Geschäft mit Ausbildungsverträgen:Was hinter dem Verschwinden vietnamesischer Azubis steckt
von Steffi Unsleber, Linda Huber und Linh Tran
Etwa 200 vietnamesische Azubis sollen 2025 nicht mehr zum Unterricht an einer Berliner Berufsschule erschienen sein. Was wurde aus ihnen? Eine Recherche der ZDF-Reihe "Die Spur".
An einer Berufsschule in Berlin sollen über 200 Berufsschüler verschwunden sein - alle kamen aus Vietnam. Sie kamen nach Deutschland, um in der Gastronomie zu arbeiten. Was wurde aus ihnen?
28.10.2026 | 28:31 minIm Oktober 2025 wurde durch die Berichterstattung des RBB bekannt, dass rund 200 vietnamesische Azubis im Gastgewerbe nicht mehr zum Berufsschulunterricht an der Brillat-Savarin-Schule in Berlin-Weißensee erschienen. Was ist mit ihnen passiert?
Das Autorinnenteam der ZDF-Reihe "Die Spur" sprach mit Schülerinnen und Schülern, der Gewerkschaft Nahrung-Genuss-Gaststätten und mit Insidern.
Die Reporterinnen stießen auf verschiedene Erklärungen. So seien etwa durch sehr hohe Gebühren der Vermittlungsagenturen in Vietnam einige der Azubis unter solchen finanziellen Druck geraten, dass sie aus der regulären Ausbildung in die Schwarzarbeit wechselten. Die Recherchen zeigen, dass die vietnamesischen Azubis im Durchschnitt 12.000 Euro für Sprachzertifikate, Flug und Organisation zahlen. Mit einem Auszubildendengehalt kaum zu stemmen.
Vietnamesische Azubis berichten von schlechten Unterkünften, fehlendem Lohn und fragwürdigen Arbeitsvermittlern. Ein Fall, der systemische Probleme bei der Fachkräfteanwerbung offenlegt.
24.07.2026 | 29:03 minIHK: Sorge wegen gefälschter Verträge
Gleichzeitig sollen dubiose Vermittlungsagenturen aus Vietnam offenbar mit gefälschten Ausbildungsverträgen handeln. Bestehende Verträge würden dupliziert und unter neuem Namen weiterverkauft. Mitunter seien die Betriebe eingeweiht und kassierten Provision. So beschreiben Quellen aus dem Umfeld von Vermittlungsagenturen das System.
Auch der Industrie- und Handelskammer in Berlin sind diese gefälschten Verträge bekannt. Eine Sprecherin schreibt:
Was in der Tat vorkommt und uns auch große Sorgen macht, ist, dass versucht wird, Jugendliche mit gefälschten Ausbildungsverträgen inklusive gefälschtem IHK-Stempel ins Land zu schleusen.
Sprecherin IHK
Den Recherchen der Reporterinnen zufolge könnte ein Teil der verschwundenen Azubis mit solchen gefälschten Ausbildungsverträgen nach Deutschland eingereist sein. Die Ausbildung würde dabei nur zum Schein verfolgt. Das System funktioniere so: Die Schüler meldeten sich an der Berufsschule an, um einen längerfristigen Aufenthalt zu bekommen. Irgendwann gingen die Azubis dann nicht mehr in den Unterricht. Das eigentliche Ziel sei die Schwarzarbeit.
Die Dokumentation "Das Rätsel der verschwundenen Azubis" des ZDF-Dokuformats "Die Spur" sehen Sie am 28.10.2026 ab 18:00 Uhr im ZDF-Streaming-Portal und ab 22:45 Uhr im ZDF.
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27.07.2026 | 6:58 minBundespolizei: Vermittlungsagenturen zertifizieren
Auch die Bundespolizei bestätigt die Rechercheergebnisse: "Wir wissen, dass sämtliche erforderlichen Dokumente, die man für eine Beantragung des Visums braucht, auf dem Schwarzmarkt erworben werden können", sagt Florian Güthlein vom Bundespolizeipräsidium in Potsdam. "Darunter auch Sprachzertifikate und gefälschte Ausbildungsverträge."
Deshalb habe die Bundespolizei ihre Mitarbeitenden an Flughäfen und in Botschaften für das Problem sensibilisiert. Vietnam gelte als einer der Hotspots für Visabetrug. Insgesamt nähmen die Fälle zu - das Ausmaß sei aber unklar. "Wir sehen immer nur das Hellfeld", sagt Güthlein. Wie viele erschlichene Visa unentdeckt bleiben, sei unklar.
Es gebe aus Sicht der Bundespolizei zwei Möglichkeiten, um den Missbrauch zu verhindern. Zum einen: Die vietnamesischen Vermittlungsagenturen sollten öffentlich zertifiziert werden. Zum anderen: Bisher gebe es nicht standardmäßig bei jedem Visumsantrag ein persönliches Gespräch zwischen Antragsteller und Botschaft. Das wäre aber nötig. Dabei könnten zum Beispiel die Sprachkenntnisse überprüft werden.
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Güthlein sagt, dass es auch im Sinne der Antragsteller sei, Missbrauch aufzudecken. Denn eine illegale Einreise ziehe viele Probleme nach sich:
Es sind knallharte Abhängigkeitsverhältnisse, die hier entstehen
Florian Güthlein, Bundespolizeipräsidium Potsdam
Menschen, die Hoffnung auf ein besseres Leben hätten, gingen einen Deal mit der Schleuserorganisation ein und müssten ihre Schulden unter menschenunwürdigen Bedingungen abstottern. "Die Menschen werden dabei aufs Schlimmste ausgebeutet", sagt Güthlein. Wie viele Azubis aus der Brillat-Savarin-Schule in diesem System ganz genau untergetaucht sein sollen, ist nicht bekannt.
Das Schicksal von rund fünfzig der vermissten Azubis konnte vom Landeskriminalamt geklärt werden. Sie hatten in der Zwischenzeit geheiratet, andere waren in andere Bundesländer umgezogen oder waren nie eingereist. Manche hatten den Ausbildungsbetrieb gewechselt. Von den anderen fehlt weiterhin jede Spur.
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