300 Jahre Senf in Deutschland:Vom Düsseldorfer Mostert bis zum Senfluencer
von Anja Klingen
Seit 300 Jahren gehört Senf zur deutschen Esskultur. Vom Düsseldorfer ABB-Senf über die Monschauer Senfmühle bis zu TikTok reicht seine erstaunliche Geschichte.
Deutscher Senf hat seinen Ursprung in Düsseldorf. Die traditionelle Kaltmahlherstellung ist entscheidend für den Geschmack. Heute überzeugt die Soße auch eine große Bubble auf TikTok.
11.08.2026 | 2:33 minSenf gehört zu Deutschland wie Bratwurst, Currywurst und Kartoffelsalat. 2026 gibt es einen besonderen Grund zum Feiern: Vor 300 Jahren begann in Düsseldorf die erste industrielle Herstellung des berühmten Düsseldorfer Mosterts.
1726 startete Wilhelmus Theodorus Esser die Senfproduktion. Aus dieser Tradition entwickelte sich der heute unter dem Namen ABB bekannte Düsseldorfer Senf, mittlerweile unter dem Dach der Develey Senf & Feinkost GmbH.
Senf-Behälter der berühmten Düsseldorfer Senfmarke ABB. Das Logo soll ein Entwurf von Vincent van Gogh sein.
Quelle: ZDFDer ABB-Senf gilt damit als Deutschlands älteste noch bekannte Senftradition. Hergestellt wird er aus gelber und brauner Senfsaat. Seinen kräftigen Geschmack bekommt er durch eine ganz besondere Zutat. Yvonne Uhr vom Senfladen Düsseldorf:
Der wird mit vergorenem Traubenmost gemacht. Früher gab es noch keinen Tafelessig und dann ist die Senfsaat eingemaischt worden mit dem Traubenmost. Und das macht diesen besonderen würzigen Geschmack auch aus.
Yvonne Uhr, Senfladen Düsseldorf
Sein Logo, das seit 1726 fortbesteht, soll übrigens kein Geringerer als Vincent van Gogh entworfen haben.
Ob scharf, mittelscharf oder süß: In Bautzen wird Senf seit Jahrhunderten mit viel Handarbeit hergestellt. Stefan Kelch besucht die historische Senfmühle und zeigt, wie aus alten Rezepten ein Stück Genusskultur entsteht.
18.11.2025 | 8:22 minVom Mühlstein zur industriellen Produktion
Was einst mit schweren Mühlsteinen und viel Handarbeit begann, ist heute bei großen Herstellern ein hoch technisierter Prozess. Senfkörner werden gereinigt, zerkleinert und mit Wasser oder Essig sowie Salz und Gewürzen vermischt. Anschließend wird die Masse zwischen Metallplatten fein vermahlen, weiterverarbeitet und abgefüllt. Die Industrie produziert dabei in gewaltigen Mengen.
Wie groß der Unterschied sein kann, zeigt ein Vergleich aus Monschau: Die dortige historische Senfmühle schafft rund 400 Kilogramm Senf am Tag. Großbetriebe dagegen etwa 20 bis 30 Tonnen täglich - bis zu 75-mal so viel.
Traditionelle Senf-Herstellung in der Senfmühle von Monschau. Senfmehl, Essig, Salz und Gewürze werden zwischen Basalt-Lava-Mühlsteinen gemahlen.
Quelle: ZDFGanz verschwunden ist die traditionelle Herstellung also nicht. In Monschau wird Senf noch heute zwischen alten Basalt-Lava-Mühlsteinen hergestellt. Senfmehl, Essig, Salz und Gewürze werden zunächst vermengt, anschließend folgt die Mahlung in zwei Durchgängen. Gemahlen wird kalt und als Nassvermahlung.
Chefin Ruth Breuer führt in fünfter Generation den Betrieb:
Der traditionelle Senf überzeugt die Leute, weil man halt zuschauen kann. Man kann gucken, wie wird das gemacht, und dann hat man auch Vertrauen zu dem Produkt.
Ruth Breuer, Chefin der Senfmühle Monschau
Und das Traditionelle würde einfach anders schmecken als ein Industriesenf, erklärt Breuer weiter. Dadurch, dass die ätherischen Öle erhalten blieben, merke man den Unterschied.
Gewürze geben unserem Essen den letzten Kick, aber oft sind sie gepanscht, verunreinigt oder gestreckt. Dabei gibt es sie schon längst, die guten Gewürze.
25.07.2026 | 29:43 min76 Prozent der Deutschen kaufen Senf
Senf ist trotz seiner langen Geschichte nicht aus der Mode. Nach Angaben von Kulinaria Deutschland kaufen 76 Prozent der Deutschen regelmäßig Senf. 33 Prozent der KäuferInnen bevorzugen den mittelscharfen Klassiker. Doch auch exotische Varianten wie Apfel-Meerrettich, Johannisbeere, Ingwer-Ananas oder Chili sind beliebt.
Doch Senf kann mehr, als nur gut schmecken. Die ätherischen Öle machen den Kopf frei, wirken antioxidativ, unterstützen Verdauung und Stoffwechsel. Und das mit vergleichsweise wenig Kalorien.
Jetzt kommt der Senfluencer
Auch die sozialen Netzwerke haben den kleinen Scharfmacher entdeckt. Hier entstehen Videos über Verkostungen, neue Sorten und ungewöhnliche Kombinationen. Rund 15.000 Hashtags mit dem Wort "Senf" allein auf TikTok zeigen, wie präsent das Thema inzwischen im Netz ist. Eine aktuelle Auswertung kommt allein für #senf auf fast 300 Millionen Aufrufe.
Damit hat Senf eine erstaunliche Reise hinter sich: Vom Düsseldorfer Handwerksbetrieb des Jahres 1726 über automatisierte Produktionsanlagen bis in die Kurzvideo-Welt von TikTok. Die Zutaten sind überschaubar - die Geschichte dahinter ist es nicht. Nach 300 Jahren ist Senf in Deutschland nicht nur kulinarisches Kulturgut, sondern offenbar auch ziemlich social-media-tauglich.
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