Eurovision Song Contest in Wien:ESC: Wie Israels Teilnahme den Wettbewerb spaltet
von Dominik Rzepka, Wien
Der ESC steckt in einer tiefen Krise. Amnesty International kritisiert, dass Israel in Wien auftreten darf. Selbst die Bundesregierung schaltet sich ein - und widerspricht.
Noam Bettan tritt dieses Jahr mit seinem Song "Michelle" für Israel an.
Quelle: APEs ist doch eigentlich nur ein Song über eine Frau. Doch wenn der israelische Sänger Noam Bettan am Abend im ersten Halbfinale des Eurovision Song Contest über "Michelle" singt, geht es um so viel mehr als um Musik.
Es gilt als ziemlich sicher, dass sich Bettan für das ESC-Finale am Samstag qualifizieren wird. Ebenfalls als sicher gilt, dass er ausgebuht wird. Und dass es gegen ihn und sein Land Proteste in Wien geben wird.
Denn dass Israel überhaupt am ESC teilnehmen darf, halten Kritiker für einen Skandal.
Bei der Eröffnung in Wien beeindruckte Sarah Engels mit einem besonderen Fashion-Moment: In Anlehnung an ihren Song "Fire" trug die Sängerin ein Kleid, das an Flammen erinnern sollte.
11.05.2026 | 0:51 minAmnesty fordert Israels ESC-Ausschluss
So fordert etwa Amnesty International einen Ausschluss Israels vom diesjährigen ESC. Eine Sprecherin der Menschenrechtsorganisation sagt ZDFheute:
Israel begeht im Gazastreifen weiterhin einen Genozid und schwere Kriegsverbrechen.
Katja Müller-Fahlbusch, Amnesty International
Sie kritisiert, dass der ESC-Veranstalter, die Europäische Rundfunkunion, 2022 zwar Russland vom ESC ausgeschlossen habe, Israel dieses Jahr aber nicht. Das sei ein Ausdruck "von massiven Doppelstandards".
Die Europäische Rundfunkunion trägt damit zu einer Normalisierung von Völkerrechtsverletzungen einschließlich schwerwiegender Verbrechen bei.
Katja Müller-Fahlbusch, Amnesty International
Der Eurovision Song Contest will möglichst unpolitisch sein – doch für den nächsten ESC in Wien fordern manche Länder ein Teilnahmeverbot Israels. Bereits 2022 wurde Russland ausgeschlossen.
04.12.2025 | 1:53 minBundesregierung setzt sich für Israel ein
Längst ist die Israel-Frage beim ESC zu einem Politikum geworden. Selbst die Bundesregierung schaltet sich ein. Kanzler Friedrich Merz hatte sich für eine Teilnahme Israels ausgesprochen, Kulturstaatsminister Wolfram Weimer sogar dafür lobbyiert.
Im vergangenen Jahr hatte Weimer das Thema auf die Tagesordnung bei einem Treffen mit seinen europäischen Amtskollegen gesetzt.
Ich habe sehr dafür geworben, dass wir den ESC offenhalten, dass Israel singen darf.
Wolfram Weimer, Kulturstaatsminister
Er habe dafür eine große Zustimmung erhalten, auch von der EU-Kommission, sagt Weimer ZDFheute.
Kulturstaatsminister Wolfram Weimer begrüßt, dass Israel beim Eurovision Song Contest in Wien auftreten darf. Er habe sich dafür auch auf EU-Ebene eingesetzt, sagt er ZDFheute.
12.05.2026 | 1:08 minWarum der ESC in einer Krise steckt
Hat Israel seine Teilnahme beim ESC also auch der Bundesregierung zu verdanken? Fakt ist: Über die Frage entscheiden nicht Regierungen, sondern die teilnehmenden Sender - und die seien autonom, sagt Weimer.
Bei einem Treffen in Genf im Dezember 2025 entscheiden die Sender mehrheitlich, dass Israel beim ESC auftreten darf. Länder wie Spanien und die Niederlande sagen ihre Teilnahme daraufhin ab. Teilweise übertragen sie den ESC nicht einmal mehr.
Die Spaltung ist perfekt, der Wettbewerb in einer tiefen Krise. Beim ESC in Wien treten gerade einmal 35 Länder an. So wenige, wie lange nicht mehr.
Spanien und andere Länder sehen eine Teilnahme Israels beim Eurovision Song Contest kritisch. Sie forderten bereits vergangenes Jahr einen Ausschluss.
22.05.2025 | 2:13 minHat Israel das Voting beeinflusst?
Wie tief der Riss ist, zeigt eine Recherche der "New York Times". Sie belegt, dass die israelische Regierung seit Jahren Geld für Werbekampagnen für die eigenen ESC-Künstler ausgibt, wohl mehr als eine Million US-Dollar.
Es könnte einer der Gründe sein, warum die israelische Sängerin im vergangenen Jahr die meisten Stimmen von den Zuschauern erhalten hatte, während die professionellen Jurys den Song weit schlechter bewertet hatten.
Außerdem sollen israelische Diplomaten im vergangenen Jahr Kontakte zu Vertretern von Regierungen und Sendern aufgenommen haben, um gegen einen Ausschluss Israels beim ESC zu lobbyieren.
Die Forderung einiger TV-Sender, Israel vom ESC auszuschließen, erschüttere Holocaust-Überlebende. Das sagt Greg Schneider von der "Claims Conference" im ZDF (engl.).
17.09.2025 | 0:55 minWeimer beklagt Antisemitismus
Dass auch die Bundesregierung sich in der Frage so deutlich positioniert hat, kritisiert Amnesty International scharf. In ihrem Handeln gegenüber Israel orientiere sich Berlin nicht an den Maßstäben des Völkerrechts und der Menschenrechte, sagt Sprecherin Müller-Fahlbusch. "Eine solche Politik ist fatal und inakzeptabel."
Wolfram Weimer widerspricht und beklagt einen zunehmenden Antisemitismus in Europa. Künstlerinnen und Künstler sollten nicht ausgegrenzt werden, "nur weil sie Juden sind", sagt Weimer. Darüber hinaus gehöre die Frage, ob Israel in Gaza einen Genozid begehe, einfach nicht zum ESC.
Dominik Rzepka ist ZDFheute-Reporter beim ESC und berichtet aus Wien.
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