Experiment mit einem Avatar:Wie eine KI mich einmal (beinahe) ersetzt hätte
von Florian Neuhann
Für eine Doku haben wir ein besonderes Experiment gewagt: Kann Künstliche Intelligenz einen menschlichen Wirtschaftskorrespondenten ersetzen? Das Ergebnis ist erschreckend.
KI schreibt Texte, analysiert Verträge und programmiert Code – sie verändert die Arbeitswelt rasant. Wie bedroht sind unsere Jobs? Florian Neuhann geht der Frage nach, auch mit einem Avatar.
29.04.2026 | 53:44 minUnd dann ist da dieser Moment, in dem ich meinen eigenen Avatar interviewe. Mir von ihm den aktuellen Ölpreis, die Inflation und die Arbeitsmarktdaten erklären lasse. Und kurz erschrecke: wie schnell und gut der antwortet. Ja, vielleicht sogar ausgeruhter, als ich das tun würde.
Es ist der Moment, in dem ich meinen Avatar - genannt "KI-Florian" - irgendwann frage, ob ich bald meinen Job los bin. Und vor seiner Antwort erstmal die Luft anhalte.
Aber der Reihe nach.
1. Der Auftrag: Klont mich
Im Herbst 2025 planen wir mit der Doku-Redaktion einen kleinen Schwerpunkt: Frisst die KI unsere Jobs? Und natürlich fallen uns schnell Jobs ein, die gefährdet sind. Übersetzerinnen, Grafikdesigner, Juristinnen.
Aber was ist eigentlich mit meinem eigenen Job, aktuelle Wirtschaftsnachrichten vor der Kamera zu erklären?
Der ZDF-Wirtschaftsexperte Florian Neuhann wagt ein Experiment mit Künstlicher Intelligenz: Könnte ein KI-Avatar ihn ersetzen?
29.04.2026 | 1:11 minWir beauftragen zwei Firmen aus dem ZDF-Verbund. ZDF Digital soll mein Aussehen, meine Stimme, mein Auftreten klonen. ZDF Sparks, eine KI-Agentur, bekommt einen ungleich schwierigeren Auftrag: Das Team soll dafür sorgen, dass die KI meines Avatars so tickt wie ich. Dass der Avatar meine Denkmuster kennt, Themen genauso analysiert wie ich.
Am Ende soll ein Klon entstehen, den wir in eine Live-Sendung schicken können. In der er - ohne jede Absprache - Wirtschaftsnachrichten so einordnet, wie ich das tun würde.
Von Florian Neuhann wurde ein Avatar erstellt, "KI-Florian". Hinweis: Das Bild von "KI-Florian" ist KI-generiert.
Quelle: ZDF2. Die "Guardrails": Was der Avatar machen darf - und vor allem, was nicht
Klar ist, dass wir das Experiment natürlich so deutlich wie möglich kennzeichnen. Außerdem soll der KI-Avatar nie ohne das menschliche Original auftreten.
Und trotzdem: Wir wissen um das Risiko dieser Idee. Was, wenn die KI plötzlich live halluziniert? KI-Sprachmodelle wollen schließlich immer eine Antwort präsentieren - auch wenn sie mal keine kennen.
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26.04.2026 | 43:30 minAlso stellt das Team um die KI-Expertin Pirita Pyykkönen-Klauck von ZDF Sparks Regeln auf - "Guardrails", Leitplanken für "KI-Florian". Die wichtigste: keine Internet-Recherche. Stattdessen darf er sich ausschließlich an einer Datenbank bedienen - eine vertrauenswürdige dritte Quelle für tagesaktuelle Nachrichten, die dem Avatar zur Verfügung steht.
Was er hingegen nicht tun darf: über künftige Entwicklungen spekulieren, Anlagen oder Ähnliches empfehlen, parteipolitische Bewertungen abgeben. Kurz: Er muss sich streng an Fakten halten.
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27.04.2026 | 6:50 min3. Muster erkennen - oder wie berechenbar bin ich eigentlich?
Parallel füttern Pirita Pyykkönen-Klauck und ihr Team die KI mit allen Schaltgesprächen, die es im ZDF-Archiv von mir gibt. Die KI soll Muster erkennen. Wir testen das Sprachmodell mit ersten Fragen. Noch findet die Ausgabe nur per Textfeld statt.
In den Texten, in den Formulierungen erkenne ich mich sofort wieder. Auch in der Gliederung: oft ausgehend von ein, zwei Fakten und Studien, dann hinführend zu den Auswirkungen auf Menschen, schließlich mit einer klaren Schlussfolgerung am Ende. Mir kommen die ersten Zweifel: Bin ich wirklich so ausrechenbar?
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02.02.2024 | 23:54 min4. Der Zwischenstand: Wir sind unangenehm berührt
Mitte März, der erste Härtetest für meinen Avatar. Für die Doku haben wir ein realistisches Live-Setting aufgesetzt - in unserem Nachrichtenstudio, mit unserem Nachrichten-Anchor Christian Sievers.
Sievers fragt "KI-Florian" nach dem Gewinneinbruch bei Volkswagen - an diesem Tag die Wirtschafts-Meldung des Tages. Und er spricht mit ihm über den Arbeitsmarkt und Einflüsse der KI. Alles ohne vorherige Absprache.
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30.10.2025 | 43:52 minDas Ergebnis? Ist bestenfalls okay. Im Inhalt bleibt der Avatar aalglatt, verharrt stets im "Einerseits-Andererseits". Am Ende, sagt Christian Sievers, sei kein Satz dabei gewesen, an den er sich noch erinnere.
Und auch die Optik lässt zu wünschen übrig. Der Avatar blinzelt unnatürlich, seine Stimme bleibt am Satzende öfter oben. In der Regie sind die Kolleginnen und Kollegen und ich eher unangenehm berührt durch den Auftritt.
Sehen Sie die Doku "Am Puls mit Florian Neuhann: Frisst die KI unsere Jobs?" am 1. Mai um 19:20 Uhr im ZDF oder jederzeit im ZDF-Streaming-Portal.
5. Das Resultat: "KI-Florian", wirst Du mich ersetzen?
Doch das war nur ein Zwischenstand. Sowohl am Auftreten als auch am Inhalt arbeiten die Teams von ZDF Digital und ZDF Sparks weiter. Die einen erstellen nochmal Aufnahmen von mir, die anderen verbessern die Schnittstelle zu aktuellen Agenturmeldungen.
Einige Tage später, unsere Doku ist fast fertig, bekommen wir die Nachricht: Es gibt eine neue Version meines Avatars.
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05.02.2026 | 2:41 minDie Fortschritte sind beeindruckend - und ja, beängstigend. Egal, was ich "KI-Florian" frage (denn so muss ich meinen digitalen Doppelgänger ansprechen, damit er antwortet): Er hat stets eine souveräne Antwort parat. Fehler? Kann ich auch bei der 100. Frage nicht entdecken.
Also frage ich ihn irgendwann: "KI-Florian", wirst Du mich bald ersetzen? Seine Antwort, hier in voller Länge dokumentiert:
"Ich bin als KI-Avatar von Florian Neuhann dazu da, seine Arbeit zu unterstützen und seine Expertise in neuer Form zugänglich zu machen. Die menschliche Komponente, die persönliche Recherche vor Ort, das Fühlen und Erleben von Geschichten, all das bleibt ein Kernbestandteil des Journalismus, den ich als KI nicht ersetzen kann."
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22.04.2026 | 6:28 min6. Und jetzt?
Und ja, natürlich: Mit der Antwort hat "KI-Florian" einen Punkt. Vor meinen Auftritten recherchiere ich eben nicht nur in Agenturmeldungen, sondern spreche mit Menschen, die direkt mit einem Thema zu tun haben. Ich erlebe Dinge, kann aus erster Hand berichten und einschätzen.
Das ist die gute Nachricht: Menschlicher Journalismus bleibt unersetzlich. Sowieso war von vornherein klar, dass dies für uns im ZDF nur ein Experiment ist - und dass die journalistische Verantwortung immer beim Menschen bleiben muss.
Und trotzdem nehmen wir viel mit aus diesem Experiment. Wie so viele Berufsfelder wird sich auch der Journalismus durch den Einsatz von Künstlicher Intelligenz dramatisch verändern. Die einfache Nachrichtenzusammenfassung? Wird am Ende immer von einem Menschen kontrolliert werden müssen. Aber erstellen? Könnte sie künftig vielleicht ein "KI-Florian". Auch für den Journalismus bietet KI viele Chancen. Wir müssen sie nutzen, verantwortungsvoll und sorgfältig.
Florian Neuhann leitet das Team Wirtschaft und Finanzen im ZDF.
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