Mediensucht: Wie Jugendliche in einer Klinik Handyzeit neu lernen

Töpfern statt TikTok:Klinik gegen Mediensucht: Jugendliche lernen Handyzeit neu

von Leon Müller

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Immer mehr Jugendliche sind medienabhängig. In einer Klinik in Berchtesgaden wird ihnen geholfen. Dort sollen sie zurück in einen analogeren Alltag finden.

Eine Frau hält ein Smartphone, auf dessen Display verschiedene Social Media Apps angezeigt werden. (zu dpa: «Belangloses in Serie – Scrollen Kinder sich um den Verstand?»)

Dean war bis zu 10 Stunden täglich online. In einer Klinik in Berchtesgaden lernt er das Leben ohne Dauer-Scrollen. Laut DAK-Report sind 1,5 Mio. Kinder und Jugendliche suchtgefährdet.

25.03.2026 | 2:58 min

Zuhause war Deans Alltag von seinem Handy bestimmt. Bis zu zehn Stunden am Tag verbrachte er damit - oft bis tief in die Nacht. Schlafprobleme, Ärger in der Schule und kaum noch soziale Kontakte waren die Folge. Heute sagt der 15-Jährige:

Als ich mein Handy bekommen habe - mit 12 war das -, ab da ging es bergab bei mir.

Dean

Aus seiner Faszination für das Handy sei "irgendwie eine Sucht" geworden, sagt er. Für sechs Wochen ist Dean deshalb in einer Klinik für mediensüchtige Jugendliche.

So funktioniert die Therapie gegen Mediensucht

Die Klinik "Schönsicht" in Berchtesgaden ist ein bundesweites Pilotprojekt und wird wissenschaftlich von der Berliner Charité begleitet. Gemeinsam entwickeln sie Therapiemöglichkeiten für medienabhängige Jugendliche. In sechs Wochen sollen die Betroffenen hier aus der digitalen Blase heraus und zurück in einen analogen Alltag finden - mit viel Gemeinschaft, Sport und Kunsttherapie. Dazu kommen regelmäßige Gespräche mit Psychologen und Visiten beim Arzt.

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Zu Beginn gibt es für die Jugendlichen eine medienfreie Woche. Danach ist Mediennutzung nicht verboten, wird aber zeitlich begrenzt: Sieben Stunden in der Woche sind erlaubt. Wie sie diese Zeit aufteilen, müssen die Jugendlichen selbst entscheiden. Das sei für viele Patienten besonders schwierig, meint der Chefarzt der Klinik, Erik Kolfenbach.

Vorher schalten sie ihr Handy an und dann sind die Konflikte weg. Jetzt müssen sie ihre Zeit auf einmal anders verbringen.

Erik Kolfenbach, Chefarzt der Klinik

Social Media und Handy: Immer mehr Jugendliche suchtgefährdet

Laut einer aktuellen Studie der DAK nutzen rund 21,5 Prozent der 10- bis 17-Jährigen Social Media in riskantem Ausmaß. 1,5 Millionen Jugendliche sind demnach von einer Sucht bedroht oder schon betroffen. 6,6 Prozent gelten bereits als abhängig. Das entspricht nach Angaben der DAK rund 350.000 Kindern und Jugendlichen. Zufall sei das nicht, sagt der Neurowissenschaftler Christian Montag:

Die sozialen Medien haben alles daran gesetzt, dass wir in jeder freien Minute auf den Plattformen drauf sind.

Christian Montag, Neurowissenschaftler

Vorstellung der App «freii»

Jugendliche wachsen mit sozialen Medien auf – doch der Umgang damit will gelernt sein. Die neue App "freii", empfohlen vom Suchtbeauftragten der Bundesregierung, soll dabei helfen.

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Die übermäßige Handynutzung verändere laut DAK auch das Belohnungssystem im Gehirn. Denn Likes, Nachrichten und Kurzvideos würden schnelle Dopamin-Kicks geben, die dazu führen können, dass Kinder und Jugendliche weniger Freude an anderen Dingen empfinden.

Konzentrationsprobleme, Lernschwierigkeiten und Schlafstörungen seien weitere mögliche Folgen von zu viel Mediennutzung. Genauso wie Ängste und Depressionen.

Um Suchtentwicklungen vorzubeugen, hat die Deutsche Gesellschaft für Kinder- und Jugendmedizin (DGKJ) nach Altersstufen gestaffelte Empfehlungen herausgegeben:

Unter Dreijährige sollten von jeder passiven und aktiven Nutzung von Bildschirmmedien ferngehalten werden. Das heißt, auch Eltern sollten vor ihren Augen nicht ständig aufs Handy schauen.

Drei- bis Sechsjährige sollten maximal 30 Minuten an einzelnen Tagen Medien konsumieren. Sechs- bis Neunjährige höchstens 30 bis 45 Minuten und Neun- bis Zwölfjährige höchstens 60 Minuten.

Für Zwölf- bis 16-Jährige gilt: maximal ein bis zwei Stunden täglich. Auch für 16- bis 18-Jährige werden zwei Stunden Nutzung als Orientierung angegeben.

Quelle: DGKJ


Nach der Klinik beginnt der eigentliche Test

In der Berchtesgadener Klinik sehen sie Medienabhängigkeit als ein wachsendes Problem. "Im Moment haben wir sehr, sehr viele Anfragen", sagt die Klinikleiterin Iris Edenhofer. Ohne Handy auszukommen und Anerkennung im echten Leben zu finden, sei für viele zunehmend eine Herausforderung.

moma duell: Social-Media-Beschränkung

Sollten soziale Medien für Kinder und Jugendliche unter 16 Jahren beschränkt werden? Ja, sagt Prof. Hendrik Streeck (CDU), Sucht- und Drogenbeauftragter der Bundesregierung. Dagegen ist Medienpädagogin Susanne Eggert.

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Dean versucht in der Klinik genau das zu schaffen. "Ich merke, dass ich auf jeden Fall vieles ändern muss, zum Beispiel in der Schule", sagt der 15-Jährige.

Und ich merke, dass ich weniger an Medien sein muss.

Dean

Ob ihm der neue Umgang mit Handy und Co. gelingt, wird sich zu Hause zeigen. Dort beginnt für medienabhängige Jugendliche wie Dean die eigentliche Herausforderung.

Leon Müller ist Redakteur und Reporter im heute journal.

Über dieses Thema berichtete das heute journal update am 25.03.2026 ab 00:00 Uhr und das heute journal am 29.03.2026 ab 21:45 Uhr.

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