Trabi-Mord: Warum der Täter der Justiz beinahe entkam

Trabi-Mord in Brandenburg:Wie ein Dreifachmörder fast der Justiz entkam

von Bettina Blaß

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Ein brennender Trabi, drei Tote und ein Ehemann unter Verdacht. Während Deutschland wiedervereinigt wird, erschwert der Umbruch der Justiz die Aufklärung des Falls.

Montage: links ist das Wappens der Volkspolizei der DDR zu sehen, rechts das Bild eines brennenden Trabis.

In der DDR soll es keine Gewaltverbrechen geben, das passt nicht zum sozialistischen Menschenbild. Als in Berlin mehrere Kinder ermordet werden, steht die Volkspolizei unter enormem Druck.

27.12.2025 | 44:59 min

Es ist der 22. September 1990. Die Grenze zwischen den beiden Deutschlands ist seit etwa zehn Monaten offen, in wenigen Tagen findet offiziell die Wiedervereinigung statt. An diesem Tag im September brennt zwischen Bühlow und Sellessen in der brandenburgischen Lausitz ein Trabi.

Letzte Bitte an die Notärztin

Als die Notärztin Carmen Frackowiak eintrifft, sieht sie einen großen Feuerball. Daneben liegt eine schwerverletzte Frau, Heidi T. Die Haut an ihrem Körper ist rot, ihre Haare sind versengt. Doch sie kann sprechen.

"Mein Mann wollte mich umbringen und meine Kinder, meine Kinder", sagt Heidi T. nach Aussage der Notärztin. "Sie hatte erzählt, dass sie sich aus dem Auto befreien konnte und dann hat aber ihr Mann sie immer wieder ins Auto rein geschubst", berichtet Carmen Frackowiak in der ZDFinfo-Doku "Mysteriöse Kriminalfälle der DDR - Fatale Fehler".

Sie hat mich beauftragt, dass ich das unbedingt melden soll. Ich soll das unbedingt der Polizei melden, ob ich ihr das verspreche.

Carmen Frackowiak, damals Notärztin

Selbst kann Heidi T. nicht mehr aussagen. Sie stirbt kurz nach dem Unfall im Krankenhaus. Ihre zwei Kinder verbrennen im Auto.

Montage: links das Wappen der Volkspolizei der DDR. Rechts sieht man mehrere schlafende Babys im Neugeborenenzimmer einer Krankenhauses in der DDR.

Vertuscht, verschleppt, verschleiert: Weil das DDR-Regime die Wahrheit fürchtet, sterben Säuglinge in einer Klinik, landet ein Unschuldiger im Gefängnis, und ein Mordfall bleibt ungeklärt.

27.12.2025 | 44:58 min

Helmut T. macht Aussage - empathielos

"Dass der Mann, also der Fahrer, das geplant haben oder durchgeführt haben soll, war in den ersten Stunden und Tagen für uns sehr schwer vorstellbar", sagt der damalige Kriminalhauptkommissar Jörg Frank.

Doch dann meldet sich der Mann und Fahrer des Unfallautos, Helmut T., aus dem Kreiskrankenhaus, weil er eine Aussage machen will. "Er hat unaufgefordert, strukturiert, detailliert den Unfallvorgang geschildert. (...) Seine Schilderung war so empathielos und so deutlich. Und das war schon ungewöhnlich!", so Jörg Frank.

Widersprüche über Widersprüche

T. behauptet, ein Benzinkanister sei im Kofferraum ausgelaufen, seine Frau habe ins Lenkrad gegriffen, der Wagen sei gegen einen Baum geprallt und in Flammen aufgegangen. Er selbst sei durchs Fenster geflohen. Die Kripo Spremberg übergibt den Fall schließlich wegen Mordverdachts an die Staatsanwaltschaft Cottbus.

Dort fragen sich die Ermittler ebenfalls, ob Helmut T.s Geschichte stimmt. Ein Ersthelfer hat gesehen, wie Heidi T. versucht, sich brennend aus der Beifahrertür zu retten - während ihr Mann ihr nicht hilft. Zudem wundert sich die Feuerwehr über die Intensität des Innenraumbrandes. Und Brandexperten der Bergakademie Freiberg halten es für nahezu ausgeschlossen, dass sich das Benzin selbst entzündet habe.

Schließlich wird Helmut T. im Januar 1991 verhaftet. Aber das Oberlandesgericht sieht trotz aller Widersprüche keine ausreichenden Beweise. Nach einem halben Jahr Untersuchungshaft setzen die Richter T. wieder auf freien Fuß.

Montage: An der Seite prangt das Wappen der Volkspolizei der ehemaligen DDR, daneben ist ein Foto mit einem Mann mit Kapuze, der nachts eine Frau verfolgt.

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Ein Fall in einer zerfallenden Republik

Die Kripo Spremberg übernimmt den Fall zu einer Zeit, als die DDR im Grunde bereits Geschichte ist. In der DDR wurden Gewaltverbrechen häufig verschwiegen, weil die Staatsführung den Bürgern einen Sozialismus vermitteln wollte, in dem es keine Mörder gab.

Sehen Sie die Doku "Mysteriöse Kriminalfälle der DDR - Fatale Fehler" am 18. August 2026 um 20:15 Uhr bei ZDFinfo oder jederzeit im ZDF-Streaming-Portal.


Auch deshalb ist das Vertrauen in Polizei und Justiz der DDR bei vielen erschüttert. "Die hatten sehr viel an Glaubwürdigkeit verloren bei der eigenen Bevölkerung", sagt die Historikerin Daniela Münkel vom Stasi-Unterlagen-Archiv.

Aber auch intern haben die Strafverfolgungsbehörden in der Wendezeit mit vielen Veränderungen zu kämpfen: "Es gab schon die ersten Entlassungen von Kripobeamten und Staatsanwälten. Das behinderte natürlich die Ermittlungen", sagt Münkel.

Montage: An der Seite prangt das Wappen der Volkspolizei der ehemaligen DDR, daneben ist ein Foto mit Blick in den Gang eines DDR-Gefängnisses.

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Gutachter krempelt den Fall um

Die Staatsanwaltschaft Cottbus lässt jedoch nicht locker und setzt nach Helmut T.s Entlassung neu an: Sie beauftragt den DEKRA-Sachverständigen Klaus Hellmich, einen der erfahrensten Brandexperten Deutschlands. Er lässt mit seinem Team in Versuchsreihen 15 Trabants kontrolliert abbrennen.

Das Ergebnis ist eindeutig: "Der Brand ist nicht technisch bedingt, sondern von äußerer Hand angelegt worden - und zwar unter Nutzung einer offenen Flamme." Im Laufe der weiteren Ermittlungen wird dann auch das Motiv von Helmut T. klar: Heidi T. wollte sich trennen. Ihr Mann wollte das nicht hinnehmen.

Ein spätes Urteil

Im Juli 1994, fast vier Jahre nach der Tat, verurteilt das Landgericht Cottbus Helmut T. wegen dreifachen Mordes zu lebenslanger Haft. Nach 13 Jahren ist er auf Bewährung entlassen worden.

Über dieses Thema berichtete ZDFinfo in der Sendung "Mysteriöse Kriminalfälle der DDR - Fatale Fehler" am 02.08.2026 ab 16:55 Uhr.
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