Philosoph Jürgen Habermas:Sein Denken prägte die Debatten der Bundesrepublik
von Cornelius Janzen
Er war der bekannteste deutsche Philosoph der Gegenwart und prägte die Debatten der alten Bundesrepublik. Nun ist Jürgen Habermas im Alter von 96 Jahren gestorben.
Der weltbekannte Philosoph und Soziologe ist im Alter von 96 Jahren gestorben. Er hat die Debatten der alten Bundesrepublik wie kaum ein anderer geprägt. Ein Nachruf.
14.03.2026 | 6:27 minBei einem seiner letzten öffentlichen Auftritte 2018, der Verleihung des deutsch-französischen Journalistenpreises, war der streitbare Geist noch ganz in seinem Element. "Ich bin der Auffassung, dass die politischen Eliten und an erster Stelle (...) die verzagten sozialdemokratischen Parteien ihre Wähler normativ unterfordern", sagte der Philosoph Jürgen Habermas damals.
Die EU sah er getrieben vom Diktat der Märkte: "Heute werden die nationalen Bevölkerungen von politisch unbeherrschten Imperativen eines weltweit von unregulierten Finanzmärkten angetriebenen Kapitalismus überwältigt." Europa war seine Leidenschaft:
Der Rechtspopulismus verdankt sich […] der verbreiteten Wahrnehmung der Betroffenen, dass die EU gar nicht daran denkt, handlungsfähig zu werden.
Jürgen Habermas, Philosoph
Von den Studentenunruhen der 60er Jahre über die sozialen Bewegungen der 70er und 80er bis zur Wiedervereinigung und zur aktuellen Lage Europas: Für den deutschen Bundespräsidenten Frank-Walter Steinmeier ist Jürgen Habermas ein gelebtes Plädoyer für Demokratie. Der Film würdigt das Schaffen des Philosophen, der am 14. März starb.
14.03.2026 | 52:23 minHabermas verteidigte als Philosoph die Demokratie
Sein Biograf Stefan Müller-Doohm hielt Habermas Zeit seines Lebens für eine Ausnahmeerscheinung: "Weil er als Philosoph den Elfenbeinturm verlässt und das Wort ergreift, wenn es darum geht, Demokratie zu verteidigen." Habermas habe auf "kommunikative Macht", die auf dem "zwanglosen Zwang des besseren Arguments" beruht, gesetzt.
Ausgangspunkt seines Denkens: der Zivilisationsbruch des Holocaust. Als Student kritisierte Habermas 1953 Martin Heidegger, der in den 1930er-Jahren in einer Vorlesung von der "inneren Größe" des Nationalsozialismus sprach und diese nach dem Krieg unkommentiert veröffentlichte.
Die Sorge vor einem Rückfall in alte Mentalitäten verband ihn mit Theodor W. Adorno, der Habermas 1956 ans Frankfurter Institut für Sozialforschung holte. "Das liegt ihm am Herzen als jemand, der nach 1945 das Bewusstsein ausgebildet hat, in einem kriminellen System gelebt zu haben - und dass sich das, was Auschwitz war, nicht nochmal wiederholen darf", so Müller-Doohm.
Kulturzeit-Gespräch mit dem Philosophen Eilenberger über Werk und Wirken des Philosophen und Soziologen Habermas.
18.06.2019 | 5:25 minPhilosoph mischte sich in gesellschaftliche Debatten ein
1929 geboren, wuchs Habermas mit den Schrecken der NS-Zeit auf. Traumatische medizinische Eingriffe wegen einer Sprachbehinderung prägten seine Obsession für kommunikative Verständigung.
Habermas forderte eine Ethik, die sich aus dem Diskurs ergibt: Normen entstehen, wenn wir den anderen anerkennen, aus der Beziehung vom Ich zum Du solidarische Verantwortung ableiten. "Ich und Du, das ist eine wirklich moralisch effektiv werdende Instanz", sagte er 2009.
Für seine Schülerin, die Philosophin Seyla Benhabib, war er ein kosmopolitischer Denker: "Dieser Gedanke einer in der Sprache angelegten ethischen Beziehung zueinander - dass wir einander als Wesen anerkennen, die nicht nur sprachfähig sind, sondern sich auch durch Sprache gegenseitig überzeugen können."
1968 demonstriert die Jugend gegen Notstandsgesetze, den Vietnamkrieg und die Verdrängung der NS-Vergangenheit.
06.10.2011 | 3:30 minMit dem Friedenspreis des Deutschen Buchhandels ausgezeichnet
Mehr als 50 Bücher, übersetzt in 40 Sprachen, umkreisen die Frage, wie eine an Verständigung orientierte öffentliche Debatte den demokratischen Rechtsstaat ermöglicht. In den 1960er-Jahren unterstützte Habermas Studenten in ihrem Streben nach mehr Liberalisierung, kritisierte jedoch sein eigenes Milieu. Er nannte die Proteste "Scheinrevolution", warf Rudi Dutschke "linken Faschismus" vor.
1986 entfachte er den Historikerstreit gegen Ernst Nolte, der die Singularität des Holocaust in Frage stellte. Habermas wehrte sich gegen jede Relativierung der deutschen Schuld.
2001 erhielt er den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels dafür, "stets die Stichworte zur geistigen Situation der Zeit" geliefert zu haben. Mit Kardinal Joseph Ratzinger debattierte er 2004 über Aufklärung und Religion; sein letztes großes Werk widmete er dem Verhältnis von Glauben und Wissen.
Habermas prägte die deutsche Mentalitätsgeschichte
Philipp Felsch, Autor von "Der Philosoph. Habermas und wir", beschreibt, wie stark Habermas die Entwicklung der Bundesrepublik intellektuell begleitet hat. Für sein Buch besuchte er ihn zweimal in seinem Haus in Starnberg. Habermas habe eine zugewandte, wache Art gehabt. "Der erste Eindruck war der eines Kosmopoliten. Dann saßen wir zum Kaffeetrinken in der Couch-Ecke; es gab Tee und Marmorkuchen - eine merkwürdige Mischung aus Kosmopolitismus und Provinzialität."
Felsch zufolge prägte Habermas die deutsche Mentalitätsgeschichte wie kaum ein anderer: Die Singularität des Holocaust zu behaupten, schuf Konsens von liberal-konservativen Kreisen bis zur SPD.
Der Holocaust ist der von den Nationalsozialisten geplante und durchgeführte Völkermord an den europäischen Jüdinnen und Juden während des Zweiten Weltkrieges.
23.01.2025 | 13:51 minStreitbarer Geist bis ins hohe Alter
Noch bis zuletzt intervenierte er streitbar in Debatten. 2023 plädierte er im Angriffskrieg gegen die Ukraine für Verhandlungen mit Wladimir Putin, was ihm internationale Kritik einbrachte.
Vor zwei Jahren warnte er vor Völkermordvorwürfen gegen Israel: Wer nach dem Hamas-Massaker am 7. Oktober 2023 dem israelischen Vorgehen im Gazastreifen genozidale Absichten unterstelle, dessen Maßstäbe verrutschten. Aus deutscher Verantwortung für den Holocaust ergebe sich der Schutz jüdischen Lebens.
Den anderen einzubeziehen im Streit um das bessere Argument - nur so kann Gemeinschaft gelingen. Dieses Vermächtnis hat Jürgen Habermas gelehrt und gelebt. Es weist weit über seinen Tod hinaus.
Cornelius Janzen ist ZDF-Redakteur und Reporter für 3sat Kulturzeit.
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