Vor Aufsichtsratssitzung:Tricia Tuttle will Berlinale-Chefin bleiben
Nach politischen Statements auf der Berlinale wurde viel über die Zukunft des Festivals und der Intendantin diskutiert. Sie wolle ihre Arbeit fortsetzen, stellte Tuttle nun klar.
Berlinale-Chefin Tricia Tuttle möchte die Arbeit "in vollem Vertrauen" fortsetzen.
Quelle: epaTricia Tuttle will Berlinale-Intendantin bleiben. "Ich bin sehr stolz auf mein Team und das Festival und möchte die gemeinsam begonnene Arbeit in vollem Vertrauen und mit institutioneller Unabhängigkeit fortsetzen", sagte die 55-Jährige der Deutschen Presse-Agentur vor einer für Mittwoch einberufenen Aufsichtsratssitzung. Dabei soll es um die künftige Ausrichtung von Deutschlands größtem Filmfest gehen. Zuvor war heftig über die Zukunft der Intendantin und des Festivals selbst diskutiert worden.
Kulturstaatsminister Wolfram Weimer (parteilos) hatte zuvor der "Rheinischen Post" gesagt, Tuttle habe von sich aus ihre Zukunft bei der Berlinale infrage gestellt. Sie habe ihm am vergangenen Dienstag gesagt, "sie könne in dieser vergifteten Atmosphäre und ihren politischen Spannungen die Berlinale kaum weiterführen".
Hunderte Filmschaffende haben sich in einem offenen Brief hinter Berlinale-Intendantin Tuttle gestellt. Sie warnen vor Eingriffen in Freiheit und Unabhängigkeit des Filmfestivals.
26.02.2026 | 0:41 minTuttle sprach mit Weimer über "einvernehmliche Kündigung"
Nun erklärte Tuttle, dass sie ihren Posten behalten möchte. Als sie mit Weimer gesprochen habe, habe sie sich die Frage gestellt, "ob ich in einem Umfeld, in dem meine Führungsrolle und die Integrität der Berlinale öffentlich ernsthaft in Zweifel gezogen wurden, weiterhin effektiv arbeiten könnte".
Wir diskutierten die Möglichkeit meiner einvernehmlichen Kündigung.
Tricia Tuttle, Berlinale-Intendantin
Die "Bild"-Zeitung hatte nach dem Filmfestival im Februar berichtet, Tuttle solle abberufen werden. Hintergrund sei der Umgang mit dem Nahost-Konflikt während der Berlinale. Nachdem Weimer eine außerordentliche Aufsichtsratssitzung für vergangenen Donnerstag einberufen hatte, formierte sich in der Kulturbranche breiter Protest.
Die Nachricht von der Aufsichtsratssitzung sei in der Presse erschienen, noch bevor ihre Gespräche mit Weimer vollständig abgeschlossen worden waren, wie Tuttle sagte.
Die Reaktionen aus der deutschen und internationalen Kulturszene, darunter auch eine Reihe israelischer Kollegen, die sich bewegend zu unserer Verteidigung äußerten, waren beachtlich.
Tricia Tuttle, Berlinale-Intendantin
Debatten zum Umgang der Berlinale mit Nahost-Konflikt
Die breite Resonanz habe auch unterstrichen, dass es in der Debatte nicht um eine einzelne Preisverleihung, eine Festivalwoche oder eine Person gehe, sondern um das allgemeine Prinzip, dass kulturelle Einrichtungen darauf vertrauen können müssten, innerhalb demokratischer und rechtlicher Rahmenbedingungen agieren zu können. Das sei eine starke Botschaft, führte die Berlinale-Chefin aus.
Und ehrlich gesagt, hat dies auch meine eigene Klarheit nach einigen schwierigen Wochen wiederhergestellt.
Tricia Tuttle, Berlinale-Intendantin
Während des Filmfestivals hatte es mehrfach Debatten über den Umgang mit dem Nahost-Konflikt gegeben. So hatte etwa der syrisch-palästinensische Regisseur Abdallah Alkhatib der Bundesregierung auf der Bühne bei der Abschlussgala vorgeworfen, Partner "des Völkermords im Gazastreifen" zu sein. Umweltminister Carsten Schneider (SPD) verließ daraufhin den Saal und ließ mitteilen, die Aussagen seien nicht akzeptabel.
Noch immer ist die weibliche Sicht im Kino unterrepräsentiert. Die diesjährige Berlinale fiel durch viele starke Auftritte von Filmemacherinnen auf.
21.02.2026 | 2:17 minBerlinale-Chefin: Raum für Offenheit und Dialog
Alkhatib habe sich in stark rhetorischer und zutiefst persönlicher Weise geäußert, sagte Tuttle. "Was ich von ihm hörte, war Wut und eine explizite politische Überzeugung."
Eine zentrale Aufgabe von Festivals sei es, Orte der Offenheit und des Dialogs zwischen unterschiedlichen politischen Perspektiven zu bleiben und gleichzeitig die Meinungsfreiheit aller Künstler zu wahren, auch wenn deren Aussagen brisant seien.
Tuttle verwies außerdem auf ihre Eröffnungs- und Schlussworte auf der Bühne. Sie habe damit "einen Raum zwischen dem Recht unserer Gäste auf freie Meinungsäußerung und unserer Verantwortung für die Anerkennung unterschiedlicher Ideen und Perspektiven" schaffen wollen.
Die internationalen Filmfestspiele in Berlin gehen zu Ende. Zum Abschluss der 76. Berlinale erhielt "Gelbe Briefe" den Goldenen Bären für den besten Film.
21.02.2026 | 2:31 minWenn sie etwas an dem Festival zu bemängeln habe, dann sei es, dass die politische Debatte erneut die Filme selbst überschattet habe. Es sei frustrierend, dass jetzt nicht über Filme wie "Gelbe Briefe" von Ilker Çatak, der den Goldenen Bären gewonnen hatte, gesprochen werde. Dies sei aber nicht die Schuld der Filmemacher. Es liege am Festival, es im nächsten Jahr besser zu machen.
Mehr zur Berlinale
Nach drohender Abberufung:Kanzler ruft zu rascher Klärung der Berlinale-Debatte auf
mit Video0:41Umstrittenes Palästina-Foto:Nach Kritik: Berlinale-Chefin Tuttle darf vorerst bleiben
von Stephan Merseburgermit Video0:41Minister Schneider verlässt Gala:"Israel-Hass": Empörung über Gaza-Rede auf Berlinale
mit Video2:31Die Preisträger im Überblick:Berlinale: Goldener Bär für "Gelbe Briefe" von Ilker Çatak
mit Video2:31