55 Jahre "Polizeiruf 110": Ein kritischer Blick auf die DDR

Vor 55 Jahren erste Sendung:Polizeiruf 110: Ein kritischer Blick auf die DDR-Realität

Anja Charlet

von Anja Charlet

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Mord und Totschlag im Sozialismus: Der "Polizeiruf 110" hielt der DDR den Spiegel vor, soweit man ihn ließ. Vor 55 Jahren lief er zum ersten Mal im DDR-Fernsehen.

55 Jahre Kriminalfilmreihe "Polizeiruf 110"

Ab 1971 produzierte der Deutsche Fernsehfunk der DDR die Kriminalreihe "Poizeiruf 110". Nicht immer machte sich die Produktion Freunde im Politbüro.

26.06.2026 | 11:27 min

In den alten "Polizeiruf 110"-Folgen erfährt man viel über die DDR, den Zusammenhalt der Menschen, so manche Ausweglosigkeit. Der "Polizeiruf 110" ähnelte auf eine Art seinem westlichen Pendant, dem "Tatort".

Und auch wieder nicht, erzählt Eberhard Görner. Er hat den "Polizeiruf 110" im DDR-Fernsehen entscheidend mitgeprägt, mehr als 40 Filme tragen seine Handschrift als Dramaturg oder Drehbuchautor. Der westdeutsche "Tatort" sei für den "Polizeiruf" weniger relevant gewesen, sagt er während der Feierlichkeiten zum 55. Jubiläum vom "Polizeiruf".

Was da im 'Tatort' spannend erzählt wurde, war überhaupt nicht zu adaptieren auf das, was uns in der DDR beschäftigt hat und was uns so auf dem Magen lag.

Eberhard Görner, Dramaturg und Drehbuchautor

Die Fernsehmacher hatten einen Vertrag mit dem DDR-Ministerium des Innern, Abteilung Kriminalpolizei. Die meisten Geschichten beruhen auf Tatsachen. Die Fälle reichten von Vergewaltigung, Mord, Habgier, Kindesmissbrauch auch, wenn solche Taten nicht zum Idealbild des sozialistischen Menschen passten.

Beim Polizeiruf gab es ein paar Tabus

Unvergessen bleibt der "Kreuzworträtselfall" über einen Sexualmord an einem Jungen, der sich 1981 in Halle ereignete, der unter größten Mühen aufgeklärt wurde. Oder "Der Mann im Baum". Darin brillierte DDR-Fernsehliebling Günter Schubert in der Rolle eines Vergewaltigers.

Bei der Abnahme mit den Funktionären des DDR-Fernsehens "war es oft so, dass die Kriminalisten gesagt haben: Das kann ruhig so bleiben, die Realität ist viel härter. Das war auch eine Sicherheit für uns", erzählt Drehbuchautor Görner. Unausgesprochenes Tabu war die Kriminalisierung von SED-Funktionären und Ausreiseanträge in den Westen. Eben alles, was nicht ins Bild des perfekt funktionierenden Arbeiter- und Bauernstaates passte.

Das Mosaik-Comic-Heft, das die drei Abrafaxe mit ihren Knollnasen groß machte, gibt es inzwischen seit 70 Jahren.

Das Mosaik-Comic-Heft, das die drei Abrafaxe mit ihren Knollnasen groß machte, gibt es inzwischen seit 70 Jahren. Das Motto der Geschichten: Bloß weit weg von der Gegenwart.

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Der "Polizeiruf" als Gegenstück zum "Tatort"

Die Entwicklung des "Polizeirufes" soll auf eine Anordnung von Partei- und Staatschef Honecker zurückgehen, der als Krimifan eine "gewisse Langeweile" im DDR-Fernsehen beklagte. Die Reihe wurde durchaus als eine Art Gegenstück zum "Tatort" konzipiert.

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Es war ein schmaler Grat, auf dem die Macher wie Eberhard Görner da wandelten. Der Historiker Andreas Kötzing vom Hannah-Arendt-Institut Dresden spricht über die Probleme, die die Polizeirufmacher von Anfang an begleiteten: Da wäre die Frage, wie zugespitzt dürfen Kriminalfilme sein, "wenn im Sozialismus eigentlich gar keine so schlimmen Straftaten in der Ideologie vorgesehen sind", sagt Kötzing.

Das erkläre vielleicht, "dass man es im 'Polizeiruf' deutlich seltener mit Morden oder anderen spektakulären Kriminalfällen zu tun habe, sondern mehr Einbrüche und Überfälle im Mittelpunkt stehen", meint Kötzing.

Und als weiteren Punkt sieht der Historiker die Rolle der Ermittler.

Während wir da beim Tatort richtige Typen haben, tut man sich hier ein bisschen schwer.

Andreas Kötzing, Historiker

Wenigstens gehörte mit Sigrid Göhler die erste Frau im deutschen Fernsehen zum Ermittlerteam.

Der "Polizeiruf" zeigte verwahrloste Altbauten in Ost-Berlin

In der Polizeiruf-Folge "Schuldig" von 1978 zeigt der Regisseur, Drehbuchautor und Schauspieler Rolf Römer die verwahrlosten Altbauten in Berlin, die Wohnungsnot, die zu größten sozialen Verwerfungen führt, ungeschönt. Dazu der Alkoholismus, der in der DDR ein weit verbreitetes Problem darstellte.

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Eberhard Görner, Dramaturg des Films, ergänzt: "Die Geschichte zeigt auch, wenn man so will, die Vernachlässigung eines Menschen, der mit der Gesellschaft nicht mehr zu Rande kommt. Die Zuschauer-Zahlen lagen zwischen 50 und 60 Prozent. Das wurde natürlich auch im Politbüro gesehen".

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Partei- und Staatschef Honecker witterte hier einen Angriff auf sein Wohnungsbauprogramm. Plattenbauten wurden rund um Berlin hochgezogen. Der Altbau fiel - in der restlichen Republik - zusammen. Der, den Honeckers Zorn getroffen hat, war Filmemacher Rolf Römer. "Er hat dann keinen Polizeiruf mehr gemacht", sagt Eberhard Görner. Der Polizeiruf 110 wurde 1991 abgewickelt und später in der ARD neu aufgelegt.

Anja Charlet ist Korrespondentin im ZDF-Landesstudio Sachsen.

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Über dieses Thema berichtete hallo deutschland in dem Beitrag: " 55 Jahre Kriminalfilmreihe 'Polizeiruf 110'" am 26.06.2026 um 17:10 Uhr.
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