Wie zwei Männer Spielsucht erleben:"Selbst wenn du gewinnst, dann reicht es meistens nicht"
von Markus Haist und Ulrich Hansen
Simon erzählte Eltern und Freunden: "Das Studium, das läuft gut." In Wirklichkeit spielte er stundenlang "League of Legends". Wie Simon und auch Tom die Spielsucht überwanden.
Tom schleicht sich heimlich aus dem Bett zur Spielothek. Simon zockt tagelang "League of Legends", sein Studium scheitert. "Man verliert die Kontrolle über sich selbst", sagt Tom.
06.09.2026 | 27:00 minSimon kann seine Spielsucht lange vor allen verbergen. "Ich hätte mir nie vorstellen können, dass Simon nicht zur Hochschule geht," sagt seine Mutter. "Er hat viel von seinem BWL-Studium erzählt. Ich hatte das Gefühl, er ist angekommen." Simon zog zum Studieren nach Bielefeld, Anfang zwanzig. "Ich habe alleine gewohnt. Ich war komplett frei", erzählt er.
Ich war immer nur in diesem einen Raum. Ich habe mich total einsam gefühlt.
Simon
Simon ist spielsüchtig. Bis er das merkte, hatte die Sucht sein Leben schon unter Kontrolle.
Quelle: ZDFSchon in der Schulzeit "zockte" Simon am Gaming-PC, danach setzte er das fort. "Ich bin online gegangen und da waren einfach andere Leute." Er spielte Multiplayer-Spiele. Täglich bis zu zwölf Stunden.
Beim Spielen war ich sehr sozial vernetzt. Das war allerdings alles weg, wenn ich den Computer ausgemacht habe.
Simon
Das Glücksspiel boomt - besonders durch digitale Angebote. Dr. Steffen Otterbach, Leiter der Forschungsstelle Glücksspiel an der Universität Hohenheim, über Auslöser und Risiken.
22.06.2026 | 6:03 minTom verheimlicht seine Glücksspielsucht
Tom (28) ist glücksspielsüchtig. "Am schlimmsten war es, als ich mit meiner Ex-Freundin zusammenkam und ihr Haus auf dem Weg zur Spielhalle lag", erzählt er. Irgendwann habe seine Freundin mitbekommen, wie er nachts aus dem Bett aufstand. "Ich habe dann gesagt, mir geht’s nicht gut, ich fahr heim." Doch das war nicht die Wahrheit.
Weil ich, anstatt mit meiner Freundin im Bett zu liegen, lieber nochmal zocken gegangen bin.
Tom
"Weil dein Kopf dir halt sagt: Fahr dahin, mach das. Du kannst nicht in Ruhe schlafen, bis du nicht nochmal 50 Euro verzockt hast, bis du deine Sucht befriedigt hast", erzählt er.
Fast 100.000 Euro gibt Daniel für Online-Glücksspiele aus. Er fängt mit 16 mit Videogames an. Später kommen Roulette, Poker und Sportwetten hinzu. Er überwindet die Sucht dank einer Therapie.
14.10.2024 | 41:20 minDie Spielhalle wird für Tom zu einem emotionalen Ort: "Das war wie, wenn man nach Hause gekommen ist: in die Spielhalle zu gehen. Es hat sich einfach wie ein vertrauter Ort angefühlt." Er habe Geld bei der Bank geholt sich schon auf dem Weg gefreut. "Man könnte ja Geld gewinnen."
Nach dem Spielen war das anders, sagt Tom. "Wenn du verlierst, hinterfragst du dein ganzes Leben. Fährst heim, denkst dir: 'Was habe ich hier gerade gemacht?' Und selbst wenn du gewinnst, dann reicht es meistens nicht."
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23.08.2026 | 27:00 minGaming-Sucht zerstört Simons Studium
Der Moment, an dem Simon zusammenbrach, kam vor einer wichtigen Klausur. Es war sein letzter Versuch. "Ich saß zu Hause und wusste: Ich habe nicht genug gelernt. Ich werde da jetzt durchfallen. Ich fliege aus dem Studium raus."
Im Nachhinein findet er es erstaunlich, dass er selbst die Ursache nicht erkannte. "Ich habe das Gaming nie als Problem wahrgenommen. Ich habe nur gemerkt, das Studium läuft nicht. Ich komme nicht hinterher. Sachen, die ich mir vornehme, funktionieren nicht."
Er sagte die Klausur ab, ging verzweifelt zur Studienberatung. "Die haben mich dann darauf gestoßen: 'Wie ist das denn mit dem Zocken? Das ist ein sehr zentraler Teil im Leben. Könnte es nicht daran liegen?'" Ihm wurde klar:
Wenn ich nicht entscheide, etwas zu ändern, dann entscheiden es die äußeren Umstände.
Simon
Große Sportevents wie die Fußball-WM machen das Thema Glücksspiel wieder sichtbar. Eine Spielsucht kann drastischen Folgen haben.
22.06.2026 | 3:08 minToms Spielsucht führt zu Zusammenbruch
Bei Tom kam die Wende durch einen körperlichen Zusammenbruch. "Ich hatte Einschlafprobleme, Panikattacken, Herzrasen." Er kam ins Krankenhaus.
Diese Angst zu sterben, hatte ich so noch nie gehabt. Ich habe gesagt 'Jetzt ändere ich alles'.
Tom
Toms Spielsucht ging so weit, dass er irgendwann einen Zusammenbruch erlitt. Danach fasste er den Entschluss, sein Leben neu in den Griff zu bekommen.
Quelle: ZDFFrüher verzockte Tom in vier Monaten 7.000 Euro. "Man verliert die Kontrolle über sein Geld, über seine Gedanken, über sich selbst", sagt er rückblickend und erläutert: "Das Krasse ist, dass man weiß, was man da macht, aber es trotzdem nicht kontrollieren kann. Man ist wie fremdgesteuert und fühlt sich selbst richtig ekelhaft, was man so für ein Mensch wird, dadurch."
Raus aus der Spielsucht, wieder Freude erleben
Seit fast einem Jahr hat Tom nun aufgehört. Sein Fazit: "Auf einmal spüre ich, wie viel Freude mir wieder Gespräche mit anderen Menschen machen, mein Handy wegzulegen." Wichtig sei ihm auch, in die Natur zu gehen, sich zu entspannen.
Simon hat sich professionelle Hilfe gesucht, bei der Suchtberatung Bethel. Sein Gaming-PC ist weg, das BWL-Studium aufgegeben. Stattdessen engagierte er sich ehrenamtlich bei der Bahnhofsmission, kümmerte sich um Verlorene, Gestrandete, Obdachlose: "Irgendwann gibt es diese Punkte, wo die Leute ein bisschen von sich erzählen und sich öffnen." Er studiert jetzt Soziale Arbeit.
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