Einkaufstourismus: Niederländer shoppen lieber in Deutschland

Trinken, Tanken, Tabakwaren:"Frau Antje" shoppt lieber in Deutschland

von Andreas Stamm, Brüssel

|

Die Niederländer kaufen gern beim deutschen Nachbarn. Schon seit Jahren, weil es oft günstiger ist. Ist der Einkaufstourismus eine Gefahr für niederländische Unternehmen?

Grenze (Symbolbild)

Hohe Konsum- und Mehrwertsteuern trieben die Niederländer in den letzten Jahren zum Einkauf nach Deutschland. Eine Initiative fordert von der neuen Regierung nun eine Begrenzung der Steuersätze.

17.03.2026 | 2:12 min

Ein verregneter Mittwochnachmittag im westfälischen Gronau, ein paar Kilometer hinter der niederländischen Grenze. Doch wer die Parkplatzreihen des Einkaufszentrums abfährt, könnte meinen, er sei in den Niederlanden. Gelbe Nummernschilder so weit das Auge reicht. Die Flotte von Shoppingtouristen liebt die Tankstelle, denn der Sprit ist teuer zu Hause, und die aktuellen Preisanstiege gibt es überall in Europa. "Das Wichtigste ist das Tanken", erklärt die Rentnerin Jani Hall. Und wenn man schon mal da sei, dann geht es auch in den Supermarkt. Einmal die Woche kaufen sie hier ein, regelmäßig.

"Noch mehr sparen geht", erklärt Marloes Wennink. Denn die deutschen Drogeriemärkte seien ein Paradies: Haarfarbe, Zahnpasta, Duschgel, Handseife, Deodorant, Tampons und Haargel - was in die Tüte passt. "Ich habe jetzt 25 Euro ausgegeben, und ich glaube, wenn ich das in den Niederlanden gekauft hätte, hätte ich sicher 50 Euro hingelegt." Und ja, einige hätten Mitleid mit den Händlern in der Heimat. "Aber der Preis, dieser Preisunterschied", ergänzt Wennink.

Tanktourismus

Die Folgen des Irankriegs sieht man hierzulande auch an den Tankstellen. Die Spritpreise sind weiterhin hoch. Deshalb fahren viele zum Tanken nach Polen, denn dort ist es günstiger.

13.03.2026 | 2:02 min

Des einen Freud, des anderen Leid

Ein Lager voller edler Tropfen. Voller Stolz präsentiert Jos Oostendorp, einer der Firmengründer sein Allerheiligstes - die Lagerhalle der Klein-Brauerei Brouwernös im niederländischen Groenlo. Zwölf Spezialbiere machen sie hier, 3.000 Hektoliter im Jahr. Dazu noch der eigene Hotel- und Gastrobetrieb. Ein gutes Geschäft mit dem feinen Geschmack, weg von den großen Masseproduzenten.

Doch ein Trend stoße ihm bitter auf, so Jos Oostendorp. Seit Jahren wird Alkohol in den Niederlanden immer höher besteuert, ganz anders als beim nahen Nachbarn in Deutschland. Was zu absurden Preisverzerrungen führe. Und das nagt am Umsatz. Denn immer mehr Niederländer machten deshalb rüber.

Nehmen wir an, man trinkt drei Gläser Bier. Dann sind das schnell über 1,50 Euro, die man an einem Abend in den Niederlanden wegen der Steuer mehr ausgibt als für drei Bier in Deutschland. Das ist einfach unfair.

Jos Oostendorp, Bier-Brauer

Einkaufstourismus nimmt zu

Kraftstoff, Getränke, Lebensmittel, Kosmetik - der Einkaufstourismus von den Niederlanden nach Deutschland nimmt stetig zu. Die Preisunterschiede sind so groß, dass sich selbst eine mehrstündige Anfahrt finanziell lohnt. In den niederländischen Grenzregionen wächst darüber jedoch zunehmend der Unmut.

Florian Weiss und Armin Valet auf Splitscreen

Steigende Kosten machen auch nicht vor den Lebensmitteln halt: Einkaufen wird immer teurer. Armin Valet von der Verbraucherzentrale Hamburg gibt Tipps, wie man möglichst günstig einkaufen kann.

18.07.2025 | 5:48 min

Die Steuern sollen runter

14 Organisationen - darunter Gastronomie-, Mittelstands- und Einzelhandelsverbände - haben sich zur Initiative "Steun onze Grensregio's" ("Unterstütze unsere Grenzregionen") zusammengeschlossen. Sie kritisieren unfaire Wettbewerbsbedingungen und sehen nicht nur Unternehmen in der Grenzregion, sondern auch weiter entfernte Betriebe - bis in die Provinz Utrecht - von Umsatzverlusten aufgrund des Einkaufstourismus' betroffen. Und nehmen dabei die niederländische Regierung in die Pflicht.

Auch Brauer Oostendorp hat sich der Initiative angeschlossen. Die Hauptforderung: Die Steuern müssten runter, aufs Niveau der deutschen Nachbarn. Man könne das nicht von heute auf morgen ändern, so der Brauer, aber es dürfe keinesfalls schlimmer werden. "Es gibt Pläne, durch die die Steuer-Unterschiede auf Bier gegenüber Deutschland vielleicht noch größer werden könnten. Das geht nicht mehr", so Oostendorp.

Hausgemachte EU-Probleme

Es geht um faire Wettbewerbsbedingungen. Doch das sei eine Illusion, erklärt der Direktor des Instituts für transnationale und EU-regionale grenzüberschreitende Zusammenarbeit und Mobilität in Maastricht, Martin Unfried: "Die Mitgliedstaaten in der EU wollen ganz bewusst manche Bereiche nicht harmonisieren." Die Steuergesetzgebung gehöre eindeutig dazu, die Sozialgesetzgebungen, die Gesundheitssysteme. "Deshalb wird es auch in der Zukunft so sein, dass Mitgliedstaaten damit natürlich Politik machen und auch konkurrieren." Sich Vorteile verschaffen, was den europäischen Geist schwäche.

Aus den vorhandenen Daten und Untersuchungen sei aber nicht zu erkennen, dass sich der Shoppingtourismus exorbitant ausgeweitet habe, so Unfried. Was aber auch schwer zu messen sei. Es gebe dazu auch den gegenteiligen Effekt, dass Kaufkraftströme durchaus von Deutschland in die Niederlande gehen. Etwa, dass viele Aachener nach Maastricht kommen. Oder viele Nordrhein-Westfalen in die Outlet-Center nach Roermond fahren würden.

Unternehmen wie Action, Rituals & Co.
:Niederländer erobern deutsche Innenstädte

Preiswert - aber mit Stil: Das gilt für viele niederländische Unternehmen, die sich in deutschen Fußgängerzonen niedergelassen haben.
mit Video1:45
Passanten gehen mit mehreren Einkaufstüten durch die Leipziger Innenstadt, aufgenommen am 28.10.2023 in Leipzig

Der große Sog

Ein Trost für Brauer Jan Oostendorp hat der Forscher allerdings in petto. Die Regierung in Den Haag prüft nun intensiver, wie sich geplante Gesetze auf die Grenzregion auswirken, vor allem im Steuerbereich. Die Probleme der Grenzregion hätten die Hauptstadt zumindest erreicht. Denn selbst Kritiker wie Oostendorp erkennen an, wie groß der Sog des Preisgefälles ist. Der Bierbrauer gibt zu: Ab und zu fährt auch er zum Shoppen über die Grenze.

Über dieses Thema berichtete heute in Europa am 17.03.2026 in dem Beitrag "Niederlande gegen Einkaufstourismus" ab 16 Uhr.

Mehr zum Thema Niederlande

  1. Niederlande, Amsterdam: Das Bild «Die Vision des Zacharias im Tempel» (1633) von Rembrandt steht auf einer Staffelei im Rijksmuseum.

    "Die Vision des Zacharias im Tempel":Jahrelang vergessen: Gemälde als echter Rembrandt bestätigt

    mit Video0:39

  2. Niederlande: Premierminister Rob Jetten

    Knapp vier Monate nach Parlamentswahl:Niederlande: Neuer Regierungschef Rob Jetten vereidigt

    mit Video2:04

  3. Geert Wilders während seiner Asylzentrums-Tour in Delft
    Analyse

    Neue Regierung in Den Haag:Niederlande: Rechtspopulist Geert Wilders am Ende?

    Britta Behrendt, Amsterdam
    mit Video2:37

  4. Jackie Bernabela

    Wegweisendes Urteil in Den Haag:Niederlande müssen Karibikinsel vor Klima-Folgen schützen

    von Andreas Stamm
    mit Video2:07