Die Wissens-Kolumne von NANO und Terra X:Süßstoffe - schlimmer als Zucker?
von Lars Dittrich
Süßstoffe versprechen Genuss ohne Reue. Doch die Warnungen vor Gesundheitsrisiken reißen nicht ab. Was ist dran?
Zu viel Zucker macht krank. Neben der Tatsache, dass er ungesundes Übergewicht begünstigt, stehen auch mögliche direkte, schädliche Wirkungen im Raum. Die Konsequenz bleibt die gleiche: Wir sollten Zucker meiden. Keine süße Aussicht. Denn Zucker ist ja lecker.
Einen Ausweg aus diesem Dilemma verspricht ein Arsenal kalorienarmer und -freier Süßungsmittel. Ohne Verzicht auf Süßes sollen wir mit ihnen unser Gewicht halten und Gesundheitsrisiken reduzieren können. Wie gut das klappt, ist Gegenstand wissenschaftlicher Studien.
In der Wissens-Kolumne von NANO und Terra X auf ZDFheute beschäftigen sich ZDF-Wissenschaftsjournalistinnen und -journalisten wie Harald Lesch, Mirko Drotschmann und Jasmina Neudecker sowie Gastexpertinnen und Gastexperten jeden Sonntag mit großen Fragen der Wissenschaft - und welche Antworten die Forschung auf die Herausforderungen unserer Zeit bietet.
Wie Süßstoffe beim Abnehmen helfen
In Interventionsstudien wird eine Maßnahme durchgeführt und ihr Effekt untersucht. Beispielsweise wird eine Gruppe von Versuchsteilnehmenden angewiesen, ihre zuckrigen Erfrischungsgetränke durch Süßstoff-Varianten zu ersetzen. Solche Studien zeigen verlässlich, dass Süßstoffe beim Abnehmen helfen können.
Denn Limo und Cola gegen Süßstoffgetränke zu tauschen, ist im Hinblick auf Kalorien genauso effektiv wie gegen Wasser. Gerüchte, dass Süßstoffe den Hunger ankurbeln und dadurch das Abnehmen erschweren könnten, bestätigen sich in solchen Studien nicht.
Süßstoffe sollen beim Abnehmen helfen, den Blutzucker stabil halten und den Weg aus der Zuckerfalle weisen – ganz ohne Verzicht auf Süßes. Aber zu welchem Preis?
08.03.2026 | 30:23 minWirken Süßstoffe langfristig eher nachteilig?
Ein ganz anderes Bild liefern jedoch Kohortenstudien. Hier werden Menschen in ihrem normalen Leben über einen langen Zeitraum beobachtet. Dort zeigt sich: Teilnehmende, die zu Beginn der Studie einen hohen Konsum von Süßstoffen angeben, nehmen im Studienverlauf eher an Gewicht zu.
Ebenso haben sie ein höheres Risiko für all die Erkrankungen, wegen denen man eigentlich Zucker meiden will: Diabetes, Herz-Kreislauf-Erkrankungen, einige Arten von Krebs und sogar schnellere Gehirnalterung. Helfen Süßstoffe womöglich nur kurzfristig, führen aber langfristig doch zu Gewichtszunahme und Krankheiten?
Was passiert im Gehirn, wenn wir zu viel essen? Leon Windscheid erforscht die Psychologie hinter Esssucht und warum industriellen Lebensmitteln so schwer zu widerstehen ist.
24.11.2025 | 43:41 minGesundheitsrisiken: Süßstoffe scheinen nicht die Ursache zu sein
Aktuelle Untersuchungen legen eine andere Interpretation nahe. Etwa wenn der Süßstoffkonsum nicht nur einmalig zu Beginn des Beobachtungszeitraums erhoben wird, sondern mehrmals im Verlauf. So kann man untersuchen, ob Änderungen der Süßstoffmengen mit Änderungen von Risiken einhergehen. Ob die Teilnehmenden schon mit unterschiedlichen Ausgangsrisiken in die Untersuchung gestartet sind, fällt nicht mehr ins Gewicht.
Bei dieser Art der Auswertung verschwindet der Zusammenhang von Süßstoffen mit Gewichtszunahme und Erkrankung. Anscheinend greifen Menschen, denen es schwer fällt, ihr Gewicht zu halten, öfter zu Süßstoffen. Die Erhöhung von Krankheitsrisiken entsteht nicht durch die Süßstoffe, sondern durch eine Gewichtszunahme. Auch Menschen mit erblich bedingten Risiken für etwa Diabetes oder Herz-Kreislauf-Erkrankungen könnten eher zu Süßstoffen greifen.
Übergewicht und Adipositas bedeuten nicht, dass betroffene Menschen einfach abnehmen müssen - dahinter steckt ein gesamtgesellschaftliches Problem, an dem Lebensmittelindustrie, Gesundheitssystem und auch Normalgewichtige beteiligt sind.
28.11.2021 | 29:37 minVerbleibende Risiken
Eine endgültige Entwarnung ist das aber noch nicht. Aus der Forschung kommen immer wieder Hinweise, dass Süßstoffe möglicherweise doch Krankheiten begünstigen könnten. Etwa über eine Wirkung aufs Darmmikrobiom oder eine Beeinflussung der Blutgerinnung. Doch keiner dieser Effekte konnte beim Menschen bestätigt werden. Aber vom Tisch sind sie auch nicht. Sie stellen ein Restrisiko dar.
Dies lässt sich auch nicht umgehen, indem man besonders riskante Süßstoffe meidet. Denn die meisten Warnsignale beschränken sich nicht auf einzelne Substanzen.
Eine Ausnahme ist das Backen und Braten. Hier steht nur die Sucralose im Verdacht, krebserregende Substanzen freizusetzen. Sie kann gegen hitzebeständige Süßungsmittel wie Xylit, Sorbit oder Erythrit ausgetauscht werden.
Macht Zucker süchtig wie Heroin? Oder kommt es nur auf die "richtige Art" an? Selbst die Forschung ist beim Thema Zucker gespalten. Mai wagt den kritischen Blick.
30.03.2025 | 28:25 minAls Fazit bleibt: Zucker ersatzlos zu streichen, wäre die gesündeste Maßnahme. Wasser statt Limo. Aber das ist leichter gesagt als getan und nicht für jeden realistisch.
Wer vom Süßen nicht wegkommt, für den sind Süßstoffe sinnvoll. Denn in ihnen steckt nur das eventuelle Restrisiko - im Zucker eine erwiesene Schädlichkeit.
... hat in Neurowissenschaften promoviert und zur Frage geforscht, warum wir schlafen. Heute arbeitet er als Wissenschaftsjournalist für MAITHINK X. Er fragt sich oft, woher wir eigentlich wissen, was wir wissen und wie sicher wir uns da sein können.
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