Humanitäre Krise in Spaniens Exklave:Migrantenandrang in Ceuta: Was sind mögliche Gründe?
von Oliver Klein und Nils Metzger
Zehntausende Menschen aus Marokko erreichen binnen weniger Tage die spanische Exklave Ceuta. Was sind mögliche Gründe für den plötzlichen Andrang von Migranten?
Zehntausende Menschen erreichen von Marokko aus die spanische Exklave Ceuta. Die Regierung entsendet das Militär und zusätzliche Polizeikräfte. ZDFheute live ordnet ein.
31.07.2026 | 27:52 minDie Situation in Ceuta spitzt sich zu. Inzwischen überwanden nach neuen Behördenangaben rund 60.000 Migranten die Grenze zwischen Marokko und der spanischen Exklave. Die Aufnahmeeinrichtungen sind völlig überlastet. Nun schickte die Regierung in Madrid zur Unterstützung der örtlichen Polizei sogar das Militär.
Was macht die spanische Exklave Ceuta, was macht den aktuellen Ansturm so besonders? Warum passiert das ausgerechnet jetzt? Und wie reagiert die EU? ZDFheute beantwortet die wichtigsten Fragen.
Was ist das Besondere an Ceuta?
Ceuta liegt an der nordafrikanischen Küste auf einer Halbinsel, die an Marokko grenzt. Gegenüber liegt Gibraltar, wohin es weniger als 30 Kilometer mit der Fähre sind. Die kleine Exklave mit gut 80.000 Einwohnern gehört seit dem 17. Jahrhundert zu Spanien, zuvor gehörte sie zu Portugal. Heißt: Wer die Stadt erreicht, ist in der EU.
Zehntausende Menschen erreichen binnen weniger Tage die Grenze zur spanischen Exklave Ceuta. Mehrere Menschen sollen beim Versuch, die Stadt zu erreichen, ums Leben gekommen sein. Spanien entsendet Soldaten.
31.07.2026 | 1:53 minViele Arbeitsmigranten kommen täglich legal aus Marokko. Ebenso wie die zweite spanische Exklave Melilla weiter östlich, ist Ceuta aber seit Jahren auch regelmäßig Ziel von irregulären Migranten, die sich ein besseres Leben in Europa erhoffen. Ein Grenzzaun umgibt die dicht bebaute Stadt, der jedoch insbesondere an der Küste umschwommen werden kann.
In den vergangenen Jahren gab es immer wieder Fälle, in denen größere Menschengruppen gemeinsam versuchten, Ceuta zu erreichen. Schon seit Anfang 2026 ist ein Anstieg zu beobachten: In den ersten sechs Monaten 2026 gab es laut spanischem Innenministerium 2.582 Einreiseversuche aus Marokko nach Ceuta, gegenüber 978 im Vorjahreszeitraum. Einen Andrang wie jetzt hat die Exklave aber noch nie erlebt.
Zehntausende Menschen erreichen von Marokko aus die spanische Exklave Ceuta. Die Regierung entsendet das Militär und zusätzliche Polizeikräfte. ZDFheute live ordnet ein.
31.07.2026 | 27:52 minWas ist dort passiert?
Seit Donnerstag kamen Zehntausende Migranten in die Exklave Ceuta - teils auf dem Landweg, viele schwammen aber auch vom marokkanischen Festland an den Strand bei Ceuta. Wie viele genau ist unklar, die Angaben widersprechen sich: Das spanische Innenministerium sprach zunächst von etwa 49.000 Menschen, nach neuesten Behördenangaben sollen es rund 60.000 sein.
Offenbar waren Grenzbeamte zeitweise so überfordert mit der Lage, dass sie viele Menschen einfach über die Grenze ließen. "Wenn Menschen zum Strand von Ceuta schwimmen, gibt es für die Grenzschützer nicht viele Möglichkeiten", sagte der Migrationsforscher Gerald Knaus bei ZDFheute live. Man könne die Menschen nicht stoppen - nur schnell zurückschicken.
Mindestens 34 Menschen sollen beim Versuch, nach Ceuta zu gelangen, ums Leben gekommen sein. Viele seien ertrunken, aber auch im Gedränge beim Überwinden des Zauns am Wellenbrecher des Strandes habe es Opfer gegeben, hieß es aus Polizeikreisen.
Karte von Marokko und Spanien mit den Exklaven Ceuta und Melilla
Quelle: ZDFWie ist die aktuelle Lage in Ceuta?
Die Ankunft von Migranten aus Marokko dauerte auch am Freitagmorgen an, wie es aus Polizeikreisen weiter hieß. "Die ganze Nacht über gab es einen stetigen Zustrom von Menschen." Die Aufnahmeeinrichtungen gelten inzwischen als überlastet. Ceutas Regionalpräsident Juan Jesús Vivas sprach von einem "totalen humanitären und sozialen Notstand".
Darum sollen Tausende Migranten inzwischen auch schon wieder freiwillig die Rückkehr nach Marokko angetreten haben. Die spanische Zeitung "El Pais" berichtet, sie hätten vor Ort keinen Schlafplatz und nichts zu essen gefunden, in Restaurants seien sie nicht bedient worden, Einheimische hätten sie mit Steinen beworfen. Das spanische Innenministerium erklärte, rund 25.000 Migranten hätten die Exklave bereits wieder verlassen.
Die spanische Regierung entsandte angesichts der Lage Soldaten in die Exklave. Die Soldaten sollten die örtliche Polizei "bei allen weiteren Maßnahmen unterstützen, die zum Aufrechterhalten der Sicherheit" erforderlich sein könnten, erklärte das spanische Innenministerium.
In der spanischen Exklave Ceuta sind innerhalb weniger Tage mehr als 1.500 Flüchtlinge angekommen. Die Regionalregierung ist überfordert. Nun soll Militär zur Unterstützung kommen.
30.07.2026 | 1:23 minWas sind die Gründe für den aktuellen Ansturm?
Was so viele Migranten gleichzeitig veranlasste zu versuchen, Ceuta zu erreichen, war zunächst unklar. Es gibt mehrere Erklärungen, die jedoch bislang nicht offiziell oder unabhängig bestätigt wurden.
Eine Option ist, dass Marokko Spanien unter Druck setzen will: Bereits in der Vergangenheit setzte Marokko die exponierte Lage von Ceuta gezielt gegen Spanien und die EU ein. 2021 überquerten schon einmal etwa 10.000 Migranten innerhalb von zwei Tagen die Grenze. Das Forschungsinstitut Barcelona Centre for International Affairs schrieb damals von einem bewussten Einsatz von "Migration als Waffe" durch die marokkanische Regierung, um eine Kooperation Spanien in Migrationsfragen zu erzwingen.
Damals gab es Streit zwischen beiden Ländern wegen der Westsahara-Politik Spaniens. Später näherten sich Spanien und Marokko wieder an, und die Lage an der Grenze in Ceuta beruhigte sich. Migrationsforscher Knaus erklärt bei ZDFheute live, dass es auch zuletzt zwischen Marokko und Spanien knirschte: "Jetzt hat Spanien versucht, seine Beziehungen mit Algerien zu verbessern - das wiederum gefällt nicht allen in Rabat." Beweise habe er dafür aber nicht, betont Knaus. Hintergrund: Marokko und Algerien haben eine Vergangenheit voller teils kriegerischer Konflikte.
Unter einem Industriehangar in der spanischen Exklave Ceuta hat die Polizei ein Tunnelsystem zum Schmuggeln von Drogen freigelegt. Aus Marokko wurde die Ware so heimlich über die Grenze gebracht.
31.03.2026 | 0:44 minBislang gibt es keine Belege, dass die aktuellen Migrationsbewegungen Teil einer gezielten politischen Kampagne sind. Von marokkanischer Seite waren jedoch zunächst keine Maßnahmen zu erkennen, um die Menschenmassen zu stoppen, die nach Ceuta gelangen wollen.
Spanische wie marokkanische Medien verweisen aktuell auch auf ein Gerichtsurteil in Spanien: Ende Juni hatte der Oberste Gerichtshof bestimmte Abschiebepraktiken für Ceuta und Melilla gestoppt. Schleppernetzwerke würden nun falsche Informationen verbreiten, dass man in Folge des Urteils frei nach Spanien einreisen könne. Über den Umfang solcher Gerüchte gibt es ebenfalls noch keine gesicherten Erkenntnisse.
Wie reagieren die EU-Länder?
Bundeskanzler Friedrich Merz forderte von Spanien, das Land müsse "die Situation in Ceuta schnellstmöglich wieder in den Griff bekommen". Zugleich betonte er: "Von Marokko erwarten wir, dass sie die illegalen Migranten unverzüglich wieder zurücknehmen."
Italiens rechte Ministerpräsidentin Giorgia Meloni bringt sogar den Ausschluss Spaniens aus dem Schengen-Raum ins Spiel: In einem X-Post erklärte sie, Italien werde angesichts der Entwicklungen "nicht tatenlos zusehen".
Posting von Meloni bei X
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Auch Schwedens Ministerpräsident Ulf Kristersson schrieb auf X, Spanien müsse die Kontrolle wiedererlangen und den Verpflichtungen im Rahmen der Schengen-Zusammenarbeit nachkommen. Sollte die Entwicklung die Sicherheit oder die Migrationslage in Schweden gefährden, sei seine Regierung zu Maßnahmen bereit, "Ordnung und Kontrolle zu gewährleisten".
Die finnische Innenministerin Mari Rantanen schrieb auf X, Spanien habe dabei versagt, die Außengrenze des Schengen-Raums zu schützen. Die EU-Länder müssten die Forderung von Meloni unterstützen. Länder, die nicht in der Lage seien, die Grenzen zu schützen, könnten nicht Mitglieder des Schengen-Raums sein, schrieb sie.
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