Armutsgefährdet trotz Arbeit?:Wenn jeder Cent zählt, "dass wir überhaupt durchkommen"
von Clara Solf
Trotz Arbeit kommen sie kaum über die Runden: Luisa fährt Lieferungen aus, um ihre Familie über Wasser zu halten. Yuna ist mit zwei Jobs oft den ganzen Tag unterwegs.
Luisa ist alleinerziehend, hat zwei Söhne und fährt Lieferungen aus. Yuna arbeitet als Pflegekraft und jobbt zusätzlich. Einblicke in ein anstrengendes Leben.
04.10.2026 | 27:08 minMit einem großen Becher schöpft Luisa Wasser aus der Badewanne und kippt es in die Toilette. "Ich spüle mit dem Badewasser von heute früh ab. Das ist quasi eine kleine Sparmaßnahme, die ich von meiner Oma gelernt habe", sagt sie dabei beiläufig. Die gestiegenen Nebenkosten ihrer Wohnung in Leipzig sind für die alleinerziehende Mutter kaum noch zu stemmen.
Leben am Existenzminimum
"Wir hätten hier eigentlich schon seit einer Weile ausziehen müssen", erzählt die 31-Jährige. Während sie im Alltag an jeder Ecke spart, muss sie - mit Unterstützung der Sozialberatung - zusätzlich einen kräftezehrenden Rechtsstreit führen. Darin geht es darum, dass das Jobcenter seine Unterstützung für die gestiegenen Nebenkosten nicht anpasst.
"Jedes Geld, das ich dazu bekomme, jeder Cent macht schon was aus", sagt Luisa. Um ihre kleine Familie zu versorgen, hat sie einen Minijob als Essenslieferantin angenommen. Sich auf dem Fahrrad auszupowern, tut ihr gut.
Luisa nutzt ihr Lastenrad wie andere ihr Auto. Finanziert wurde es durch eine Spendenaktion auf einer Online-Plattform, die ihre Freunde für sie eingerichtet haben.
Quelle: ZDFKinder von Luisa sind auf besondere Hilfe angewiesen
In ihrem Alltag hat Luisa kaum Zeit zum Durchatmen. Ihre beiden Söhne, fünf und acht Jahre alt, sind auf besondere Hilfe angewiesen. Ihr jüngerer Sohn habe "aufgrund der Trennung Anpassungsstörungen", der Ältere habe Konzentrationsschwierigkeiten.
Zwischen Frühförderung, Ergotherapie, Elterngesprächen und Terminen mit dem Jugendamt habe sie schlichtweg nicht die Zeit, Vollzeit zu arbeiten. Luisa hat Angst davor, dass Menschen sie verurteilen könnten. "Was sie nicht sehen, ist unsere prekäre Lebenssituation", sagt sie und ergänzt:
Dass ich komplett überarbeitet bin, dass ich mir jeden Tag den Arsch aufreiße, dass wir überhaupt durchkommen.
Luisa
Melanie, Gisela und Carolin kämpfen gegen das Minus auf ihrem Konto - verursacht durch Care-Arbeit, schlechten Lohn, Altersarmut oder Teilzeitfalle. Doch sie geben nicht auf.
20.01.2026 | 28:43 minFür die 24-jährige Yuna bedeutet das Gefühl, arm zu sein, "Angst zu haben, in den Briefkasten zu schauen. Und das Konto nicht zu öffnen, weil man Angst hat, dass ein Minus vor der Zahl steht", erzählt sie.
Yuna sieht zwei Welten in Frankfurt
Sie arbeitet als Pflegefachfrau in der pädiatrischen Kindernotaufnahme in Frankfurt. Eine Stadt, in der für sie zwei Welten aufeinanderprallen. Auf der eine Seite sehe man "die Banker rumlaufen in ihren teuren Anzügen. Auf der anderen Seite die Lieferdienstfahrer, die wirklich für kleinstes Geld den ganzen Tag ihre Arbeit tun."
Während ihrer Ausbildung habe sie ungefähr 1.000 Euro im Monat gehabt. "Das Geld reicht vorne und hinten nicht", sagt sie. Um ihre finanzielle Situation zu verbessern, hat sie angefangen, zusätzlich in einem Escape-Room zu arbeiten. An manchen Tagen sei sie um 4:30 Uhr aufgestanden und um 22 Uhr ins Bett gegangen, berichtet sie.
An ganz schlimmen Stellen meines Lebens hat mir der Job wirklich aus der Patsche geholfen […], dass ich mir am Ende des Monats noch was zu essen holen konnte.
Yuna
Neben ihrer Arbeit im Krankenhaus arbeitet Yuna in einem Escape-Room, um über die Runden zu kommen.
Quelle: ZDFEngagement für Auszubildende im Krankenhaus
Yuna engagiert sich in der Jugend- und Auszubildendenvertretung in ihrer Klinik. Dort setzt sie sich für die Anliegen und Beschwerden der Auszubildenden ein. Ihr Einsatz geht so weit, dass sie sich selbst von ihrer Arbeit als Pflegefachkraft in der Notaufnahme freigestellt hat, um mehr Zeit für die Bearbeitung von Beschwerden zu haben.
Ich kann nicht wegschauen, wenn irgendwo Ungerechtigkeit herrscht.
Yuna
Ihre Lohnfortzahlung ist gewährleistet. Doch ob sie auf ihre Station zurückkehren kann, ist ungewiss.
Was hilft wirklich gegen Armut - harte Arbeit und bessere Bildung oder eine radikale Vermögenssteuer für Superreiche? Jens Teutrine und Helena Steinhaus diskutieren.
17.06.2026 | 30:04 minReich an positiven Gefühlen
Rein finanziell seien sie zwar arm, aber "nicht arm an Gefühlen oder arm an positiven Erlebnissen", sagt Luisa über ihre kleine Familie. Um einen Ausgleich zu ihrem stressigen Alltag zu finden, legt sie in ihrer Freizeit als DJ auf. "Das hilft mir dabei, loszulassen und mich selbst zu spüren und irgendwie auch eine Art Hoffnungsschimmer für die Zukunft zu spüren", erzählt sie.
Luisa wartet noch immer auf die Entscheidung des Sozialgerichts. Sie versucht, insgesamt optimistisch zu sein:
Ich tue doch jetzt hier niemandem den Gefallen und stürze deswegen ein. Ich möchte es hier jedem beweisen, dass ich das schaffe!
Luisa
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