Experte über US-Vorgehen:Trump will "Grönland und Dänemark gegeneinander ausspielen"
Welche Strategie verfolgt der US-Präsident in Grönland? Experte Volquardsen glaubt nicht an einen Militäreinsatz ähnlich wie in Venezuela. Trump setze auf ein Befreiungsnarrativ.
Man könne befürchten, dass es Trump bei Grönland nicht nur um Rohstoffe gehe, sondern um den "wahnwitzigen Gedanken", das US-Territorium zu vergrößern, sagt Grönland-Experte Volquardsen.
06.01.2026 | 21:22 minDonald Trump beansprucht Grönland für sich. Daran hält er vehement fest - und schürt damit in Europa Ängste einer US-Annexion der Arktisinsel. Mögliches Vorbild: der US-Militäreinsatz in Venezuela vor wenigen Tagen. Dass es so weit kommt, glaubt Ebbe Volquardsen nicht. Vielmehr wittert der Grönland-Experte ein anderes Kalkül Trumps.
Im Zentrum stehe die Deutung, die Vereinigten Staaten könnten Grönland von der früheren Kolonialmacht Dänemark "befreien" - die weitgehend autonome Insel ist Teil des Königreichs. Dieses Narrativ greife historische Erfahrungen auf und spiele mit den seit Jahrzehnten bestehenden Unabhängigkeitsbestrebungen in Grönland.
Europa zeige Trump, wieso eine Übernahme nicht notwendig sei, sagt ZDF-Korrespondent Ulf Röller. Schon jetzt hätten die USA allen nötigen Einfluss in Grönland.
06.01.2026 | 7:22 minVolquardsen sieht darin den Versuch, aus der Kolonialgeschichte resultierende Spannungen gezielt zu instrumentalisieren. Das Befreiungsnarrativ könne sowohl das Verhältnis zwischen Dänemark und Grönland belasten als auch innerhalb der grönländischen Gesellschaft neue Bruchlinien erzeugen. Trumps Strategie sei es, die Gesellschaft zu spalten, so der Experte, und "Grönland und Dänemark gegeneinander auszuspielen".
Volquardsen erwartet "ein klassisches Dealmaking"
Ein militärisches Vorgehen hält Volquardsen für unwahrscheinlich. Stattdessen hält er ein politisches Szenario für möglich, in dem Trump den Grönländern ein Angebot unterbreiten könnte: eine staatliche Unabhängigkeit von Dänemark, verbunden mit einer engen Anbindung oder einer "Freistaaten-Assoziation" an die USA. "Ein klassisches Dealmaking", findet der Experte.
Bei der Nato in Brüssel fühlen sich viele mit der Situation überfordert, sagt ZDF-Korrespondent Ulf Röller.
05.01.2026 | 1:30 minVölkerrechtlich sei ein solcher Weg grundsätzlich möglich. Grönland könne jederzeit seine Unabhängigkeit erklären, sofern sich die Bevölkerung in einem Referendum dafür ausspreche. Entscheide sich ein unabhängiger grönländischer Staat anschließend für eine Assoziation mit den USA, könnten europäische Staaten dem kaum etwas entgegensetzen "und müssten zusehen".
Kommt er damit in der Gesellschaft durch? "Misstrauen gegen Trump ist groß"
Doch eine entscheidende Frage bleibt: Würde ein solches Angebot in Grönland tatsächlich auf Zustimmung stoßen? Volquardsen ist zurückhaltend. Er verweist auf ein ausgeprägtes Misstrauen gegenüber dem US-Präsidenten. "Das Misstrauen gegen Trump ist groß, nicht gegen die Amerikaner als solche."
In der Diskussion um Trumps Pläne, Grönland einzunehmen, hat die dänische Ministerpräsidentin die USA vor einem Angriff gewarnt.
06.01.2026 | 0:25 minDieses Misstrauen speise sich weniger aus einer grundsätzlichen Ablehnung der USA, sondern aus der Person Trumps und seiner politischen Haltung. Gerade in einer indigen geprägten Gesellschaft spiele das eine zentrale Rolle: "Man weiß auch in Grönland, wie Donald Trump zu Minderheiten steht."
Das sind ja alles Maßnahmen und Aussagen, die in einer indigenen Bevölkerung wie Grönland überhaupt nicht gut ankommen.
Ebbe Volquardsen, Grönland-Experte
Zugleich betont Volquardsen, dass die Stimmung in Grönland nicht ausschließlich von Skepsis geprägt sei. Insbesondere unter jenen, die seit Langem auf eine schnelle staatliche Unabhängigkeit drängen, gebe es auch optimistische Stimmen. Dort werde Trumps Vorstoß teilweise als historische Gelegenheit wahrgenommen. Manche würden denken, dass jetzt "der Zeitpunkt gekommen sei, wo Grönland das erreichen könne, was man seit Jahrzehnten möchte: nämlich die Unabhängigkeit".
Nach dem Einsatz des US-Militärs machen sich auch andere Staaten Sorgen, denn Trump droht auch Mexiko und Grönland.
05.01.2026 | 1:40 minExperte: Trump will Einflussbereich der USA ausweiten
Vor diesem Hintergrund sieht Volquardsen die aktuelle Debatte weniger als unmittelbar bevorstehende Entscheidung denn als Phase strategischer Verunsicherung. "Donald Trumps Strategie ist, die größtmögliche Unsicherheit und Verunsicherung zu erzeugen." Zugleich ordnet der Historiker die US-Rhetorik in einen größeren geopolitischen Kontext ein:
Es steht zu befürchten, dass es tatsächlich um eine neue imperialistische Politik geht, die in Großeinflusszonen denkt.
Ebbe Volquardsen, Grönland-Experte
In dieser Logik gehe es weniger um einzelne sicherheits- oder wirtschaftspolitische Argumente als um den Anspruch, den Einflussbereich der USA territorial auszuweiten.
Das Interview führte Jessica Zahedi, zusammengefasst hat es Christian Harz.
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