Inklusiver Wintersport in Österreich:Skifahren ohne Grenzen
von Lilien Fährmann
Ein gemeinnütziger Verein zeigt: In der Region Schladming-Dachstein ist Skifahren für alle möglich - unabhängig von der Behinderung.
Ein Verein im österreichischen Schladming macht Wintersport für alle möglich. Keine Selbstverständlichkeit, denn der Zugang zu Pisten ist vielerorts noch lange nicht barrierefrei.
08.01.2026 | 2:10 minDer Skitag beginnt mit kalter Bergluft, dem Knirschen des Schnees unter den Schuhen und der Vorfreude auf die erste Abfahrt. Für Menschen mit Behinderung endet der Weg auf die Skipiste allerdings häufig schon an Drehkreuzen und Liften. Ist man in der österreichischen Ski-Region Schladming-Dachstein unterwegs, merkt man davon wenig: Tempo, perfekte Pisten und Spaß am Wintersport können hier Menschen mit Behinderung ganz selbstverständlich genießen - der gemeinnützige Verein "Freizeit PSO" (Para-Special Outdoorsports) sorgt dafür, dass jeder die passende Ausrüstung und den richtigen Kurs findet.
Skikurse für alle - und zwar wirklich für alle
Unter den Skikurs-Teilnehmern ist die 27-jährige Andrea Schrempf. Sie liebt die Berge, Geschwindigkeit und den Skisport. Die begeisterte Skifahrerin mit einem Gendefekt verlor bei einer ihrer vielen Operationen Teile ihres Beins. Das war nötig geworden, weil eine schwere Infektion im Bein lange unentdeckt blieb. Denn der Gendefekt führt dazu, dass sie - neben anderen Symptomen - keinen Schmerz empfindet. Für sie stand aber schnell fest, sie will wieder zurück auf die Skipiste. "Geht nicht" hielt sie nicht ab und sie stieg auf den Sitzski um.
Heute erlaubt es ihr diese spezielle Ausrüstung, wieder bergab zu fahren: Sie sitzt dabei in einer stabilen Schale, die auf zwei Ski montiert ist. Andrea lenkt mit dem Oberkörper, ihr Skilehrer Stefan Zach gibt die Kommandos: "Und links und rechts."
Beim normalen Skifahren ist es sehr schwierig, weil du musst selber mitdenken. Aber im Sitzski musst du nur mit dem Oberkörper lenken.
Andrea Schrempf, Teilnehmerin des Skikurses
Sportangebote für Menschen mit Behinderung sind nicht nur im Wintersport rar gesät. Para-Radsportlerin Denise Schindler und die Beachvolleyballer des TV Dingolfing zeigen, wie Inklusion auch gehen kann.
13.08.2025 | 2:24 minSki-Link-Technik ermöglicht Skifahren
"Der Fahrtwind und alles macht mir Spaß", sagt Hannah Buchmayer, die halbseitig gelähmt ist. Die 19-Jährige ist mit sogenannten Ski-Links unterwegs: Ein Metallgestänge verbindet die Skispitzen, Skilehrer Moritz Waters hält in jeder Hand eine Leine, die Verbindung hin zu den Ski der Sportlerin. So bleiben die Ski im perfekten Winkel und das Verbindungssystem hilft zusätzlich bei den Kurven. Mit der Vorrichtung gehe es viel einfacher, sagt Hannah.
Du vermittelst hier nicht nur das Skifahren, sondern auch einfach Spaß an der Bewegung und sich dazugehörig zu fühlen. Wir können alle zusammen Skifahren, ganz egal, was wir haben.
Moritz Waters, Skilehrer
Raimund Karl erlernt ebenfalls den Umgang mit Ski-Links, aber nicht für sich selbst: Er möchte zukünftig zusammen mit seinem achtjährigen Sohn Felix, der Trisomie 21 hat, die Pisten erobern. Was es dafür braucht?
Viel Gefühl. Man fokussiert sich sehr aufs Kind, aber Übung macht den Meister.
Raimund Karl, Vater
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Damit die barrierefreien Skikurse umsetzbar sind, kommt es auf die Infrastruktur des Skigebietes an. Wer denkt, dass moderne Technik hier die Lösung ist, irrt: Zwangsverriegelungen an den Sesselliften sichern zwar Kinder, aber stellen für Sitzski ein Hindernis dar. Der Verein Freizeit PSO entwickelte deshalb zusammen mit einem Lifthersteller einen angepassten Sessellift - für mehr Platz zwischen den Sitzen. Es braucht häufig gar nicht viel, um den Zugang für alle zu ermöglichen.
Barrierefreiheit muss nicht immer teuer sein, aber mit einem Willen kann man das ganz leicht umsetzen.
Sabine Zach, Geschäftsführerin von Freizeit PSO
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Bereits seit 20 Jahren bietet der gemeinnützige Verein Skikurse für Menschen mit ganz unterschiedlichen Unterstützungsbedarfen an. Während einer Auszeit in Neuseeland erlebte Gründerin Sabine Zach erstmals, wie Barrierefreiheit - also das Angebot für jeden, egal ob mit oder ohne Behinderung, erlebbar zu machen - auf der Skipiste aussehen kann. Nach Freiwilligenarbeit bei einer Skischule für Menschen mit Behinderung und Ausbildungen in diesem Bereich, stand für sie fest: Das muss es auch in Österreich geben.
Es gab in Österreich Einzelinitiativen, aber diese Größenordnung, die wir anbieten - also mit Blindenskilauf, Mono-Skikursen, Bi-Skikursen - egal für welche Person mit egal welcher Behinderung, das gab es bis dato nicht.
Sabine Zach, Geschäftsführerin von Freizeit PSO
Jährlich rund 1.800 Skikurs-Einheiten
Seitdem ist die Nachfrage groß: rund 1.800 Skikurs-Einheiten pro Jahr, fast immer ausgebucht. Möglich ist das Engagement jedoch nur durch Unterstützung von außen: Der gemeinnützige Verein ist auf Spenden sowie Förderungen angewiesen.
Barrierefreiheit beim Skifahren ist gar nicht so schwer - mit ein paar Ideen und gutem Willen geht fast alles. Auf den Pisten von Schladming ist das jedenfalls schon gelebter Alltag.
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