Islamismus-Prävention:Wie eine Hamburger Beratungsstelle Radikalisierte erreicht
Nach dem CSD-Anschlag in Berlin debattiert der Innenausschuss über Gefährder. Hamburg hat eine starke Islamisten-Szene. Die Fachberatungsstelle Legato hilft beim Ausstieg.
In Hamburg gibt es eine große Islamisten-Szene. Wie kann man Radikalisierung begegnen? (Symbolbild)
Quelle: dpaZehn Tage nach dem Angriff eines radikalen Islamisten auf den Christopher Street Day in Berlin sind viele Fragen offen. Diskutiert wird auch, wie verhindert werden kann, dass sich Menschen hierzulande radikalisieren. Ulf Brennecke von der Fachberatungsstelle Legato in Hamburg berät radikalisierungsgefährdete Menschen, Aussteiger, Angehörige und Fachkräfte.
ZDFheute: Herr Brennecke, wie nehmen Sie die Diskussion auch um Ihre Tätigkeit wahr?
Ulf Brennecke: Auch ich bin natürlich entsetzt über den Anschlag in Berlin. Gleichzeitig bin ich nicht sicher, ob es gut ist, sich zu sehr von aktuellen Ereignissen treiben zu lassen. Jetzt reden wir alle über Gefährder und deren Überwachung, die letzten zwei Jahre ging es eher um Jugendliche, die sich unerkannt online radikalisieren. Beides existiert und beides muss man behandeln.
Wieso konnte der islamistische Terroranschlag auf den CSD in Berlin nicht verhindert werden? Mit Fragen wie diesen beschäftigte sich heute der Innenausschuss des Bundestages.
04.08.2026 | 1:40 minZDFheute: Wie kommen die Leute zu Ihnen zum Gespräch?
Brennecke: Zu uns kommen zum einen radikalisierte Personen und das vermehrt im Haftkontext. Manche bekommen richterliche Weisungen, also noch außerhalb von Haft, andere werden dazu verurteilt. Oder Behörden melden, dass sie Leute in Haft haben, mit denen es sich lohnt zu sprechen.
Außerhalb von Haft kommen zu uns vor allem Eltern, Angehörige, Sozialarbeitende, die sich Sorgen machen um Leute um sie herum.
Nach dem islamistisch motivierten Terroranschlag auf den CSD in Berlin muss unter anderem geklärt werden, "welche Behörde welche Gefährdungseinschätzung abgegeben hat", so Korrespondent Bohnsack.
04.08.2026 | 0:54 minZDFheute: Was ist das Ziel, wenn ein sogenannter Gefährder zu Ihnen geschickt wird?
Brennecke: Natürlich gibt es ein gesamtes Ziel bei gefährlichen Menschen, dass sie weniger gefährlich werden und dass nicht sowas passiert, wie in Berlin.
Zur richtigen Gefahrenabwehr sind allerdings nicht wir zuständig, sondern die Sicherheitsbehörden. Wir versuchen natürlich, unseren Beitrag zu leisten.
Bei einer Beratung muss man schauen, dass man Angebote macht, dass man vielleicht Probleme, die sie haben, zusammen löst, dass man sich Ziele im Leben setzt, dass man die Gründe, warum sie in dieser Radikalität gelandet sind, versucht zu bearbeiten und mit ihnen zusammen konstruktive Alternativen baut.
... arbeitet bei Legato Hamburg, einer Fachberatungsstelle für religiös begründete Konflikte und Radikalisierung. Ziel von Legato ist es, Radikalisierung präventiv zu thematisieren. Die Mitarbeitenden bei Legato beraten zu Distanzierung und Ausstieg aus radikalen Kreisen.
ZDFheute: Dafür ist es notwendig, dass man erst mal einen Draht herstellt. Dazu bedarf es einer Menge Vertrauen. Wie stellen Sie das her?
Brennecke: Das ist in den Fällen, wo die Leute nicht freiwillig da sind, nochmal besonders herausfordernd. Ein Ansatz ist es, nicht so sehr in Diskussionen mit den Leuten zu gehen. Wichtiger ist es, ihnen Angebote zu machen, auf die sie vielleicht anspringen. Und da muss man auch ein bisschen kreativ sein.
Wenn man zum Beispiel mitbekommt, diese Person möchte gerne wieder ein besseres Verhältnis zu ihren Kindern haben oder eine Perspektive für die Haftentlassung entwickeln. Das sind greifbare Dinge, an denen man arbeiten kann. Und so kommt man mit der Zeit zu Themen, wo noch ein bisschen mehr dahintersteht. Und dann können Ausstiegs- und Distanzierungsprozesse beginnen.
Es müsse heute im Bundestag darüber gesprochen werden, warum "eine Person, die als hoher Risikofall eingestuft wurde, nicht engmaschiger überwacht" wurde, fordert Clara Bünger, stellvertretende Fraktionsvorsitzende der Linken.
04.08.2026 | 8:35 minZDFheute: Sie haben auch viele Sprachen im Angebot.
Brennecke: Haben wir, man darf sich allerdings nicht vorstellen, dass wir die ständig benutzen. Der allerallergrößte Teil unserer Arbeit findet auf Deutsch statt.
ZDFheute: Ich habe gehört, dass die Gesprächsangebote an den Attentäter als nicht erreichbar oder ähnlich beschrieben wurden. Kennen Sie das auch?
Brennecke: Wenn wir im Prozess merken, dass uns nur vorgefertigte Antworten gegeben werden, dann besprechen wir das mit der Person und sagen, dass wir das nicht nur als ein Feigenblatt machen, sondern dass wir auch wirklich Ergebnisse produzieren wollen. Und wenn da nichts mehr geht, dann setzen wir die Beratung entweder aus, sodass die Person dann nochmal drüber nachdenken kann. Oder im Zweifelsfall brechen wir sie auch ab. Das muss zum Glück nicht so häufig passieren.
Eine Woche nach dem Attentat auf die Berliner Pride-Demo sitzt der Schock tief. In anderen europäischen Städten verlaufen die Feiern zwar ruhig, doch das mulmige Gefühl bleibt.
03.08.2026 | 2:38 minZDFheute: Was sagen Sie Leuten, die denken, dass Ihre Arbeit nichts bringt und sich mehr Polizei, mehr Sicherheit, mehr Gefängnis wünschen?
Brennecke: Unsere Projekte werden evaluiert auf verschiedenen Ebenen. Gleichzeitig muss man zugeben, dass es schwer ist, die Wirkung von solchen Programmen exakt festzustellen. Wann ist jemand ausgestiegen? Wann ist jemand nicht mehr radikal oder doch wieder radikal? Was bedeutet ein Rückfall? Das sind ganz komplizierte Fragen. Deswegen gibt es da meistens keine ganz klaren .
Das Interview führte Petra Meier aus dem ZDF-Landesstudio Hamburg.
Wichtiger Hinweis in eigener Sache
Wer bei Google etwas sucht, bekommt neben den Suchergebnissen auch eine Box mit Schlagzeilen angezeigt.
Mit ZDFheute als hinterlegter Quelle bekommen Sie unsere Inhalte häufiger in die Schlagzeilen-Box gespielt - geprüfte Inhalte, direkt in Ihrem Überblick.
→ Hier ZDFheute als bevorzugte Quelle einstellen.
Weitere Nachrichten zum CSD-Angriff
- Interview
Bundestags-Innenausschuss berät:Nach CSD-Anschlag: Linke fordert "klare Antworten"
mit Video8:35 - Interview
Kritik an Merz nach CSD-Anschlag:Queere Community: "Hören Sie uns endlich zu"
mit Video1:40 "SARAH TACKE" über Anschlag auf CSD:Queer-Aktivist Sarac: Brauchen Brandmauer zum Islamismus
von Torben Schrödermit Video60:47Abdul B. bereits als Schüler auffällig:CSD-Attentäter radikalisierte sich offenbar über Jahre
mit Video1:37