25 Jahre nach den Terroranschlägen:Wie blickt die arabische Welt auf 9/11?
von Jenifer Girke
Während die USA der Opfer von 9/11 gedenken, dominiert im Nahen Osten eine andere Erinnerung: die Folgen der Anschläge für die Region. Wie blickt man heute auf die Terrorangriffe?
Am 11. September 2001 wurde das Fernsehprogramm im ZDF für eine Spezial-Sendung mit Live-Bildern aus New York unterbrochen. Sehen Sie hier den Beitrag aus dem ZDF-Archiv.
09.09.2026 | 4:46 minAm 11. September 2001 zeigten arabische Medien die Bilder aus New York in Dauerschleife, Regierungschefs der Region drückten ihr Bedauern aus. 25 Jahre später: Während in den USA und vielen anderen Ländern Gedenkveranstaltungen abgehalten werden, sieht es in arabischen Ländern anders aus. Der Nahost-Experte Hisham A. Hellyer erklärt: "Der 11. September war natürlich völlig inakzeptabel und ein terroristischer Anschlag, aber leider gab es in der arabischen Welt viele terroristische Anschläge."
Al-Qaida habe im Laufe ihres Bestehens vor allem muslimische Ziele angegriffen, so Hellyer im ZDFheute-Interview. "Und diese werden nicht jedes Jahr mit einer Gedenkveranstaltung begangen."
Hinzu kommt: Viele arabische Länder haben eine sehr junge Bevölkerung und zahlreiche Menschen haben die Anschläge von 9/11 nicht persönlich miterlebt. Was sie miterleben, sind aktuelle Konflikte - und davon gibt es reichlich, zum Beispiel den Iran-Krieg und all seine Auswirkungen. Es gebe so viele Krisen in der Region, "die die Menschen dort viel unmittelbarer betreffen und die viel greifbarer sind - sei es, weil sie zeitlich näher liegen oder weil es bereits zu militärischen Auseinandersetzungen kommt", sagt auch Hellyer.
New York gedenkt der fast 3.000 Opfer der Anschläge vom 11. September 2001 mit einer Licht-Installation. Zu der zentralen Feier werden mehrere frühere US-Präsidenten erwartet.
11.09.2026 | 1:06 minDie Folgen von 9/11 für arabische Länder
Fragt man in der Region nach 9/11, erzählen die Menschen vor allem davon, was danach passierte. So auch im Irak: Wir treffen ein ehemaliges Mitglied des irakischen Verteidigungsministeriums, Maan Al-Jubouri. Er kann sich noch gut daran erinnern, wie er die Geschehnisse am 11. September miterlebte: "Damals war Satellitenfernsehen im Irak eigentlich verboten, doch wir versteckten und tarnten die Anlage bewusst, um die internationalen Nachrichten verfolgen zu können."
Die schlimmste Phase war zweifellos die Zeit zwischen dem 11. September und dem Jahr 2003; der Irak zahlte dafür einen sehr hohen Preis.
Maan Al-Jubouri, ehemaliger Berater des irakischen Verteidigungsministeriums
In ihrem "War on Terror", dem Krieg gegen Terror, fielen die USA im Oktober 2001 in Afghanistan ein und im März 2003 in den Irak. Al-Jubouri nennt den Krieg in Afghanistan "zwangsläufig", da Osama bin Laden und sein Terrornetzwerk Al-Qaida dort ansässig waren und das Land über Jahre hinweg als ihr zentrales Hauptquartier nutzten.
... ist ein irakischer Sicherheitsexperte, Stratege und ehemaliges Mitglied des irakischen Verteidigungsministeriums. Er äußert sich regelmäßig zur Sicherheitslage im Irak, zu regionalen Beziehungen, zur Rolle bewaffneter Gruppierungen sowie zur Politik Irans und der USA in der Region.
Irakischer Ex-Militär: Irak-Krieg war "bewusste Entscheidung"
"Deshalb erklärten die meisten US-Präsidenten nach George W. Bush - Obama, Biden und sogar Trump -, dass der Krieg in Afghanistan eine Notwendigkeit gewesen sei, während der Irakkrieg eine bewusste Entscheidung darstellte", sagt der irakische Sicherheitsexperte im ZDFheute-Interview.
Denn die Schuld wurde gezielt Al-Qaida und Osama bin Laden zugeschrieben, deren Nährboden natürlich Afghanistan war, wohingegen der Irak isoliert dastand.
Maan Al-Jubouri, ehemaliges Mitglied des irakischen Verteidigungsministeriums
Nach den Terroranschlägen von 9/11 rufen die USA den Kampf gegen den Terrorismus aus. Eine Bilanz nach 25 Jahren.
11.09.2026 | 2:58 minBis heute sei keine direkte Verbindung zwischen dem irakischen Regime unter Saddam Hussein und Al-Qaida oder Osama bin Laden nachgewiesen, so Al-Jubouri.
Durch den Einmarsch der USA in den Irak wurde der Diktator Saddam Hussein gestürzt - es entstand ein Machtvakuum und ein Bürgerkrieg, was von Terrorgruppen wie dem ISIS ausgenutzt worden sei, sagt Al-Jubouri.
Wir haben Millionen von Toten, Vermissten und Verwundeten; wir haben Millionen von Witwen und Waisen.
Maan Al-Jubouri, ehemaliges Mitglied des irakischen Verteidigungsministeriums
Und weiter: "Zudem stehen wir nun vor einem großen Problem innerhalb der irakischen Kultur und der irakischen Wahrnehmung."
Nach 9/11 wächst die Angst, nicht nur in den USA. Feindbilder verbreiten und verfestigen sich. Krisen, Überwachung und Hass im Netz tragen zum viralen Erfolg von Verschwörungstheorien bei.
29.08.2026 | 44:00 minWahrnehmung von arabischen und muslimischen Menschen nach 9/11
Auf den Straßen Bagdads spürt man, dass diese Frage nach der Wahrnehmung noch nicht geklärt ist. Muntazar Khalid, ein Einwohner Bagdads, berichtet:
Um Himmels willen, wenn wir an den 11. September denken, kommen uns als Erstes die Satellitenübertragungen in den Sinn, wie die Flugzeuge in die Türme einschlugen - es war eine gewaltige Katastrophe für die ganze Welt.
Muntazar Khalid, irakischer Bürger in Bagdad
"Leider führte dies zum Krieg in Afghanistan, und anschließend beschuldigte man den Irak. Der Irak ist unschuldig. Selbst die jüngsten Kriege und all diese Probleme haben ihren Ursprung im 11. September, leider", sagt Khalid.
Ein weiterer Anwohner, der Iraker Ali Qadouri, bedauert besonders, dass die Religion des Islams immer wieder mit 9/11 in Verbindung gebracht werde: "Osama bin Laden war ein arabischer Muslim. Dadurch rückte der Islam in den Fokus der Aufmerksamkeit, und die weltweite Wahrnehmung der Religion wandelte sich. Man setzte sie mit Terrorismus gleich, obwohl sie davon weit entfernt ist. Der Islam ist tolerant, eine Religion der Barmherzigkeit, und er hegt Liebe für die Menschheit; all diese Anschuldigungen gegen den Islam waren falsch."
Nach 9/11 standen Muslime in New York unter Generalverdacht. 25 Jahre später ist mit Zohran Mamdani ein Muslim Bürgermeister. Das weckt vor dem 9/11-Gedenken sehr unterschiedliche Emotionen.
09.09.2026 | 8:58 minDass Menschen arabischer Herkunft oder des islamischen Glaubens seit 9/11 oft anders wahrgenommen werden, betreffe auch diejenigen, die außerhalb arabischer Länder leben, zum Beispiel in Europa oder Nordamerika, so der Sicherheitsexperte Hellyer: "Sie waren im Alltag in verschiedenen Bereichen von Racial Profiling und Generalverdacht betroffen, insbesondere durch Sicherheitsbehörden." Ein Phänomen, das bis heute anhalte. Zwar sei dies nicht allein auf den 11. September zurückzuführen, doch die Ereignisse hätten diese Entwicklung massiv verschärft.
Der 11. September - ein Tag des Gedenkens und ein Tag, an dem nach wie vor ein Weg gesucht wird, mit all den Folgen umzugehen. 9/11 hat die Welt verändert - auch die arabische Welt.
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