Die Wissens-Kolumne von NANO und Terra X:Hackbacks im Cyberkrieg: Darf der Staat bald zurückhacken?
von Dennis-Kenji Kipker
Der Angriff auf die Rechenzentren von Yandex zeigt, wie verwundbar digitale Infrastruktur ist. Könnten auch staatliche Cyberangriffe zur Waffe moderner Konflikte werden?
Was geschieht, wenn die digitale Infrastruktur eines Gegners ausfällt, veranschaulicht der Drohnenangriff auf drei Rechenzentren des russischen Internetkonzerns Yandex. Denn das Unternehmen musste seine Plattform auf Notbetrieb schalten, sodass Internetsuche, Taxibuchungen, Videostreaming und Lieferdienste zeitweise ausfielen.
Weil auch Anwendungen vieler anderer Firmen wie Banken und Medienportale auf derselben Yandex-Cloud laufen, zog der Ausfall in Russland weite Kreise.
In der Wissens-Kolumne von NANO und Terra X auf ZDFheute beschäftigen sich ZDF-Wissenschaftsjournalistinnen und -journalisten wie Harald Lesch, Mirko Drotschmann und Jasmina Neudecker sowie Gastexpertinnen und Gastexperten jeden Sonntag mit großen Fragen der Wissenschaft - und welche Antworten die Forschung auf die Herausforderungen unserer Zeit bietet.
Vom Drohnenschlag zum Cyberangriff
Doch nicht nur physische Angriffe auf digitale Infrastruktur können derlei Auswirkungen erzielen, sondern ebenso staatliche geplante Cyberangriffe. Wie wirksam das sein kann, zeigte 2022 ein dem russischen Militär zugeschriebener Angriff auf ein Satellitennetz, der die ukrainische Kommunikation störte.
Bewusst lancierte Fake News, unerklärliche Vorfälle, Spionage und Sabotage. Oft führen die Spuren nach Russland und zu Putins Geheimdiensten.
06.04.2025 | 43:02 minDass solche Operationen sogenannte "Cyber-Kollateralschäden" zur Folge haben, war auch in Deutschland spürbar, wo tausende Windräder zeitweise ihre Fernüberwachung verloren. Cyberangriffe werden auf diese Weise zunehmend zu einem Instrument moderner Konfliktführung.
Hackbacks, digitale Gegenschläge und aktive Cyberabwehr
Vor diesem Hintergrund stellt sich auch in Deutschland die Frage, ob der Staat digital zurückschlagen darf. Im März 2026 hat die Bundesregierung einen Gesetzentwurf vorgelegt, der jüngst im Oktober im Innenausschuss vom Bundestag beraten wurde und nationalen Sicherheitsbehörden entsprechende Befugnisse übertragen soll.
IT-Sicherheitsexperte Dennis-Kenji Kipker warnt: KI industrialisiere Cyberkriminalität. Digitale Gegenschläge allein lösten das Problem nicht.
13.05.2026 | 3:55 minPolitisch wird die Diskussion darüber bereits seit mehreren Jahren unter Schlagworten wie "Hackback", "digitaler Gegenschlag" und "aktive Cyberabwehr" geführt. Die Vorschläge reichen dabei vom polizeilichen Abschalten eines ausländischen Botnetzes bis zum militärischen Schlag gegen die digitale Infrastruktur eines Staates.
Rechtsstaatliche und technische Herausforderungen
Gerade für einen Rechtsstaat sind die praktischen Herausforderungen zur Durchführung von Cyberangriffen aber erheblich. Das größte Problem ist die Zuordnung, denn professionelle Angreifer verschleiern ihre Spuren, leiten Attacken über gehackte Computer in Drittländern und legen mit False-Flag-Taktiken bewusst falsche Fährten.
NANO vom 24. Februar: Vier Jahre nach Russlands Angriff ist die Ukraine ein Hightech-Schlachtfeld: KI-Drohnen erkennen, verfolgen und zerstören Ziele autonom. Verschiebt KI das Kräfteverhältnis?
24.02.2026 | 27:09 minRechtlich können digitale Gegenschläge im Ausland zudem einen Verstoß gegen das Gewaltverbot der UN-Charta zur Folge haben, indem ein Cyberangriff als Eingriff in die Souveränität eines anderen Staates gewertet werden kann.
Hinzu kommt das Schwachstellendilemma, denn wer in IT-Systeme eindringen will, muss hierzu regelmäßig Sicherheitslücken in Software verschweigen und lässt sie damit auch für Cyberkriminelle offen. Weil Cyberoperationen zudem im Verborgenen stattfinden, lassen sich diese kaum rechtsstaatlich überprüfen.
Angriffe auf Yandex-Datenzentren führen in Russland zu Ausfällen bei Taxi- und Lieferdiensten. Die Reparatur könnte Monate dauern. Ob auch das russische Bot-Netz betroffen ist, bleibt unklar.
16.10.2026 | 2:00 minBesserer Schutz der eigenen Systeme als Konsequenz
Die Lehre aus Yandex gilt schließlich auch umgekehrt, denn je stärker Staat und Wirtschaft von wenigen zentralen digitalen Diensten abhängen, desto verwundbarer sind sie selbst.
Gegen die tägliche Flut an Angriffen auf kritische Infrastrukturen und Unternehmen helfen vereinzelte Gegenschläge kaum. Sie könnten sogar eine digitale Sicherheit vortäuschen, die es nicht gibt. Wirksamer sind robuste und redundante IT-Systeme und schnell geschlossene Sicherheitslücken. Das klingt zwar weniger spektakulär als ein digitaler Gegenschlag, schützt im Ernstfall aber verlässlicher.
Keiner ist vor Cyberangriffen sicher. Sogar Staaten sind unter den Hackern, sie setzen auf digitale Kriegspläne. Wo sind unsere Schwachstellen? Und wie können wir uns schützen?
13.06.2023 | 29:54 min... ist Professor für IT-Sicherheitsrecht und forscht als wissenschaftlicher Direktor und Gründer des cyberintelligence.institute in Frankfurt am Main an der Schnittstelle von Recht und Technik in der Cybersicherheit, Konzernstrategie sowie zu digitaler Resilienz im Kontext globaler Krisen. In dieser Funktion berät er die Bundesregierung, die Europäische Kommission und Unternehmen weltweit. 2025 wurde Kipker in die Capital "Top 40 unter 40" aufgenommen, womit Persönlichkeiten ausgezeichnet werden, deren berufliches Wirken als besonders einflussreich und zukunftsweisend gilt.
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