Flexibles Wohnen in WBS-70:Einfach Zimmer dazubuchen: Wird die Platte so attraktiver?
von Thomas Bärsch
In Leipzig-Grünau können Mieter je nach Bedarf Zimmer dazu buchen und wieder kündigen. Möglich macht das ein Pilotprojekt in der weit verbreiteten DDR-Plattenbauserie "WBS-70".
Familie, Trennung oder Alter: Wohnbedürfnisse verändern sich. Ein Leipziger Projekt setzt auf flexible Wohnungen, die sich an neue Lebenssituationen anpassen lassen – ohne Umzug.
14.07.2026 | 2:06 minEs klingt schon ein bisschen stolz, als Reem Almannai die Tür öffnet, den Raum betritt, die Arme ausbreitet und sagt: "Das hier ist ein Nucleus."
Beim "Nucleus" geht es um eine vollwertige Wohnung in einem alten DDR-Plattenbau in Leipzig-Grünau. Kleine Familien könnten hier unterkommen: Ein großes Zimmer mit Kochecke, Bad, einem Schlafraum und sogar einem kleinen Balkon, wie ihn die meisten Wohneinheiten der Serie "WBS-70" aufweisen.
Einst Prestigeprojekt der DDR, heute kontrovers diskutiert: Plattenbauwohnungen. Eine Ausstellung in Dresden zeigt, wie sehr der Plattenbau die Menschen in Ost und West geprägt hat.
07.03.2026 | 1:39 minNucleusmieter können Schalträume anmieten
"Das besondere aber sind die Schalträume", erzählt Reem Almannai, die Architektin vom Nucleus-Team der Uni Aachen weiter und zeigt auf die Türen auf der anderen Seite des Flurs. "Sie können von der Nucleusfamilie 'zugeschaltet', also auch mit angemietet werden."
Wenn sich Lebensumstände ändern, muss man also nicht zwangsläufig umziehen. "Man lebt allein in einem Nucleus", erläutert die Architektin ein Beispiel, "lernt dann aber jemanden kennen, der vielleicht auch schon Kinder hat. Dann braucht man Platz und bucht die Zimmer dazu. Oder bei Trennungen gibt man Zimmer auch wieder ab."
Modellgeschoss für das Nukleus-Wohnen in Leizpig-Grünau.
Quelle: ZDF/Nukleus-Wohnen Leizpig-GrünauKonzept gegen Wohnungsnot
Das Projekt könnte ein Problem auf dem Wohnungsmarkt mindern, davon zeigt sich Nelly Keding von der "Lipsia" überzeugt. Die Leipziger Wohnungsgenossenschaft hat dem Projekt eine leerstehende Platte bereit gestellt.
Nicht nur in Leipzig leben zu viele Menschen allein in zu großen Wohnungen. "Man gründet eine Familie und sucht dafür ein großes Zuhause", sagt Keding, "wenn dann aber die Kinder mal ausziehen oder wenn ein Partner stirbt, dann scheuen viele einen Umzug. Wegen des Aufwands und vor allem, weil es sich wegen der gestiegenen Mieten oft nicht lohnt." Das Ergebnis: Die großen Wohnungen fehlen dem Markt.
In der Schlange stehen für eine Besichtigung - und am Ende kein Erfolg. ZDF-Wirtschaftsexpertin Valerie Haller klärt, warum es mit dem Bau von neuem Wohnraum immer noch nicht voran geht.
06.06.2026 | 10:28 minBeim Nucleus-Wohnen passt sich die Wohnung der Situation an, egal wie das Leben spielt. Ob man ein Au-Pair für ein Jahr unterbringen muss, oder hilfsbedürftige Eltern eine vorübergehende Bleibe brauchen, bis eine passende Lösung gefunden ist.
Privatsphäre und Gemeinschaftsräume: Die Balance muss stimmen
Doch es gibt einen Haken. Natürlich queren die Nucleus-Bewohner auf dem Weg von ihren Wohnungen in die "Schalträume" den Gemeinschaftsflur. Und natürlich treffen sie hier auch auf Nachbarn. Menschen, die vielleicht auch persönliche Gegenstände im Gemeinschaftsflur abstellen, oder beim Vorbeigehen Blicke in den eigenen Nucleus werfen, wenn man die Tür offen stehen lässt.
Es gilt also die Balance zu finden zwischen dem Wunsch nach Privatsphäre und einem doch etwas engeren Miteinander als in herkömmlichen Mietshäusern.
Die Mieter, die hier gerade kostenlos Probewohnen, stört das alles nicht. Im Gegenteil. Moritz zum Beispiel lebt nur mit seinem Hund hier und braucht noch keinen Zuschaltraum:
Würde ich aber ein Zimmer dazu mieten, dann wäre mir das wirklich egal, ob ich da noch andere Leute im Flur treffe.
Moritz
Wer in Deutschland eine neue Wohnung sucht braucht vor allem eins - Geduld.
02.07.2026 | 1:26 minProjekt aus Leipzig ist auf ganzen Osten übertragbar
Auch Ariane, die für ein Jahr in Leipzig lebt, hat einen Nucleus abbekommen. Auf der gleichen Etage wie ihre Tochter und ihre Enkelin. "Man kann es WG-mäßig machen", sagt sie, "muss es aber nicht. Und das ist das Schöne hier."
Natürlich bleiben offene Fragen. Wer hält den Flur sauber? Wie wird er genutzt? Wo gibt es Konfliktpotential und wie wird die Nebenkostenabrechnung geregelt? All das gilt es in Leipzig zu erforschen. Wenn sich die Wohnform bewährt, dann dürfte das Projekt dank der Platten-Baukastenbauweise der "WBS-70" weit über Leipzig hinausstrahlen "Die Platte steht tatsächlich überall in Ostdeutschland", weiß Nelly Keding von der Lipsia:
Mit Modifikationen zwar, aber prinzipiell kann man die Wohnungen alle anpassen wie beim Nucleus-Wohnen in Leipzig.
Nelly Keding, Lipsia
Ob die Wohnform am Ende wirklich angenommen wird, ob es sich dann auch rechnet - das alles steht in den Sternen. Bis jetzt ist es "nur" ein mutiges Experiment. Aber eins das neugierig macht, wie es ausgeht.
Vor 5 Jahren stimmte Berlin für die Enteignung großer Wohnungskonzerne, jetzt will die Bundesregierung solche Pläne verbieten. Berliner kämpfen derweil mit steigenden Mieten und fehlenden Alternativen.
09.07.2026 | 2:38 minThomas Bärsch ist Reporter im ZDF-Landesstudio Sachsen.
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