Harald Lesch über das Himmelsschauspiel:Sonnenfinsternis: "Ein Grenzerlebnis unserer Wahrnehmung"
Wenn sich die Sonne verdunkelt, berührt das Menschen tief - trotz aller Wissenschaft. Astrophysiker und Terra-X-Moderator Harald Lesch erklärt, warum das so ist.
Fliegende Schatten, stille Vögel und eine sichtbare Sonnenkorona: Harald Lesch erklärt, warum eine totale Sonnenfinsternis zu den faszinierendsten Naturereignissen überhaupt gehört.
12.08.2026 | 1:12 minZDFheute: Was macht diese Sonnenfinsternis so besonders?
Harald Lesch: Die Sonnenfinsternis am 12. August wird kurz vor Sonnenuntergang passieren. Das heißt, die Sonne geht verfinstert unter. Und das ist natürlich irre. Da laufen zeitgleich die Bewegungen des Mondes und der Erde sichtbar zusammen und verursachen eine Sonnenuntergang-Sonnenfinsternis.
Das ist einfach ein Grenzerlebnis unserer Wahrnehmung.
Am Abend des 12. Augusts ordnen sich Sonne, Mond und Erde in einer Reihe an. Von der Arktis bis Mallorca gibt es eine totale, in Deutschland eine partielle Sonnenfinsternis.
07.08.2026 | 0:54 minZDFheute: Warum fasziniert uns eine Sonnenfinsternis so sehr, obwohl wir wissen, wie sie entsteht?
Lesch: Unser gesamtes Gottvertrauen geht zurück auf die Tatsache, dass die Dinge sich am Himmel wiederholen. Eine Sonnenfinsternis durchbricht diese Erfahrung.
Dass diese Sonne dann nicht mehr scheint, ist etwas, was uns tief in unseren Erfahrungen erschüttert.
Deshalb kommt man um die Faszination nicht drum rum. Selbst heute bleibe eine gewisse Angst, obwohl wir alle wissen, dass es wieder hell wird.
Tausende Menschen, Teleskope auf Feldern und gespannte Blicke gen Himmel: Harald Lesch erinnert sich an die Sonnenfinsternis von 1999 und den besonderen Zauber dieses gemeinsamen Erlebnisses.
12.08.2026 | 0:43 minZDFheute: Was hat Sie bei Ihrer ersten Sonnenfinsternis besonders beeindruckt?
Lesch: Wir haben einen riesen Dusel gehabt. 1999 hat sich genau im richtigen Moment eine Wolkenlücke geöffnet. Andere sind extra weit gereist und haben nur Wolken gesehen. Und wir hatten genau den richtigen Blick. Das war einfach großartig.
Harald Lesch und Jasmina Neudecker begleiten die totale Sonnenfinsternis am 12. August von Mallorca aus ab 20 Uhr im ZDF-Streaming-Portal und auf dem YouTube-Kanal "Terra X Lesch & Co", ab 20:15 Uhr in 3sat und bei entsprechenden Witterungsverhältnissen von etwa 20:25 Uhr bis 20:35 Uhr im ZDF-Hauptprogramm. Hier geht es am 12. August zum Stream.
ZDFheute: Kann so ein Ereignis die Perspektive auf die Welt verändern?
Lesch: Ich weiß nicht, ob das die Perspektive von allen verändert. Aber es gibt Menschen, die später sagen: Ich glaube, damals habe ich neu angefangen, über die Welt nachzudenken.
Solche Momente sind wie Leuchttürme für unsere Erinnerungen und bleiben wahrscheinlich für immer in unseren Erfahrungen und Gedächtnissen gespeichert. Ich erinnere mich noch ganz genau an jede Sonnenfinsternis, die ich gesehen habe.
Harald Lesch erklärt, warum eine totale Sonnenfinsternis weit mehr ist als ein astronomisches Ereignis und weshalb sie Staunen, Ehrfurcht und Respekt auslöst.
12.08.2026 | 0:51 minZDFheute: Warum sind Sonnenfinsternisse auch für die Forschung wichtig?
Lesch: Lange Zeit waren die Sonnenfinsternisse die einzige Möglichkeit, etwas am Himmel zu sehen, was in unmittelbarer Nähe von der Sonne ist. Und es wurde entlang einer Sonnenfinsternis vom Astrophysiker Arthur Eddington bewiesen, dass die Schwerkraft der Sonne das Licht von dahinterliegenden Sternen ablenkt. Also der Beweis für Einsteins allgemeine Relativitätstheorie.
Das Interview führte Elisabeth zu Eulenburg.
Infos zur Sonnenfinsternis
Um die längste Phase der totalen Verdunkelung zu erleben, muss man am 12. August an die Westküste Islands reisen. Dort kann man über zwei Minuten lang den seltsamen Anblick genießen. Die Geschwindigkeit, mit der der Mondschatten über die Erde läuft, wird zu niedrigeren Breitengraden hin immer schneller. In Spanien wird die Totalität nur eine Minute oder weniger anhalten.
Obwohl es dieses Mal in Deutschland nicht zur Totalität kommt, sind wir trotzdem nah genug am Pfad der Verfinsterung, um eine beeindruckende Bedeckung zu erleben. Gerade im Süden Deutschlands darf man mit bis zu 90 Prozent Verfinsterung rechnen, kurz bevor die verdunkelte Sonne dann am Horizont versinkt.
Generell ist eine Verfinsterung der Sonne auf der Erde eigentlich keine Seltenheit. Im Schnitt ist alle 18 Monate irgendwo auf dem Planeten eine totale Sonnenfinsternis zu sehen. Doch der Mondschatten auf der Erde ist im Schnitt nur etwa 160 Kilometer breit und so ist das Spektakel jeweils nur in sehr begrenzten Bereichen zu sehen. Hinzu kommt, dass die Erde schnell rotiert und so nur ein sehr dünner, zeitlich stark begrenzter Pfad der Verfinsterung entsteht.
Die meisten Sonnenfinsternisse bleiben sogar gänzlich unbeobachtet: Neben unbewohnten Gebieten ist ein Großteil der Erdoberfläche mit Ozeanen bedeckt, von wo aus selten jemand zusieht.
Die letzte totale Sonnenfinsternis war 1999 über Deutschland zu sehen. Das nächste Mal ist es erst wieder 2081 so weit. In Spanien und Portugal, die dieses Jahr die Totalität erleben, gab es die letzte totale Sonnenfinsternis 1912.
Kurz bevor der Mond die Sonne komplett verdunkelt, sickert Sonnenlicht durch die kleinen Unebenheiten am Rand des Mondes. Durch lunare Täler und Berge entstehen dort für ein paar Sekunden kleine helle Punkte, die man die "Bailyschen Perlen" nennt.
Ein paar Tage nach der Sonnenfinsternis am 12. August wird während der folgenden Vollmondphase Ende August eine Mondfinsternis folgen. In den frühen Morgenstunden des 28. August treten hierzulande über 96 Prozent der Fläche des Vollmonds in den Erdschatten ein. Durch die Lichtstreuung erscheint unser Trabant dann in tiefem Kupferrot und ist auch als "Blutmond" bekannt.
Im Gegensatz zur Sonnenfinsternis ist eine Mondfinsternis von der gesamte Nachtseite der Erde aus zu sehen und es bedarf auch keine besondere Schutzausrüstung, um das Phänomen zu verfolgen.
Die Totalität der Sonnenfinsternis von der Erde aus betrachtet ist möglich, da der Mond ziemlich genau 400-mal kleiner als die Sonne ist und dabei ziemlich genau 400-mal näher an der Erde steht als die Sonne. Die beiden Scheiben passen von unserem Planeten aus gesehen also perfekt aufeinander.
Das wird aber nicht immer so sein. Der Mond entfernt sich von der Erde. Langsam, aber sicher, mit etwa 3,78 Zentimetern pro Jahr. Nach den aktuellen Berechnungen heißt das, dass die letzte totale Sonnenfinsternis in etwa 600 Millionen Jahren von der Erde aus sichtbar sein wird. Danach gibt es nur noch die sogenannten "Ring of Fire"-Sonnenfinsternisse, bei denen die Mondscheibe kleiner wirkt als die Sonnenscheibe und so während des Maximums der Verfinsterung ein heller Ring um den Mond herum sichtbar bleibt.
Von Jana Steuer
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