Reform der Einkommensteuer:Die fünf häufigsten Missverständnisse in der Steuerdebatte
von Florian Neuhann
Die Politik diskutiert gerade heftig über eine Reform der Einkommensteuer. Doch was bringen die Reformideen? Und vor allem: Was wird immer wieder falsch verstanden?
Am Mittwoch lädt die Bundesregierung Vertreter von Gewerkschaften und Arbeitgeberverbänden ins Kanzleramt ein. Das Ziel: gemeinsame Lösungen bei den Arbeitsmarktreformen.
07.06.2026 | 4:02 min1. "Der Staat kriegt die Hälfte meines Einkommens!"
Das stimmt so nicht. Auch für Spitzenverdiener gilt zunächst der Grundfreibetrag, auf den keine Steuern fällig werden. Danach steigt die Steuerbelastung progressiv an. Der Spitzensteuersatz greift erst ab einem zu versteuernden Einkommen von 69.879 Euro für Singles; erst jeder darüber hinaus verdiente Euro wird mit dem Grenzsteuersatz von 42 Prozent belastet. Der Durchschnittsteuersatz liegt meist deutlich niedriger. So kommt zum Beispiel ein Single mit einem zu versteuernden Einkommen von 80.000 Euro nach Berechnung des BMF-Steuerrechners auf einen Durchschnittssteuersatz von 28,39 Prozent.
Das Missverständnis führt dazu, dass sich vor allem die obere Mittelschicht massiv überlastet fühlt und glaubt, jeder zweite Euro gehe an den Staat. Entscheidend für die Berechnung, wie viel Steuer vom Gehalt abgeführt werden muss, ist aber der niedrigere Durchschnittssteuersatz.
Im Koalitionsvertrag hatten sich Union und SPD auf eine Reform der Einkommensteuer geeinigt. Kleinere und mittlere Einkommen sollen entlastet werden. Doch wie soll das finanziert werden?
10.05.2026 | 3:47 min"Der Grenzsteuersatz entscheidet dann allerdings über die Frage, ob sich Mehrarbeit lohnt", sagt Stefan Bach, Steuerexperte vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW). Tobias Hentze vom Institut der deutschen Wirtschaft (IW) ergänzt: "Wenn mehr als die Hälfte eines Zuverdienstes an den Staat geht, wählen viele lieber Freizeit als Mehrarbeit - oder gehen in die Schattenwirtschaft."
2. "Spitzensteuersatz? Betrifft nur die Reichen!"
Das galt einmal. Aktuell zahlen bereits mehr als vier Millionen Menschen den Spitzensteuersatz von 42 Prozent, auch wenn längst nicht alle Spitzenverdiener sind. Denn die Relationen haben sich im Laufe der Zeit extrem verschoben.
Nach einer Analyse des Instituts der deutschen Wirtschaft traf der Spitzensteuersatz noch im Jahr 1990 Arbeitnehmer, die das 3,2-Fache des durchschnittlichen Bruttogehalts verdienten. Heute greift er bereits ab dem 1,5-Fachen. Zur Wahrheit gehört allerdings auch, dass der Spitzensteuersatz 1990 mit 53 Prozent deutlich höher lag als heute.
SPD-Generalsekretär Tim Klüssendorf äußert sich im ZDF zu den Knackpunkten der geplanten Einkommenssteuerreform der schwarz-roten Koalition.
10.05.2026 | 5:30 min3. "Einfach Reichensteuer erhöhen und wir können alle anderen entlasten"
Das funktioniert so nicht. Der Reichensteuersatz von 45 Prozent gilt ab einem zu versteuernden Einkommen von rund 277.000 Euro jährlich. Er wird aktuell nur von rund 0,3 Prozent aller Steuerpflichtigen in Deutschland mit einem Teil ihres Einkommens gezahlt. Dementsprechend wenig bringt hier eine Erhöhung: Würde der Reichensteuersatz um einen Prozentpunkt erhöht, brächte dies nach Angaben des Bundesfinanzministeriums gerade mal 1,2 Milliarden Euro - sehr wenig verglichen mit dem Gesamtaufkommen von mehr als 340 Milliarden Euro an Lohn- und Einkommensteuer.
Eine Erhöhung der Reichensteuer hätte zwar Symbolkraft, mehr aber auch nicht, meint Steuerexperte Bach.
Wer die breite Masse entlasten will, kann das nicht mit einer höheren Reichensteuer gegenfinanzieren.
Dr. Stefan Bach, Volkswirt, Deutsches Institut für Wirtschaftsforschung (DIW)
4. "Die Einkommensteuer betrifft Unternehmen nicht"
Das ist falsch. Mehr als 70 Prozent aller deutschen Unternehmen sind Personenunternehmen. Anders als Kapitalgesellschaften zahlen sie keine Körperschaftsteuer. Auf die Gewinne des Unternehmens zahlt der Inhaber der Firma also Einkommensteuer.
Steuerexperte Tobias Hentze vom IW meint: "Der Spitzensteuersatz trifft zu rund 40 Prozent Einkommen aus Unternehmertum, beim Reichensteuersatz sind es schätzungsweise 70 Prozent." Eine Erhöhung von Spitzen- und Reichensteuersatz würde also viele Personenunternehmen belasten und unter Umständen den Spielraum für Investitionen verringern.
Deutschlands Wirtschaft stagniert, viele Firmen sehen hohe Steuern als Bremsklotz. Laut einer Umfrage vom Dezember wünschen sich viele Unternehmen Senkungen der Einkommens- und Stromsteuer.
30.12.2025 | 1:19 min5. "Erhöhen wir die Erbschaftsteuer und entlasten so alle"
Das funktioniert nicht. Denn erstens bringt die Erbschaftsteuer mit knapp 13 Milliarden Euro - so die offizielle Steuerschätzung für 2026 - relativ wenig ein. Zweitens fließen die Einnahmen der Erbschaftsteuer zu 100 Prozent an die Bundesländer. Der Bund könnte die Einnahmen also aktuell nicht ohne Weiteres nutzen, um Steuersenkungen bei der Einkommensteuer zu finanzieren.
Wer erbt, muss die Gesellschaft über die Erbschaftsteuer beteiligen. Doch viele Erben von Familienunternehmen bleiben von diesem Grundsatz weitgehend verschont. Dem Staat entgehen so Milliarden.
20.01.2026 | 9:05 minÜber eine Reform der Erbschaftsteuer zu diskutieren, ist möglich und nach Ansicht vieler Experten auch sinnvoll. "Man sollte davon allerdings keinen Spielraum erwarten für eine Reform der Einkommensteuer", sagt Stefan Bach vom DIW.
Florian Neuhann ist Leiter des ZDF-Teams Wirtschaft und Finanzen.
Mehr zu den Reformplänen der Bundesregierung
Reform des Rentensystems:DGB-Vorsitzende Fahimi will Betriebsrenten-Pflicht für alle
mit Video1:23- FAQ
Warken plant Pflegereform:Pflege in Deutschland: Wo der Schuh drückt
mit Video1:49 Vorhaben der Bundesregierung:Wie die Reformpläne junge Menschen treffen
von Christian Hausermit Video0:44- FAQ
Politix:Mietrechtsreform: Was ändert sich für Mieter und Vermieter?
mit Video10:17