Skandal um Influencerin Alina Walbrun:Was Medfluencer dürfen - und wann es problematisch wird
von Kevin Schubert
Eine Medizin-Influencerin informiert über eine erfundene Krankheit. Der Fall sorgt für Aufregung und wirft Fragen auf: Was hilft, was schadet - und was ist erlaubt? Ein Überblick.
Werbung im Gesundheitsbereich ist streng reguliert, unter anderem durch das Heilmittelwerbegesetz. Was Influencer dürfen, erklären wir im Video.
20.08.2026 | 2:17 minAusgelöst hat die ganze Aufregung ein Prank. Solche Streiche sind das Markenzeichen des Journalisten und YouTubers Marvin Wildhage. Schon in der Vergangenheit hat er erfolgreich Vereine, Organisationen und auch Influencer hereingelegt, um Missstände aufzudecken.
Bei seinem aktuellen Prank geht es nun im Kern um die Frage: Wie gewissenhaft arbeiten Medfluencer?
Dafür erfindet Wildhage eine Krankheit, die "postvirale nasale Hypersensibilität", kurz PVNH, bei der nach Infekten die Nase anschwillen soll. Es ist eine Anspielung auf Pinocchio. Über eine fiktive Pharmafirma um die ebenfalls erfundene Studienleiterin "Dr. Beatrice Gepetto" (benannt nach Pinocchios Schöpfer) fragt Wildhage bei verschiedenen Medfluencern an. Sie sollen gegen Bezahlung auf die erfundene Krankheit aufmerksam machen.
Debatte um Medfluencer und ihre Inhalte
Als Wildhage das Video zu seinem Experiment im Juli veröffentlicht, geht es viral - und das liegt vor allem an Alina Walbrun, die in diesem Jahr ihr Medizinstudium abgeschlossen hat. Sie gehört zu den reichweitenstärksten Medfluencerinnen Deutschlands. Vor der Veröffentlichung folgen Walbrun mehr als 310.000 Menschen auf Instagram.
Medfluencerin und Unternehmerin Alina Walbrun.
Walbrun fällt auf die Fake-Krankheit herein. Sie macht in ihrer Instagram-Story nicht nur auf PVNH aufmerksam. Sie behauptet sogar, selbst daran zu leiden und die frei erfundene Krankheit im HNO-Semester ihres Studiums durchgenommen zu haben.
Der Fall löst eine neue Debatte über Medfluencer aus - und wirft Fragen auf: Welchen medizinischen Inhalten von Influencern auf Instagram, YouTube und TikTok können wir vertrauen? Und was überwiegt bei Medfluencern: Chance oder Risiko?
- Ärztinnen und Ärzte,
- Medizinstudenten,
- oder Pflegekräfte.
Auch Patienten spielen eine Rolle - etwa Betroffene chronischer Krankheiten, die Erfahrungen im Gesundheitsbereich teilten. Darüber hinaus gibt es thematische Überschneidungen mit anderen Gesundheits-Influencern, etwa Ernährungsberatern oder Fitnesscoaches.
Quellen: Stiftung Gesundheitswissen; Rafael Heiss, Professor für Gesundheitspolitik und -kommunikation am MCI in Innsbruck
Philip Jones, Gründer der Agentur Medservation, geht aktuell von "Tausenden" Medfluencern in Deutschland aus. In der Vergangenheit führte Jones mit seiner Agentur, die selbst Medfluencer vertritt, eine Datenbank. "Aber wir haben die Aktualisierung vor zwei Jahren eingestellt", sagt Jones. Es seien einfach zu viele Influencer geworden, der Markt in den vergangenen Jahren "extrem gewachsen". Die erfolgreichsten deutschen Medfluencer erreichen ein Millionen-Publikum.
Was dürfen Medfluencer überhaupt?
"Werbung im Gesundheitsbereich ist streng reguliert", sagt Samuel Kirsch von der ZDF-Redaktion Recht und Justiz, "unter anderem durch das 'Heilmittelwerbegesetz'." Verschreibungspflichtige Arzneimittel etwa dürften außerhalb von Fachkreisen "überhaupt nicht beworben werden".
Unzulässig ist auch Werbung mit Empfehlungen von Prominenten, bekannten Personen, wenn die durch ihre Bekanntheit zum Arzneitmittelverbrauch anregen können.
Samuel Kirsch, ZDF-Redaktion Recht und Justiz
"Genau das kann auch Influencer betreffen", sagt Kirsch.
- Die ganze Einschätzung sehen Sie oben im Video.
Wie viel Einfluss haben Medfluencer auf ihre Follower?
Das Thema ist auch deshalb so relevant, "weil Medfluencer gerade bei jungen Menschen hohes Vertrauen genießen", sagt Raffael Heiss. Er ist Professor für Gesundheitspolitik und -kommunikation am MCI in Innsbruck und forscht seit Jahren zu Medfluencern.
Arztkittel oder Stethoskop können medizinische Expertise und Autorität vermitteln, erklärt Heiss. Persönliche Einblicke, Authentizität und Nahbarkeit wiederum könnten Vertrauen fördern und eine einseitige emotionale Bindung von Followern zu Influencern begünstigen. "Follower haben dann mitunter das Gefühl, von einem Freund informiert zu werden."
In Österreich hat ein Team des MCI in Innsbruck mehr als 1.000 Menschen zwischen 15 und 25 Jahren zu Medfluencern befragt. Einige Ergebnisse der Studie:
- 40,27 Prozent vertrauen Influencern in Gesundheitsfragen.
- 30,91 Prozent haben von Influencern empfohlene Gesundheitsprodukte - etwa Nahrungsergänzungsmittel - gekauft.
- 32,34 Prozent finden die Inhalte nützlich für die eigene Gesundheit, 29,2 Prozent finden sie schädlich.
Für Deutschland hat eine repräsentative Studie des Sinus-Instituts im Auftrag der Barmer-Krankenkasse 2024 herausgefunden, dass sich 74 Prozent der Jugendlichen im Internet über Gesundheitsthemen informieren. YouTube, TikTok und Instagram gehören dabei zu den wichtigsten Informationsquellen, wie die Grafik zeigt:
ZDFheute Infografik
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Überwiegen die Chancen oder Risiken bei Medfluencern?
Die Stiftung Gesundheitswissen fasst es für ZDFheute so zusammen:
Zwar gibt es eine wachsende und hoch engagierte Gruppe qualifizierter Medfluencer, doch stehen sie zahlreichen Inhalten gegenüber, die ungeprüfte Nahrungsergänzungsmittel, Wellnesstrends und Schönheitsoptimierungen vermarkten.
Stiftung Gesundheitswissen
Die Chancen
"Wir wissen, dass unser Gesundheitssystem nicht alle erreicht - und das bestimmte Themen in dem Bereich auch unterrepräsentiert sind", erklärt Experte Raffael Heiss. Gerade im Bereich der Frauen- und Jugendgesundheit könnten Medfluencer "aufklären und wichtiges Wissen vermitteln", sagt er.
Für Philip Jones sind Medfluencer auch eine Chance, das Gesundheitssystem präventiver zu gestalten. Jones ist Gründer der Marketingagentur Medservation, die selbst Medfluencer managt und dabei nach eigenen Angaben auf evidenzbasierte Konzepte setzt.
"Schon heute ist es schwierig, einen Facharzttermin zu bekommen", sagt Jones. Die anrollende Verrentungswelle verschärfe das Problem. "Gerade jetzt ist besonders wichtig, die Gesundheitskompetenz zu steigern", sagt Jones, "um mehr Menschen ein gesundes Leben zu ermöglichen und so vielleicht auch mal eine Operation oder Behandlung nicht notwendig zu machen."
Laut einer Studie ist das Ausmaß des Hausärztemangels größer als bekannt. Bis 2040 sollen mehrere Tausend Ärzte fehlen.
02.10.2025 | 1:45 minRalf Suhr, Arzt und Vorstandsvorsitzender der Stiftung Gesundheitswissen, weist - wie auch die Bundesärztekammer - auf die Potenziale von Medizinstudierenden als Medfluencer hin. "Sie erreichen jüngere Zielgruppen, können medizinische Themen niedrigschwellig erklären und wirken oft besonders nahbar." Gerade bei schambesetzten Themen ließen sich über Social-Media-Kanäle Zielgruppen erreichen, "die vorher nicht zugänglich waren".
Ob Medizinstudierende gute Medfluencer sind, entscheidet sich für Ralf Suhr anhand mehrerer Kriterien. "Sie sollten ihren Ausbildungsstand offenlegen, gesichertes Wissen von eigener Einschätzung trennen, Quellen nennen, Unsicherheiten benennen und bei Themen jenseits der eigenen Kompetenz zurückhaltend sein", sagt der Arzt und Vorstandsvorsitzende der Stiftung Gesundheitswissen. "Auf Produktkooperationen sollten sie verzichten."
Was Suhr betont: "Wer Instagram oder TikTok beherrscht, verfügt damit noch nicht über die klinische Erfahrung, komplexe Zusammenhänge sicher einzuordnen." Differentialdiagnosen, seltene Nebenwirkungen oder atypische Verläufe erforderten Erfahrung, für die das Studium allein nicht ausreiche. "Eine Aussage kann deshalb fachlich richtig sein und durch fehlenden Kontext dennoch einen falschen Eindruck vermitteln."
Die Risiken und Gefahren
Für Raffael Heiss beginnen die Risiken bereits beim kommerziellen Interessenkonflikt.
Medfluencer können davon profitieren, dass sie Bedürfnisse und Sorgen erzeugen, die vorher gar nicht vorhanden waren, und dann gleichzeitig entsprechende Produkte bewerben.
Raffael Heiss, Professor für Gesundheitspolitik und -Kommunikation
"Viele Menschen kommen zum Beispiel gar nicht auf die Idee, dass sie einen Mangel haben könnten", sagt Heiss. "Wenn aber eine Medfluencerin erzählt, dass praktisch alle Menschen einen Vitamin-D-Mangel haben und jeder supplementieren sollte, können dadurch Sorge vor einem vermeintlichen Gesundheitsproblem und gleichzeitig Nachfrage nach Tests oder Produkten entstehen."
Ein ähnliches Muster beobachtet Heiss auch bei der mentalen Gesundheit. "Die oft vereinfachte Darstellung von Symptomen durch Influencer kann dazu beitragen, dass Menschen auch unspezifische oder vorübergehende Beschwerden einer Erkrankung interpretieren und sich vorschnell selbst diagnostizieren."
Das kann dazu führen, dass Menschen unnötige Produkte, Tests oder Behandlungen in Anspruch nehmen und normale Erfahrungen zunehmend als behandlungsbedürftige Gesundheitsprobleme wahrnehmen.
Raffael Heiss, Professor für Gesundheitspolitik und -Kommunikation
Eine große Gefahr sieht Heiss auch im Bereich der Selbstoptimierung. Wer sucht, findet zahlreiche Beiträge von Medfluencern, die etwa für Nahrungsergänzungsmittel werben oder Ernährungstipps geben. Auch Medfluencerin Alina Walbrun hat in der Vergangenheit im Rahmen bezahlter Werbepartnerschaften "als Medizinerin" Nahrungsergänzungsmittel bewertet oder die "Snack Secrets einer angehenden Ärztin" geteilt.
"Das erzeugt Druck", ordnet Heiss ein, "weil ich immer auf der Suche nach neuen Lösungen oder Produkten bin, um genauso schön, gesund und vital zu sein wie die Medfluencer, die sich so präsentieren." Die Wahrheit sei aber, dass sich Gesundheit nicht ins Maximale steigern lasse. Im Gegenteil: Die Stiftung Gesundheitswissen warnt bei einer "Fehl- und Überversorgung" durch Nahrungsergänzungsmittel vor "Wechselwirkungen und unnötigen finanziellen Belastungen".
Erhebliche Risiken sieht Stiftungsvorstand Ralf Suhr auch für chronisch Kranke oder Akutpatienten. "Die hohe emotionale Verwundbarkeit und der Leidensdruck können die Empfänglichkeit für unhaltbare Heilungsversprechen und emotionale Appelle erhöhen."
Wie kann ich selbst erkennen, ob ein Medfluencer seriös ist?
Wie man guten von fragwürdigem Content unterscheidet, haben uns Raffael Heiss und die Stiftung Gesundheitswissen ausführlich erklärt. Ihre Tipps haben wir in diesem Beitrag für Sie zusammengefasst:
Experten warnen vor unseriösen Social-Media-Inhalten zu Gesundheitsthemen. Aber was ist unseriös? Diese Tipps können bei der Einordnung helfen.
20.08.2026 | 1:38 minWelche Gefahren gibt es noch?
Die Stiftung Gesundheitswissen warnt auch vor sogenannten "Holistic Health Coaches". Teilweise würden Angebote dieser Influencer "ungetestete Entgiftungskuren bewerben, pauschal vor evidenzbasierten Therapien warnen oder eigene Präparate über Affiliate-Links vertreiben", schreibt die Stiftung. Im schlimmsten Fall könnte das dazu führen, dass Patienten "auf fragwürdige Online-Ratschläge vertrauen oder fachärztliche Hilfe erst im fortgeschrittenen Krankheitsstadium aufsuchen".
- Doku-Tipp: Die Medfluencerin Gloria Bormann wirbt auf Instagram mit dem Titel "Holistic Women Leadership" - und postet unter anderem verschwörungsideologische Inhalte zu Impfungen oder Krebstherapien. Der SWR hat sich im Rahmen des Films "Gesund durch Influencer? Medizin-Hype mit Risiken & Nebenwirkungen" intensiv mit ihr auseinandergesetzt.
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