwissenschaftler
Das sei ein Urinteresse, das Europa haben müsse - diese Einsicht werde sich nun wohl auch durchsetzen. In Bezug auf Großbritannien sehe es bereits so aus, dass das Land zusammen mit den Amerikanern und Israelis diesen Krieg führen werde - "in Teilen", sagte Terhalle.
Ob Iran hinter der Drohne auf dem britischen Stützpunkt in Zypern steckt, ist nicht sicher. Die Angst der Europäer in den Krieg gezogen zu werden sei aber groß, sagt ZDF-Korrespondent Ulf Röller.
02.03.2026 | 10:53 min... Wadephuls Zurückhaltung
Die Bundesregierung habe nicht die Absicht, sich an militärischen Aktionen gegen Iran zu beteiligen, erklärte Außenminister Johann Wadephul (CDU) am Montagmorgen im Deutschlandfunk. Terhalle sagte dazu:
Auszuschließen, dass man in diesen Krieg involviert werden will oder nicht, das ist in der Kürze der Zeit fast unmöglich.
Maximilian Terhalle, Politikwissenschaftler
"Kriege in der Form, wie sie jetzt erkennbar werden, sind keine Drei-Tages-Sachen, auch keine Fünf-Wochen-Sachen", so der Politikwissenschaftler. Ein Krieg habe eine eigene Dynamik.
Nach einer Sitzung in Berlin kündigte Außenminister Johann Wadephul an, gestrandete Deutsche aus dem Nahen Osten zurückzuholen - zunächst Kinder, Kranke und Schwangere.
02.03.2026 | 2:20 minWomöglich habe Wadephul sich wegen des bevorstehenden Besuchs von Bundeskanzler Friedrich Merz in Washington bewusst zurückhaltend zu einer deutschen Unterstützung geäußert, vermutete Terhalle.
... Plänen für deutsch-französische Militärübungen
Es deute sich an, dass Europa langsam beginne zu verstehen, dass Abschreckung auch nuklear gedacht werden müsse, sagte Terhalle mit Blick auf die gemeinsame Ankündigung von Kanzler Merz und dem französischen Präsidenten Emmanuel Macron, gemeinsame Militärübungen durchzuführen. Deutschland wolle sich mit konventionellen Mitteln an den französischen Nuklearübungen beteiligen, hieß es darin.
"Wir sollten uns hier, glaube ich, nichts vormachen", mahnte Terhalle. Der amerikanische Nuklearschirm mit seinen 5.500 Atomsprengköpfen sei in den nächsten fünf Jahren nicht zu ersetzen. "Europa muss diesen Schirm behalten, sonst wird es nuklear von Russland erpressbar."
Weltweites Atomwaffen-Arsenal
Quelle: ZDF... diplomatischen Bemühungen gegenüber Iran
Diplomatie hänge ohne Druckmittel bloß "lose im Raum", sagte Terhalle. Gegenüber Iran sei die Möglichkeit für Verhandlungen über einen Waffenstillstand "schlichtweg nicht gegeben".
Ich sehe hier überhaupt gar keinen Raum, zumal für Deutschland, in irgendeiner Weise diplomatisch tätig zu werden.
Maximilian Terhalle, Politikwissenschaftler
Im Gegenteil: Deutschland sollte solche Versuche "strikt unterlassen", mahnte Terhalle, um zu verhindern, dass Iran Russland weiter in seinem Krieg gegen die Ukraine unterstützt - "und damit gegen uns".
Das Interview führte ZDF-Moderatorin Sara Bildau. Zusammengefasst hat es Anja Engelke.
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