Widersprüche in der Mediennutzung:Warum Jugendliche die Generationen vor Social Media beneiden
von Luisa Billmayer und Marie Ries
Fast die Hälfte der 14- bis 17-Jährigen beneidet Generationen, die ohne Social Media aufwuchsen. Dennoch gehören Instagram und Co. zum Alltag. Was hinter diesem Widerspruch steckt.
Das Smartphone ist für Kinder und Jugendliche Kommunikationsmittel, Unterhaltungsplattform und Informationsquelle zugleich - beinhaltet aber auch Schattenseiten.
Quelle: iStock/Pressmaster"Ich beneide Generationen, die ohne Social Media aufgewachsen sind." Dieser Aussage stimmen 47 Prozent der 14- bis 17-Jährigen zu. Trotzdem sind Plattformen wie YouTube, Instagram und TikTok die verbreitetste Freizeitaktivität unter Jugendlichen. Das zeigt die JIMplus-Studie. Herausgegeben wird sie vom Medienpädagogischen Forschungsverbund Südwest (MPFS), einer Kooperation der Landesanstalt für Kommunikation Baden-Württemberg, der Medienanstalt Rheinland-Pfalz und des SWR.
Social Media ist kein Wohlfühl-Hobby
Mehr als drei Viertel der Jugendlichen geben an, regelmäßig Social Media zu nutzen. Die Studie fragte nach Freizeitaktivitäten und nannte dabei zwölf Offline- und zwölf Online-Beschäftigungen. In den zehn häufigsten Nennungen dominieren digitale Aktivitäten. Der häufigste Zeitvertreib ohne Smartphone und Internet sind "Zeit mit Freund*innen" und "der Familie verbringen".
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Dabei zeigt sich: Besonders wohl fühlen sich Jugendliche vor allem bei Aktivitäten abseits des Bildschirms. "Zeit mit Freund*innen verbringen", "Mannschaftssport" und "Zeit mit der Familie verbringen" werden deutlich häufiger genannt. "Auf Social Media unterwegs sein" zählen nur 19 Prozent der Befragten zu ihren drei Wohlfühl-Aktivitäten.
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Wie passt das zusammen? "Wir beobachten in der Social-Media-Nutzung von Jugendlichen positive Aspekte und Schattenseiten gleichermaßen", erklärt Yvonne Gerigk, Referentin für Forschung bei der Landesanstalt für Kommunikation und Mitautorin der Studie. "Der größte Nutzen, den Jugendliche in Sozialen Medien sehen, ist der Zugang zu Wissen." Doch auch das habe Nachteile für junge Menschen.
Eine Sozialstudie der Universität Bielefeld zeigt, wie junge Menschen der Generation Alpha in Zeiten Sozialer Medien ihre Selbstwirksamkeit und ihr Vertrauen in sich selbst wahrnehmen und bewerten.
16.06.2026 | 1:50 minZwischen Aufklärung und Belastung
Im Vorfeld der Befragung wurden mit 20 Jugendlichen einstündige Einzel-Interviews geführt. "Ein Mädchen berichtete von einem Aufklärungsvideo zu übergriffigem Verhalten gegenüber Frauen. Auf der einen Seite fühlte sie sich durch den Inhalt vorbereitet, war danach aber auch besorgt", so Gerigk. Solche Ambivalenzen seien während der Untersuchung immer wieder aufgetaucht.
Der Besitz eines Smartphones ist der erste Schritt auf eine Social-Media-Plattform. Die meisten Kinder erhalten mit zehn oder elf Jahren ihr erstes eigenes Handy - also häufig mit dem Übertritt auf eine weiterführende Schule.
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Schnelle Unterhaltung wird zu stundenlangem Scrollen
Die Studie hat auch untersucht, welche Plattformen 14- bis 17-Jährige am häufigsten nutzen. YouTube, Instagram und TikTok führen das Ranking an. Was bei TikTok auffällt: 13 Prozent der Befragten gaben an, die App mehr als drei Stunden täglich zu nutzen. Das ist der höchste Wert im Vergleich zu den anderen Plattformen.
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TikTok erfüllt zunächst das Bedürfnis der Unterhaltung. Aber der Algorithmus fesselt und so kippt leichte Unterhaltung zu lähmendem Konsum.
Yvonne Gerigk, Referentin für Forschung bei der Landesanstalt für Kommunikation
Dabei hat TikTok die negativste Auswirkung auf das Wohlbefinden der Jugendlichen. 17 Prozent geben an, die Plattform tue ihnen nicht gut.
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"Dass Jugendliche häufig genutzte Plattformen negativ bewerten, erscheint wie ein Widerspruch, hat aber einen Grund: Fesselnde Algorithmen lassen die Jugendlichen die Zeit vergessen und länger am Smartphone hängen, als sie sich vorgenommen hatten", erklärt Gerigk. "Ein Mädchen beschrieb im Einzelinterview, sie würde beim TikTok schauen im Bett liegen und verrotten." Diese extreme Wortwahl habe sie auch als Wissenschaftlerin betroffen gemacht, sagt Gerigk.
Die Jugendlichen sind sehr gut informiert und sind sich auch der Schattenseiten ihrer Mediennutzung bewusst. Das war für mich der größte Aha-Effekt.
Yvonne Gerigk, Referentin für Forschung bei der Landesanstalt für Kommunikation
TikTok nutzt einen Algorithmus, der sich stark am Nutzerverhalten orientiert. Das kann vor allem bei jungen Menschen mit psychischen Erkrankungen Risiken bergen.
25.06.2025 | 5:41 minZwischen Fake News, Hass und Nacktbildern
Eine weitere Schattenseite sind problematische Inhalte wie Fake News, politische Extreme, Hass und auch ungewollte Nacktbilder (zum Beispiel Dickpics). Mit Fake News waren schon 71 Prozent der Jugendlichen konfrontiert. Sie berichten, dass ihnen besonders häufig auf TikTok solche gezielten Falschinformationen begegnen.
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Ungewollte Nacktbilder sind mit insgesamt 15 Prozent seltener als andere problematische Inhalte. Doch sie weisen die höchsten Belastungswerte auf. 52 Prozent der Befragten, die das schon erlebt haben, bewerten es als "sehr belastend". Mädchen haben mit 19 Prozent fast doppelt so häufig schon ungewollte Nacktbilder erhalten als Jungen (11 Prozent).
Soziale Medien, Chats, Online-Games - Pädokriminelle nehmen hier Kontakt zu potenziellen Opfern auf. Immer mehr Minderjährige sind von Cybergrooming betroffen.
08.03.2026 | 5:44 min"Wenn ihre Konten nicht privat sind, ist Snapchat die Plattform, auf der junge Mädchen davon ausgehen müssen, Dickpics geschickt zu bekommen. Das haben uns viele Mädchen übereinstimmend in den Einzelinterviews berichtet", so Gerigk.
Lässt sich aus den Studienergebnissen ableiten, Social Media sollte für Jugendliche verboten sein? Nein, sagt Gerigk.
Jugendliche wollen ein Teil der Gesellschaft werden und dazugehören. Sie mit einem Social-Media-Verbot aus einem gesellschaftlich wichtigen Raum auszuschließen, ist schwierig.
Yvonne Gerigk, Referentin für Forschung bei der Landesanstalt für Kommunikation
Stattdessen sollte an verschiedenen Stellen angesetzt werden - etwa in der Politik, in der Familie oder der Schule. Vor allem sollten aber die Plattformen selbst in die Verantwortung genommen werden, so die Medienforscherin.
Die JIMplus-Studie hat auch das generelle Wohlbefinden der Jugendlichen untersucht. 14- bis 17-Jährige, die Kontakt zu problematischen Inhalten hatten oder sich bei ihren Online-Erfahrungen von ihren Eltern alleingelassen fühlen, geht es tendenziell schlechter. Auch Jugendliche mit sehr intensiver TikTok-Nutzung weisen geringere Werte des Wohlbefindens auf. Jugendliche mit starken familiären Bindungen und unterstützenden Eltern berichten dagegen, dass es ihnen besser geht.
Für ein gutes Nutzungsverhalten sei auch die Rolle der Eltern zentral. "In Familien, in denen ein offener Austausch stattfindet und Eltern sich für die Online-Aktivitäten ihrer Kinder interessieren, haben Jugendliche ein höheres Verständnis für Regeln und Zeitlimits", so Gerigk.
Redaktion: Kathrin Wolff
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