Wunden, die bleiben:25 Jahre nach 9/11: Die Katastrophe nach der Katastrophe
von Shakuntala Banerjee, Benjamin Daniel, New York
Auch ein Vierteljahrhundert nach 9/11 kämpfen Überlebende gegen die Spätfolgen der Katastrophe. Zwei Frauen haben uns in New York ihre bewegenden Geschichten erzählt.
Am 11. September 2001 wurde das Fernsehprogramm im ZDF für eine Spezial-Sendung mit Live-Bildern aus New York unterbrochen. Sehen Sie hier den Beitrag aus dem ZDF-Archiv.
09.09.2026 | 4:46 min25 Jahre und 19 Kilometer liegen zwischen damals und heute, zwischen Ground Zero und dem wohlsortierten Marine Park-Viertel in Brooklyn. Dort treffen wir Dana Nelson - eine von Tausenden, die 9/11 erlebt und überlebt haben. Dass Dana mit uns redet, hat vor allem einen Grund: Noch immer, sagt sie, würden zu viele nicht die ganze Geschichte kennen.
Der Tag der Anschläge war ihr vierter Schultag an der Stuyvesant-Highschool, gerade mal ein paar Blocks vom World Trade Center entfernt. "Es war ein wunderschöner Tag. Ich war total aufgeregt. Ich sollte an dem Nachmittag für das Debattierteam vorsprechen", erzählt sie.
Ich fuhr mit meinem Vater mit der Staten-Island-Fähre zur Schule, der Himmel war strahlend blau und ich war einfach super drauf und freute mich riesig auf den Tag.
Dana Nelson, Überlebende des 11. September 2001
Gefährlicher Patriotismus
Es ist die erste Schulstunde, auf dem Lehrplan steht Englisch. Doch der Lehrer ist verspätet, die Schüler sitzen allein im Klassenraum im neunten Stock. Dana erinnert sich noch genau an den Moment am Morgen des 11. September 2001: "Die Fenster waren nach Süden ausgerichtet, wir hatten also freie Sicht auf das World Trade Center."
Ein Junge reagierte als Erster, und dann sprangen alle anderen auf, weil sie sahen, dass das World Trade Center brannte.
Dana Nelson
Als die Türme einstürzen, flüchtet Dana mit rund 3.000 anderen Schülerinnen und Schülern durch giftige Rauchschwaden aus der Gefahrenzone. Etwa vier Wochen später sind sie schon wieder zurück - viel zu früh, findet Dana heute. Ihr Vater habe wieder in der Rector Street arbeiten müssen, drei Blocks südlich des World Trade Centers. Sie selbst habe wieder zur Schule gemusst, drei Blocks nördlich des Anschlagsorts.
Nach 9/11 standen Muslime in New York unter Generalverdacht. 25 Jahre später ist mit Zohran Mamdani ein Muslim Bürgermeister. Das weckt vor dem 9/11-Gedenken sehr unterschiedliche Emotionen.
09.09.2026 | 8:58 min"Und wir spürten diese beklemmende Erwartung - vor allem von Politikern und Medien -, dass wir, wenn wir nicht zur Normalität zurückkehrten, die Täter gewinnen lassen", sagt sie.
Wir sollten also aus Patriotismus unbedingt zur Normalität zurückkehren.
Dana Nelson
Der lange Atem des Terrors
Der Krebs kommt Jahre später, kurz nach der Geburt ihres Sohnes. Ihr Vater stirbt an einer aggressiven Krebsform. Heute sind 49.000 solcher Fälle als Spätfolgen anerkannt. "Ich bin außer mir vor Wut", sagt Nelson.
Ich bin wütend, dass Kinder, Zivilisten, New Yorker - ob Lieferanten, Studenten oder Rettungskräfte - wissentlich in ein vergiftetes Umfeld zurückgeschickt wurden.
Dana Nelson
Schicksale wie das von Dana und ihrem Vater gibt es in New York Hunderttausende. Und viele müssen bis heute für ihre Rechte kämpfen.
Der 11. September 2001 – ein Datum, das alles veränderte. „Terra X History“ zeigt die Auswirkungen der Terroranschläge auf das World Trade Center und Pentagon auf die USA und die restliche Welt.
07.09.2026 | 43:21 minAdvokatin der Opfer
Drei Blocks entfernt von Ground Zero treffen wir eine weitere starke Frau: Lila Nordstrom. Seit 2006 kämpft sie dafür, dass die 9/11-Überlebenden angemessen versorgt und kompensiert werden. Wie Dana war auch sie damals Schülerin an der Stuyvesant-Highschool und erlebte die Anschläge hautnah.
Später gründete sie eine Lobby-Gruppe, sagte 2019 sogar vor dem Kongress in Washington aus. Sie sei sehr stolz darauf, Teil einer Kampagne gewesen zu sein, die sowohl zu einem Gesundheits- als auch zu einem Entschädigungs-Programm der Regierung geführt habe. "Das ist äußerst ungewöhnlich."
Trotzdem ist Lila frustriert: Wäre das Leid der Betroffenen früher anerkannt worden, hätten viele Tote und Schwerstkranke verhindert werden können, sagt sie.
Anstatt es als eine Art statischen Moment in der Zeit zu begehen, sollten wir darüber als eine langwierige und folgenreiche Gesundheitskrise sprechen und nicht nur als einen Terroranschlag.
Lila Nordstrom
NANO vom 9.9.: Die Terroranschläge vom 11. September 2001 haben die Welt verändert. 25 Jahre später beschäftigen sich Forschende aus unterschiedlichen Disziplinen mit den Folgen.
09.09.2026 | 27:28 minIn diesem Jahr schließt die Gedenkzeremonie erstmals die Opfer der Spätfolgen ein. Für Lila ein besonderer Moment:
Ich denke, dass es eine wirklich große Sache ist, dass die Gesundheitskrise endlich als Teil der Katastrophe gesehen wird und nicht als eine separate, lästige Angelegenheit, die sich im Hintergrund abspielt.
Lila Nordstrom
25 Jahre nach den Anschlägen stellt sich die Stadt dem ganzen Ausmaß der Terrorkatastrophe. Für die Überlebenden ein wichtiges Signal. Denn noch ringen viele mit den Langzeitfolgen.
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