35 Jahre Nachbarschaftsvertrag: Wo Deutschland und Polen stehen

Interview

35 Jahre Nachbarschaftsvertrag:"Die Deutschen wissen immer noch viel zu wenig über Polen"

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Vor 35 Jahren unterzeichneten die Regierungschefs von Deutschland und Polen den Nachbarschaftsvertrag. Was hat sich seitdem getan? Fragen an die Politologin Łada-Konefał.

Johann Wadephul (CDU, r), Außenminister, spricht während des Deutsch-Polnischen Forums im Auswärtigen Amt bei einer Pressekonferenz neben Radoslaw Sikorski, Außenminister von Polen.

An der Willy-Brandt-Schule in Warschau werden deutsche und polnische Schüler gemeinsam unterrichtet. Welche Erfahrungen haben Schüler der 10. Klasse mit der deutsch-polnischen Nachbarschaft?

17.06.2026 | 2:12 min

ZDFheute: Wie steht es um die deutsch-polnische Nachbarschaft, die Beziehungen im Vergleich zu vor 35 Jahren?

Agnieszka Łada-Konefał: Das sind natürlich zwei Welten. Vor 35 Jahren war Polen noch nicht in der Nato und noch nicht in der EU. Das waren unsere Träume, diesen Organisationen einmal beizutreten. Deutschland hatte versprochen, Polen auf diesem Weg zu unterstützen. Und in der Tat, das wurde so realisiert.

Aber natürlich ist das Vertrauen ganz anders geworden. Wir sind jetzt gute Nachbarn. Vor allem kennen wir uns viel besser und sind einfach Partner in verschiedenen Organisationen.

Agnieszka Łada-Konefał ist eine polnische Politologin. Sie ist Vizedirektorin des Deutschen Polen-Instituts in Darmstadt und Mitautorin des Deutsch-Polnischen Barometers.

Dieses erhebt seit dem Jahr 2000 die gegenseitige Wahrnehmung, die deutsch-polnischen Beziehungen und deren aktuelle Herausforderungen.


ZDFheute: Polen beschwert sich oft, dass die Deutschen so wenig wissen. Bestätigen das Ihre Untersuchungen?

Łada-Konefał: Auf jeden Fall. Die Deutschen wissen immer noch viel zu wenig über Polen, die polnische Geschichte, die Politik, die Realität, die polnische Situation heutzutage generell. Deshalb verstehen sie die polnische Mentalität nicht. Es ändert sich, aber sehr langsam, viel langsamer, als man sich das in Polen wünscht.

Dass jede polnische Familie etwas oder jemanden im Krieg verloren hat, das steckt tief in den polnischen Seelen.

Deutsch-polnisches Forum

In Berlin treffen sich Außenminister Wadephul und sein polnischer Amtskollege Sikorski zum deutsch-polnischen Forum. Anlass ist das 35-jährige Jubiläum der bilateralen Beziehungen.

17.06.2026 | 1:41 min

ZDFheute: Polen fordert eine Partnerschaft auf Augenhöhe. Ist die geschafft?

Łada-Konefał: Dafür brauchen wir noch Zeit. Leider ist das noch nicht die deutsch-polnische Realität. Wir stecken immer noch in diesem Lehrer-Schüler-Verhältnis, oder großer Bruder, kleiner Bruder. Die Deutschen müssen verstehen, dass die Polen ganz woanders sind als vor 35 Jahren.

Und dass die Polen auch mal Recht haben können, das akzeptieren die Deutschen nicht so gerne.

Agnieszka Łada-Konefał

Die Polen wiederum stecken auch sehr gerne in der Rolle des Schülers, weil das einfacher ist, und sie beklagen sich, dass der Lehrer Deutschland sie nicht versteht. Da müssen auch sie aktiver werden.

ZDFheute: Das Bild der Deutschen war in den acht Regierungsjahren der nationalkonservativen PiS (2015 bis 2023) schlechter geworden - wozu dieses Feindbild Deutschland?

Łada-Konefał: Die Konservativen, die Populisten, brauchen immer Schwarz-Weiß-Bilder. Sie sind einfach zu verkaufen, sind sofort verständlich. Aber die Untersuchungen zeigen, die Polen sind nicht anti-deutsch. Das ist wirklich eine sehr kleine Gruppe von Polen, die negative Gefühle Deutschland gegenüber hat. Die Mehrheit ist in der Mitte.

Blick auf die Skyline Warschaus.

Moderne digitale Infrastruktur, hohes Ausbildungsniveau und hohe Kaufkraft: Polens Wirtschaft wächst stabil. Das Land hat die EU-Fördermilliarden geschickt eingesetzt und investiert weiter.

12.03.2026 | 2:10 min

ZDFheute: Mit dem Regierungswechsel 2023 in Polen und dem liberalkonservativen Ministerpräsidenten Tusk - hat sich das deutsch-polnische Verhältnis sofort verbessert?

Łada-Konefał: Die Erwartungen in Deutschland waren sehr groß, auch die Erwartung in der Wählerschaft der Bürgerkoalition (Anm. d. Red., Partei von Donald Tusk) war sehr groß, dass die Beziehungen zu Deutschland sich verbessern sollten. Das ist nicht geschehen.

Im Bereich Kommunikation ist es viel besser geworden. Die Regierenden in Polen verbreiten heutzutage keine Stereotype, keine Feindbilder von Deutschland.

Agnieszka Łada-Konefał

Aber der Wunsch nach Kooperation ist kaum zu sehen, weil die Regierungskoalition Kritik seitens der rechten Opposition befürchtet. Sie wollen sich nicht angreifbar machen mit einem zu engen Verhältnis zu Deutschland. Und es ist falsch, weil, wie gesagt, die Mehrheit der Polen nicht anti-Deutsch ist, sondern sich gute Beziehungen wünscht.

ZDFheute: Welche Fehler wurden, welche werden gemacht im deutsch-polnischen Verhältnis und von wem?

Łada-Konefał: Beide Seiten, die deutsche und die polnische Regierung, tragen Verantwortung dafür, dass die Beziehungen nicht so gut sind, wie sie sein könnten und sollten. Wir haben gemeinsame Interessen, vor allem im Bereich Sicherheit, aber die Polen stecken innenpolitisch in einer Falle.

Die Regierung und vor allem Donald Tusk persönlich will sich nicht zu deutschlandfreundlich äußern und aktiv werden.

Die Deutschen wiederum verstehen bestimmte Sachen nicht, die mit der Geschichte zu tun haben: Nämlich eine humanitäre Geste gegenüber den noch lebenden Opfern oder das Denkmal für die polnischen Opfer in Berlin.

Agnieszka Łada-Konefał

Das sind nicht nur Symbole für die polnische Seele, das sind konkrete Taten, die die Polen erwarten.

Die Flaggen von Deutschland und der Republik Polen am Kanzleramt.

Dieser Brief schrieb Geschichte: Am 18.11.1965 schrieben polnische Bischöfe an ihre deutschen Amtsbrüder: "Wir vergeben und bitten um Vergebung". Die Versöhnung nach dem Zweiten Weltkrieg begann.

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ZDFheute: Es gibt immer noch Stereotype: Polen klauen und die Deutschen sind Nazis, warum?

Łada-Konefał: Stereotype, das ist psychologisch gesehen etwas, was sehr lange bleibt und nicht einfach von sich aus weggeht. Man muss daran arbeiten und das "Deutsch-Polnische Barometer", die regelmäßige deutsch-polnische Umfrage, zeigt:

Diejenigen, die Kontakt mit dem Nachbarland haben, haben viel weniger Stereotype, sie kennen die Realität.

Agnieszka Łada-Konefał

Das zeigt, dass wir zu wenige persönliche Kontakte haben. Das ist der Wunsch für die weiteren Jahre der deutsch-polnischen Zusammenarbeit, dass mehr persönliche Begegnungen stattfinden.

Das Interview führte Natalie Steger, Leiterin des ZDF-Studios Warschau.

Über dieses Thema berichtete heute in Europa am 17.06.2026 im Beitrag "35 Jahre Nachbarschaftsvertrag" ab 16:00 Uhr.
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