Fehlende psychotherapeutische Betreuung:Hoher Konsum von Antidepressiva in Portugal
von Tilo Wagner
Der Konsum von Anti-Depressiva hat in Portugal stark zugenommen. Er liegt durchschnittlich deutlich höher als in Deutschland. Das staatliche Gesundheitssystem sucht nach Lösungen.
In Portugal werden sehr oft Antidepressiva verschrieben. Ein Grund: Psychologen und alternative Behandlungsformen sind teuer und knapp. Die Einnahme wurde lange Zeit unkritisch gesehen.
26.02.2026 | 2:14 minIhre erste schwere Depression hat bei Manuela Cipriano tiefe Spuren hinterlassen. Vor rund 25 Jahren wurde die 53-Jährige nach einer psychischen Krise in ein staatliches Krankenhaus in Lissabon eingeliefert. Als sie nachts rastlos über die Flure wanderte, zerrten sie ein paar Pfleger zurück ins Zimmer und fesselten sie mit Bändern ans Bett.
Viele Krankenhausmitarbeiter hatten scheinbar keine Ahnung, wie man mit psychisch Kranken umgeht.
Manuela Cipriano, Patientin
Eine Psychiaterin diagnostizierte eine bipolare Störung. Cipriano wurden Antidepressiva verschrieben.
Eine Studie der Stiftung Deutsche Depressionshilfe zeigt, dass jeder zweite Bürger schonmal über Social Media nach Depressionen gesucht hat. Bei der Suche ist Vorsicht geboten.
25.11.2025 | 3:59 minKaum Psychologen im Gesundheitssystem
Bis heute nimmt sie täglich fünf verschiedene Medikamente, um ihre Krankheit unter Kontrolle zu bekommen. Manuela Cipriano hat trotz der hohen Kosten bei einer privaten Psychologin eine Gesprächstherapie begonnen. Denn im staatlichen Gesundheitssystem hat man sich darum nicht gekümmert:
Eine Psychotherapie durch einen Psychologen wurde mir nie vorgeschlagen, es wurde mir nie angeboten.
Manuela Cipriano, Patientin
In Portugal ist das staatliche Gesundheitssystem für die Bewohner kostenfrei. Die Finanzierung läuft über den Staatshaushalt, doch der Sektor ist seit Jahren unterfinanziert. Aus dem EU-Corona-Wiederaufbau-Fonds hat Portugal 88 Millionen Euro in die Reform des staatlichen Bereichs "Psychische Gesundheit" gesteckt. Das zeige den Willen der Regierung, neue Lösungen zu schaffen, sagt der Koordinator im Gesundheitsministerium, Miguel Xavier, der ZDFheute: "Wir haben trotzdem nicht die nötigen Mittel, um genügend geschulte Mitarbeiter einzustellen und in die Teams zu integrieren."
Es fehlt an einem Netzwerk von ausgebildeten Psychologen in staatlichen Gesundheitszentren, die den Patienten Hilfe leisten können - ohne Medikamente zu verschreiben.
Miguel Xavier, Koordinator Gesundheitsministerium
Immer mehr Jugendliche leiden unter psychischen Problemen. Die Bundesschülerkonferenz verlangt mit einem Zehn-Punkte-Plan mehr Engagement von Schulen und Politik.
30.10.2025 | 1:39 minAntidepressiva vom Hausarzt
Psychologen und Therapeuten gibt es eigentlich genügend in Portugal, allerdings arbeiten sie vor allem im privaten Sektor. Viele Bürger schließen mittlerweile private Krankenversicherungen ab, um neben dem kostenfreien staatlichen Gesundheitssystem weitere Leistungen der privaten Gesundheitsversorgung nutzen zu können. Doch diese Krankenversicherungen zahlen für eine psychotherapeutische Behandlung in den meisten Fällen keine Zuschüsse.
"Die Kosten für eine wöchentliche Therapie über einen längeren Zeitraum sind für die meisten portugiesischen Familien unerschwinglich, sodass sie letztendlich eher auf medikamentöse Therapien zurückgreifen", sagt Rita Molinar, Ärztin und Leiterin eines Gesundheitszentrums in Lissabon. Die Zentren sind in der Regel die erste Anlaufstation für psychisch kranke Patienten. Die Hausärzte verschreiben die Antidepressiva, um eine erste, schnelle Lösung zu finden. Doch dabei bleibt es meistens.
Laut medizinischer Definition sollen Antidepressiva nicht süchtig machen, doch immer wieder klagen Betroffene über Schwierigkeiten beim Absetzen.
22.05.2025 | 5:15 minHoher Bevölkerungsanteil mit psychischen Erkrankungen
Portugal ist innerhalb der OECD das Land mit dem zweithöchsten Konsum von Antidepressiva. Der durchschnittliche Pro-Kopf-Verbrauch liegt doppelt so hoch wie in Deutschland. Neben dem schwierigen Zugang zu psychotherapeutischer Behandlung gibt es noch andere Faktoren, die den hohen Konsum erklären. Portugal ist prinzipiell ein Land, das einen viel höheren Bevölkerungsanteil an Menschen mit psychischen Erkrankungen zählt als der EU-Durchschnitt. Experten erklären dies mit der hohen sozialen Ungleichheit, die in Portugal herrscht, und mit einer überalterten Bevölkerung, die häufig in großer Isolation lebt. Antidepressiva, so der Gesundheitsexperte Miguel Xavier, würden in Portugal auch häufig verschrieben, um chronische Schmerzen der älteren Bevölkerung zu behandeln.
Sophie Altmann ist schwanger. Statt Vorfreude empfindet sie Erschöpfung und Gereiztheit. Sie leidet unter einer pränatalen Depression - ohne es zu wissen.
21.10.2025 | 1:13 minReform des Gesundheitswesens
Die Reform im Gesundheitswesen zielt nun darauf ab, engere Kooperation und Koordination zwischen Gesundheitszentren und spezialisierten Abteilungen in den Krankenhäusern herzustellen, Fachkräfte gezielter weiterzubilden und eine effizientere Antwort für Risikogruppen in strukturschwachen Regionen zu finden. "Die Reform des Bereichs 'Psychische Gesundheit' in Portugal ist ein sehr komplexer Prozess mit vielen Fortschritten und mit vielen Rückschlägen", sagt Miguel Xavier. "Wir befinden uns derzeit in der vierten Reform. Das heißt, dass die anderen drei Reformversuche es nicht geschafft haben, Antworten auf die Probleme zu finden. Vielleicht klappt es diesmal." Hoffnung macht zumindest eine Entwicklung: Seit der Corona-Pandemie wird in Portugal viel häufiger und offener über die psychischen Probleme in der Bevölkerung und mögliche Lösungsansätze gesprochen.
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