Innenansichten der Grenzschutzbehörde:Wo Schmuggler auffliegen: Frontex an der EU-Außengrenze
von Thomas Heise, Detlev Konnert und Christian Rohde
Fake-Hermès, Zigaretten, Waffenteile: An den EU-Außengrenzen stößt Frontex auf viel Illegales. Und im Mittelmeer sollen sie Leben retten. ZDF frontal mit exklusiven Einblicken.
Am Grenzübergang Kapitan Andreevo zwischen Bulgarien und der Türkei unterstützen Frontex-Mitarbeiter die Grenzkontrollen. Im Fokus: Schmuggel, Markenpiraterie, auffällige Dokumente und Waffen.
15.07.2026 | 29:50 minAm Grenzübergang Kapitan Andreevo-Kapikule, zwischen Bulgarien und der Türkei, passieren täglich bis zu 3.000 Lkw einen der größten Zollpunkte weltweit. Bei den Joint Action Days Ende Juni kontrollieren bulgarische Behörden mit Unterstützung von Frontex gezielt Fahrzeuge, Gepäck und Dokumente. Sie suchen nach geschmuggelten Zigaretten, gefälschter Markenware, gezinkten Papieren, gestohlenen Fahrzeuge.
Kurz nach Schichtbeginn haben die Grenzer einen Bus im Visier. Eine erste Stichprobe zeigt, hier stimmt etwas nicht. "Es besteht der Verdacht, dass es sich um gefälschte Waren handelt, man sieht hier bekannte Namen", erklärt der Beamte von Frontex.
An Marken ist so alles dabei, was gut und teuer ist: Hermès, Valentino, Prada, Hugo, Armani. Doch die bulgarische Zöllnerin glaubt nicht, dass die Ware echt ist. "Hier ist Leim. Die Nähte sind schief, sehr schlecht gemacht. Ich denke nicht, dass das Hermès ist." Im Bus aus Istanbul wird kiloweise gefälschte Ware sichergestellt, fotografiert und an die Rechteinhaber gemeldet.
Der Hafen in Antwerpen ist Europas Einfallstor für Drogen. Immer wieder finden Zollbehörden große Mengen Kokain. Eine Bilanz und die Pläne der belgischen Behörden, um den Schmuggel zu bekämpfen.
21.01.2026 | 2:04 minWas Frontex bei den Kontrollen findet
Bei den Frontex-Aktionstagen beschlagnahmen die Grenzer europaweit gefälschte Waren im Wert von mehr als zwölf Millionen Euro. Neben Kleidung werden vor allem gefälschte Parfüms, Kosmetika, Spielzeug, Telefone sichergestellt. Dazu Unmengen Zigaretten.
An der EU-Außengrenze beschlagnahmt Frontex auch kiloweise Goldschmuck.
Quelle: FrontexManch Kontrolle ist filmreif: Ein Lkw-Fahrer hat nur eine Stange Zigaretten angemeldet. Doch als die Grenzer im Fahrerhaus die Ablagen öffnen, fällt Stange um Stange über deren Köpfe hinweg. An anderen Kontrollpunkten werden insgesamt mehr als 3,5 Millionen gefälschte Zigaretten beschlagnahmt - in nicht einmal zwei Wochen. Auch klimaschädliche Gase, kiloweise Goldschmuck und Waffenteile geraten ins Visier.
Bei der Frontex-Aktion "JAD Pirates 4" wurden bis zum 29. Juni 2026 Sicherstellungen im Gesamtwert von mindestens 17,4 Millionen Euro registriert. Den größten Anteil machten gefälschte Waren aus: Die Behörden stellten rund 1,7 Millionen Produktfälschungen mit einem geschätzten Marktwert von zwölf Millionen Euro sicher, darunter Kleidung, Schmuck, Elektronik, Parfüm und mehr als 3,6 Millionen gefälschte Zigaretten. Darüber hinaus wurden nicht angemeldete oder illegale Waren im Wert von über 5,2 Millionen Euro entdeckt, darunter Drogen, Gold, Elektronik und sieben mutmaßlich gestohlene Fahrzeuge.
Laut Frontex-Zentrale in Warschau erreiche Europa derzeit außerdem eine regelrechte Waffen-Schwemme. "Wir verzeichnen eine zunehmende Zahl von Beschlagnahmungen, insbesondere bei Schusswaffen, die aus der Türkei nach Europa gelangen. Einige davon scheinen das Design bestehender Modelle exakt nachzuahmen."
"Die Zahlen der unerlaubten Einreisen sind in den letzten Jahren enorm zurückgegangen, die Kontrolldichte bleibt aber gleich", so Uli Grötsch, Polizeibeauftragter des Bundes.
08.07.2026 | 5:20 minGrundrechtebüro überwacht Frontex-Einsätze
In den vergangenen Jahren geriet Frontex immer wieder in die Schlagzeilen. Menschenrechtsorganisationen warfen der Behörde vor, an illegalen Zurückweisungen von Schutzsuchenden - sogenannten Pushbacks - beteiligt gewesen zu sein oder sie zumindest nicht verhindert zu haben. 2022 trat der damalige Frontex-Chef Fabrice Leggeri nach Untersuchungen des EU-Antibetrugsamts OLAF zurück.
Seitdem hat sich Frontex neu aufgestellt. Das sogenannte Grundrechtebüro ist verstärkt worden. 70 Mitarbeiter sind unter anderem bei Abschiebeflügen oder auch Seeoperationen dabei. Karolina Lukasczcyk-Ippoliti sitzt in Warschau am Bildschirm: "Meine Aufgabe ist es, die Einhaltung der Grundrechte bei Frontex-Einsätzen zu überwachen - und zwar fast rund um die Uhr." Ob das reicht, bleibt politisch umstritten.
Nach wie vor seien "fast 118 Millionen Menschen weltweit auf der Flucht", so Katharina Thote, UN-Flüchtlingshilfswerk in Deutschland. Der leichte Rückgang sei "nicht unbedingt ein Entwarnungssignal".
11.06.2026 | 5:46 minFrontex-Mitarbeiter befinden sich im Dilemma
Im See- und Luftüberwachungsraum in Warschau laufen Bilder einer "Falcon One"-Drohne ein. Sie hat ein Schlauchboot auf dem Weg von Tunesien nach Italien entdeckt. Um die 50 Menschen an Bord, schätzt der Frontex-Mann am Bildschirm.
Eindeutig überladen. Es ist einfach nicht sicher. Man sieht auch, dass die Leute offenkundig keine Rettungswesten haben.
Frontex-Mitarbeiter
Das Schlauchboot ist ohne ausreichenden Treibstoff unterwegs. Der Leiter der Frontex-Einsatzzentrale, Mariusz Kawczynski, erlebt das nicht zum ersten Mal. "Unsere Rettungsinseln können maximal 15 Personen aufnehmen. Wir können nicht alle retten. Es ist immer ein Dilemma."
Kaum ein Thema spaltet Europa so sehr wie die Migration. 2015 herrschte Willkommenskultur, seitdem schwenkt die EU zu einem härteren Umgang mit Geflüchteten.
16.05.2024 | 45:19 minFrontex kann Flüchtlinge nicht immer retten
Frontex setzt einen Notruf ab. Das Schiff einer Nicht-Regierungs-Organisation nimmt sich der Flüchtlinge an. Erst viele Stunden später gelingt die Rettung.
Evelyn Semrock ist seit zwei Jahren für Frontex im Dienst. "Man sieht unter Umständen auch Menschen, die sich im Wasser befinden und man betet hier auch wirklich." Erst nach dem Einsatz versuche sie, den Stress verarbeiten, sagt die Polizistin aus NRW.
In dem Moment denkt man wenig darüber nach. Wir müssen funktionieren.
Evelyn Semrock, Frontex-Mitarbeiterin
Die Lage im Mittelmeer bleibt gefährlich, auch wenn die Zahl der registrierten irregulären Grenzübertritte sinkt - knapp 40 Prozent weniger als im Vorjahreszeitraum. Frontex meldete für die ersten fünf Monate 2026 fast 39.000 irreguläre Grenzübertritte in die EU. In der gleichen Zeit starben nach Angaben der Internationalen Organisation für Migration fast 1.300 Menschen im Mittelmeer.
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