Wovon träumen junge Chinesen?:China: "Traumfotos" statt Hochzeitsfotos
von Elisabeth Schmidt und Miriam Steimer, Yangshuo
Eigentlich war Fotografin Xu Jufeng auf Hochzeitsfotos spezialisiert. Doch das Geschäft läuft nicht mehr. Sie hat sich umorientiert und ist jetzt professionelle "Traum-Erfüllerin".
Eine Nacht mit jungen Menschen in China: Rockstars, Skater und Fußballerinnen brechen mit Traditionen und suchen Freiheit, Glück und ihre eigene Identität.
07.01.2026 | 43:58 minEs ist zwei Uhr nachts. Obwohl Chengcheng im Urlaub ist, hat sie heute nur wenige Stunden geschlafen. Mit ihren Händen streift sie durch die scheinbar endlose Kleiderstange im Obergeschoss eines Fotostudios und sucht ihr Traum-Outfit.
Nach zwei Stunden schminken und Haare stylen lernt sie endlich die Frau kennen, bei der sie schon vor vielen Wochen einen Termin ergattert hat: Xu Jufeng. Warum die Fotografin den Spitznamen "kleine Chili" trägt, wird sofort klar, als sie mitten in der Nacht in ihr Foto-Atelier wie ein Feuerball rauscht und sich in ein Gespräch mit ihrer Kundin Chengcheng vertieft. Xu Jufeng wirkt, als habe sie Energie für zwei Personen.
In Nordchina öffnet wieder das größte Eisfestival der Welt. In der Eisstadt Harbin zeigen Künstler vor Tausenden Besuchern ihre riesigen Skulpturen aus Eis und Schnee.
18.12.2025 | 0:20 minFoto-Shootings für Hochzeiten sind in China nicht mehr so gefragt
"Was ich an meinem Job am meisten mag, ist die Kommunikation vor dem Shooting. Weil ich dann genau weiß, was meine Kunden sich wünschen, was ihnen gefällt. Dann kann ich sie entsprechend ihrer Wünsche fotografieren", sagt Fotografin Xu Jufeng. Seit 13 Jahren arbeitet sie in der Branche, vor zwei Jahren hat sie angefangen, selbst zu fotografieren, davor war sie vor allem für Foto-Bearbeitung zuständig.
Die zwei-teilige Doku "The Chinese Dream“ begleitet einen Tag und eine Nacht lang junge Menschen in China. Die beiden Filme sind ab heute, 14 Uhr, im ZDF-Streaming-Portal verfügbar. Das ZDF strahlt den ersten Teil am 7. Januar und den zweitem am 8. Januar jeweils um 22:15 Uhr aus.
Es gibt noch einen ganzen Raum mit Hochzeitskleidern, doch der wird kaum mehr genutzt.
Nach Corona lief das Geschäft mit den Hochzeitsfotos nicht mehr so gut und jetzt heiraten ja auch immer weniger junge Leute. Deshalb sind wir umgeschwenkt auf Fotoshootings für Touristen.
Xu Jufeng, Fotografin
Denn immer mehr junge Leute in China wollen nicht mehr heiraten und auch keine Kinder mehr kriegen. Vor allem junge Frauen seien heute so unabhängig, sagt die 34-jährige Fotografin.
Ich habe das Gefühl, heiraten ist für sie nicht mehr so wichtig. Ich bin zwar selbst verheiratet, aber auch ich war immer sehr stark und unabhängig.
Xu Jufeng, Fotografin
2016 lockerte China die Ein-Kind-Politik. Doch der von der Regierung erhoffte Babyboom blieb aus, stattdessen schrumpft die Bevölkerung sogar.
28.09.2023 | 1:08 minDer Beruf des Fotografen ist in China eine Männerdomäne
Man müsse ein bisschen dickhäutig sein, um hier arbeiten zu können. "Um ehrlich zu sein, es ist ziemlich anstrengend, wirklich anstrengend. Besonders für uns Frauen. Wie soll ich das sagen?" In den Augen vieler Menschen sei Fotografieren ein Männer-Beruf, sagt sie, während sie ihr Foto-Equipment, das mit rosa Bärchen-Folie beklebt ist, am Flussufer ablegt und in die Anglerhose schlüpft.
Xu Jufeng kniet in einem Fluss in Yangshuo, um ein Foto ihrer Kundin zu schießen.
Quelle: ZDFDann führt sie ihre Kundin Chengcheng auf ein paar Schritte durch den Fluss auf ein Holzfloß. Den ganzen Morgen wird sie bis zur Hüfte im Wasser stehen, um die besten Schnappschüsse ihrer Kundin zu machen.
Wenn ich nochmal wählen könnte, würde ich nicht so hart arbeiten wollen.
Xu Jufeng, Fotografin
Die Stadt Yangshuo im Süden Chinas ist bekannt für seine ikonischen Berge. Doch für die vielen Leute unten am Fluss sind sie vor allem Kulisse: für das perfekte Foto. Es ist inzwischen 05:00 Uhr morgens und Prinzessin neben Prinzessin wartet auf den Sonnenaufgang.
Vor der Bergkulisse auf dem Fluss in Yangshuo posieren viele Kunden wie Chengcheng auf Holzflößen für Fotos.
"Welche Gesichts-Seite ist besser?", fragt die Fotografin. "Rechts ist ein bisschen schlanker", antwortet ihre Kundin.
Seit Jahren baut China seinen Einfluss in der Welt aus, etwa mit dem Projekt "Neue Seidenstraße". Nun versucht Peking, in die Lücken vorzustoßen, die die USA unter Trump reißen.
02.03.2025 | 3:59 minDie Flöße sind in Yangshou heiß begehrt
So schön schlank, so schöne große Augen, so schöne weiße Haut: Das ist das Ideal hier. "Kleine Chili" ist jeden Morgen und jeden Abend dafür zuständig, ihre Kundinnen für umgerechnet 230 Euro genau so aussehen zu lassen.
Auch die Älteren in der Gegend bauen keinen Reis oder Mais mehr an, sondern promoten ihre Region im Livestream. Floß neben Floß wird vom Dorf vermietet - angeleinter Kormoran inklusive.
Auf diesem Floß gibt Kundin Chengcheng alles: Sie hält die Laterne hoch, lässt sich die Haare aus dem Gesicht pusten, tanzt und räkelt sich sogar im Wasser. Als sie sich mit ihren nassen Kleidern ans Ufer schleppt, strahlt sie.
Ich fühle mich nicht müde. Ich bin einfach nur sehr glücklich.
Chengcheng, Kundin
Dann ist auch ihre Fotografin glücklich. Denn ihr Job ist es, die Träume ihrer Kundinnen wahr werden zu lassen. Wer sich dann um ihre Träume kümmere? "Ich selbst", sagt Xu Jufeng.
Elisabeth Schmidt und Miriam Steimer sind die als Korrespondentinnen im ZDF-Studio Ostasien zuständig für die Berichterstattung u.a. aus China, Japan, Korea und den Philippinen.
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