Wegen des Iran-Kriegs:Wird in Groningen trotz Erdbeben bald wieder Gas gefördert?
von Andreas Stamm
Die Schäden erinnern an ein Kriegsgebiet: In Appingedam in den Niederlanden lässt das Gasfeld seit Jahrzehnten die Erde beben. Könnte dort trotzdem wieder Gas gefördert werden?
Das niederländische Groningen verdiente mit Gasförderung viel Geld, erlebte aber auch viel Leid. 2024 wurde die Förderung eingestellt. Wegen hoher Energiepreise wird die Wiederöffnung diskutiert.
30.03.2026 | 2:09 minBei Albert Heidema von der Bürgerinitiative Ons Lu, zu Deutsch "Unser Land", begann es vor 14 Jahren: Schäden an seinem Haus. Seitdem kämpft er in einer der Bürgerinitiativen gegen die Gasförderung in Groningen.
Vor drei Jahren musste er ganz raus, wegen Einsturzgefahr. Er wohnt nun in einer Ersatzunterkunft. Sein Appingedam sei ein Ort des Zerfalls. "Es gibt einige tausend Häuser, die wirklich komplett abgerissen und wieder neu aufgebaut werden", sagt Heidema.
Es ist eine Seltenheit, wenn ein Haus keine erkennbaren Erdbebenschäden hat.
Albert Heidema, Bürgerinitiative Ons Lu
Aus vom Aus der Förderung?
Direkt unter dem Ort liegt das Gasfeld Groningen. Es ist das größte Europas. 60 Jahre lang wurde hier Gas gefördert, viele haben gutes Geld verdient. Doch für die Bewohner der Provinz Groningen begann irgendwann ein Albtraum, der bis heute andauert.
Der größte Unterschied zu natürlichen Erdbeben sei die Tiefe, in der die Erdbeben auftreten, erklärt Heidema. Die liege normalerweise zwischen 15 und 30 Kilometern. "Wir befinden uns hier zwischen ein paar hundert Metern und maximal drei Kilometern, denn dort liegt das Gasfeld. Die Energie eines solchen Bebens gelangt viel schneller an die Oberfläche, weshalb die Schäden viel verheerender sind."
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16.08.2025 | 4:02 minZwar wurde die Förderung 2023 eingestellt. Doch inmitten der Öl- und Gaskrise infolge des Iran-Kriegs werden Stimmen lauter: "Macht die Förderung wieder auf, wir Niederländer können uns das nicht leisten, einen solchen Schatz direkt vor der Haustür nicht zu fördern."
Darauf angesprochen hat Albert Heidema ein resignierendes Kopfnicken übrig. "Dann müsste ganz Groningen einfach weg, die Menschen umgesiedelt werden. Stellt Zäune drumherum und dann macht mit der Förderung weiter. Aber nicht dort, wo Menschen leben, wohnen, arbeiten. Das geht nicht."
Notfallplan für die Gasversorgung
Doch es drohe ein aktueller Energieengpass, so Befürworter einer Wiedereröffnung. Und man sehe ja, was die Gasabhängigkeit von den USA oder dem Nahen Osten anrichte. Für die Experten von TNO, dem Energie-Beratungsinstitut der niederländischen Regierung, braucht es ein Umdenken, zumindest einen Notfallplan.
Im Irankrieg haben Angriffe auf Gasanlagen schwere Schäden verursacht. Iran und Israel machen sich gegenseitig verantwortlich. Die Folgen für den Weltmarkt sind unklar.
19.03.2026 | 1:05 minIm Groninger Feld wurden bereits etwa 70 der 300 Bohrlöcher verschlossen, 230 jedoch noch nicht, erklärt Rene Peters vom Energie-Forschungsinstitut TNO. "Und angesichts der aktuellen weltweiten Lage ist die Frage, ob es wirklich sinnvoll ist, die restlichen nun zu verschließen. Unser Rat ist, das besser nicht zu tun."
Erneuerbare Energien statt fossiles Comeback
Wieder Gas fördern - für die Menschen in der Region ein Albtraum. Und unnötig, erklären Analysten wie Jilles van den Beukel von der Strategieberatung HCSS in Den Haag. "Nicht nur um das Klima zu schützen, macht es Sinn, die Energiewende in Europa weiterzutreiben. Sondern auch, weil es günstiger ist und wir unabhängig werden. Solar und Wind werden die Basis unserer Stromversorgung werden."
In Europa täte man sich mit der Erkenntnis so unheimlich schwer, so van den Beukel weiter. "Aber in China, Indien, Südkorea, Australien, an so vielen Orten mache die Iran-Krise klar, dass der einzige Weg vorwärts im Ende des fossilen Zeitalters liegt." Es wirke gerade so, als ob der Iran-Krieg, die Blockade der Straße von Hormus, das Abwenden von Öl und Gas stark befeuerten.
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26.01.2026 | 3:19 min"Die Natur geht ihren eigenen Weg"
Dass es beim Aus bleibt, hoffen sie in Appingedam. Denn auch nach dem Ende der Förderungen haben die Beben nicht aufgehört. "Die Anzahl der Beben nimmt etwas ab. Das kommt vom Förderstopp, erklären uns die Behörden", so Heidema. Aber schon jetzt würden die Beben wieder mehr werden. "Wir können in die Natur eingreifen, aber die Konsequenzen nicht wirklich beherrschen. Die Natur geht ihren eigenen Weg."
Niemand weiß, ob und wann der Teufelskreis des Zerfalls in Appingedam gestoppt werden kann. Wo Häuserblocks in manchen Vierteln wegen der Erdbebenschäden abgerissen und wiederaufgebaut wurden. Und die man nun wegen Bebenschäden wieder abreißt.
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