Tabu der Abhängigkeit:Alkoholsucht bei Müttern: "Der Rausch hat mir Angst gemacht"
von Caroline Drees
Mütter, die abhängig sind - ein großes Tabu. Aus Angst vor Stigmatisierung lassen sich viele nicht behandeln. Eine Klinik in Bayern will ihnen einen Safe Space bieten.
Sucht bei Frauen ist hochtabuisiert – und Sucht bei Müttern fast unsichtbar. In einer Einrichtung in Bayern sollen Mütter lernen, ein Leben ohne Sucht aufzubauen.
02.01.2026 | 7:52 minDie Sucht begleitet sie, seit sie 14 ist. Da trinkt sie zum ersten Mal Alkohol, eine Flasche Apfelkorn. "Der Geschmack war nicht schön", sagt Klaudia Berghof-Ruppelt. Aber dann schluckt sie auch noch Tabletten.
Heute, 32 Jahre später, steigt sie in einen Klettergurt, vor ihr eine sechs Meter hohe Wand. Klaudia wohnt mit ihrem Sohn im Haus Immanuel. Eine Suchtklinik in Bayern spezialisiert auf Frauen, insbesondere Mütter. Klaudias Therapeut sichert sie am Seil. Sie zieht sich hoch, Höhenangst hat sie keine. Das Klettern soll ihr Vertrauen stärken - in sich selbst und andere.
"Es gibt keine unbedenkliche Menge an Alkohol, die man zu sich nehmen kann, für die Gesundheit", so Dr. Daniela Koppold, Allgemeinärztin an der Charité Berlin.
10.01.2025 | 6:47 minSuchtkranke Frauen: Hunderttausende in Therapie
Sucht bei Frauen, ein großes Tabu. Bei Müttern fast unsichtbar. Laut einer Analyse der Barmer Krankenkasse waren 2023 mehr als 400.000 Frauen allein wegen Alkoholsucht in Therapie. Die Dunkelziffer dürfte aber deutlich größer sein, denn viele lassen sich nicht behandeln aus Angst, ihr Kind zu verlieren. "Das sagen mir die Frauen ganz häufig: Ohne mein Kind wäre ich nicht hier", so Klinikdirektor Gotthard Lehner.
Klaudia versuchte, mit dem Rausch zu vergessen. Den sexuellen Missbrauch, Gewalt, Angehörige, die sie verloren hat. Drei, vier Flaschen Wein an einem Abend, wie Wasser weggetrunken.
Ich fand den Rausch nicht schön, der hat mir teilweise Angst gemacht. Ich habe trotzdem weiter gemacht, weil ich mich bestrafen wollte. Für was auch immer.
Klaudia Berghof-Ruppelt
Wie beeinflusst Sucht in der Familie das Leben der Angehörigen? Model Betty Taube spricht mit Leon Windscheid darüber, was der Alkoholismus ihrer Mutter mit ihr gemacht hat.
13.01.2025 | 26:59 minKinder leiden besonders
Wenn sie trank, versuchte sie ihren Sohn mit Bausteinen abzulenken, baute ihm eine Spielzeugbahn auf. Aber für ihn da sein, kann sie in diesen Momenten nicht, ignoriert etwa, dass er müde ist, ins Bett gebracht werden muss. "Natürlich habe ich mich geschämt. Ich wusste, das ist falsch und ich habe trotzdem weiter getrunken." Im Nachhinein betrachtet, war das ihr Schlüsselmoment:
Du musst was ändern, sonst wird das hier ganz böse.
Klaudia Berghof-Ruppelt
Für Kinder aus suchtbelasteten Familien ist das Risiko, einmal selbst abhängig zu werden, im Vergleich bis zu sechsmal höher. Klinikdirektor Lehner sagt:
Wenn man nichts tut für diese Kinder, dann sind das in 20 Jahren unsere nächsten Kunden.
Gotthard Lehner, Klinikdirektor Haus Immanuel
Im Haus Immanuel werden sie in der Kita auf dem Gelände betreut und besonders gefördert.
Manche von Ihnen haben Entwicklungsstörungen oder Verhaltensauffälligkeiten. Auch Klaudias Sohn. Er hatte seine Wut nicht unter Kontrolle, trat und biss, schlug andere Kinder. In der Klinik änderte sich das: "Im Streit sagt er jetzt: Geh bitte weg, lass mich in Ruhe. Das für mich zu sehen, ist sehr sehr schön."
Sucht ist chronisch
Für ihn will Klaudia abstinent bleiben. "Ich weiß, wenn ich rückfällig werden, verliere ich mein Kind. Und das möchte ich nicht." Ein Kampf, den sie jeden Tag aufs Neue mit sich ausmachen muss, denn Sucht ist chronisch. Die Rückfallrate liegt bei 50 Prozent.
Werner Wenninger, der therapeutische Leiter der Fachklinik sagt, Therapieerfolg bedeute nicht unbedingt, für immer abstinent zu sein. Vielmehr gehe es darum, Rückfallgefahren zu erkennen, und sich im Zweifel in einen geschützten Rahmen zu begeben.
Laut der Krankenversicherung DAK-Gesundheit wurden im vergangenen Jahr 8.800 jugendliche Rauschtrinker registriert. Das ist der niedrigste Wert seit 25 Jahren.
13.12.2025 | 0:22 minSich einzugestehen, dass man Hilfe braucht, für suchtkranke Menschen oft eine Herausforderung, denn Abhängigkeit ist mit Vorurteilen verbunden. "Wir müssen uns von der Idee verabschieden, jemand ist selbst schuld. Oder das wären schwierige Verhältnisse, in denen die Menschen leben", sagt Therapeut Wenninger. Suchterkrankungen gebe es in allen Gesellschaftsschichten.
Klaudia hat es nach oben geschafft, sechs Meter die Kletterwand hoch. "Das hat Spaß gemacht." Nach 13 Wochen hat sie ihre Therapie fast beendet, zieht mit ihrem Sohn bald nach Hause, geht zurück in den alten Job. Den geschützten Rahmen der Klinik zu verlassen, darauf blickt sie auch mit Sorge: Den Alltag wieder alleine bewältigen, clean bleiben, ein Kind versorgen - ein Kraftakt. Aber Klaudia will sich der Herausforderung stellen:
Ich mache alles für und mit meinem Kind, damit er mal ein besseres Leben hat als ich.
Klaudia Berghof-Ruppelt
Caroline Drees ist Reporterin im ZDF-Landesstudio in München.
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