Einkommensteuer: Reform könnte auch kleinere Unternehmen treffen

Debatte um Einkommensteuer:Wenn der Handwerker als Spitzenverdiener gilt

von Manuela Christ und Claudia Krafczyk

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Die Politik diskutiert über eine Einkommensteuerreform. Was dabei oft nicht bedacht wird: Das könnte Handwerkern und kleinen Unternehmen noch mehr Nachteile bringen.

Bilger: „Steuerliche Entlastung“ vorantreiben

"Eines der Projekte, wo es wirklich um Entlastung geht, ist die Steuerreform." Diese solle mittlere und kleine Einkommen entlasten, sagt Steffen Bilger, Erster Parlamentarischer Geschäftsführer der CDU.

12.05.2026 | 8:27 min

Ein Punkt, der in der aktuellen Steuerdebatte oft untergeht: Viele Handwerksbetriebe versteuern Gewinne über die Einkommensteuer. Eine Erhöhung des Spitzensteuersatzes träfe also nicht nur gut bezahlte Angestellte, sondern auch zahlreiche Betriebe.

"Ich bin sicher nicht reich", sagt Metallbauer Reiner Schumacher, Inhaber eines kleinen Unternehmens in Langenfeld.

Aber wenn ich über die 70.000 Euro im Jahr an Gewinn komme, zahle ich den Spitzensteuersatz, genau wie ein privater Spitzenverdiener.

Reiner Schumacher, Metallbauer

Strukturelles Problem für Betriebe

Angestellte können jedoch anders über ihr Einkommen verfügen. Bei Unternehmern arbeitet es im und für den Betrieb. Beispiel Auto: Für Privatleute muss die Reparatur vielleicht nicht sofort stattfinden, für den Handwerker ist das eine Existenzfrage - ohne Transporter keine Einnahmen.

"Ich muss jederzeit investieren oder Geschäftsflauten abfangen", so Schumacher. Eine höhere Steuerlast würde diesen Spielraum weiter einschränken.

"Geld, das eigentlich im Betrieb bleiben soll, wird steuerlich wie privates Einkommen behandelt", sagt Alexander Konrad von der Handwerkskammer Düsseldorf. So könne ein Betrieb formal "reich" wirken - obwohl Investitionen, Ersatzanschaffungen und Rücklagen notwendig sind.

Bundesfinanzminister Lars Klingbeil (SPD) spricht bei einer Abendveranstaltung des Ordentlichen Bundeskongress des Deutschen Gewerkschaftsbundes (DGB).

Bundesfinanzminister Klingbeil fordert, dass Spitzenverdiener steuerlich stärker belastet werden. Eine Gesellschaft, in der Ungleichheiten zunähmen, sei nicht produktiv.

12.05.2026 | 0:17 min

GbR als Rechtsform wird oft beibehalten

Wie verbreitet dieses Problem ist, zeigen Zahlen des Zentralverbands des Deutschen Handwerks (ZDH): Rund 76 Prozent der Betriebe sind als Einzelunternehmen oder Personengesellschaften organisiert, so wie eine Gesellschaft des bürgerlichen Rechts (GbR) - und damit einkommensteuerpflichtig.

Bei Kapitalgesellschaften, beispielsweise der Gesellschaft mit beschränkter Haftung (GmbH), gilt hingegen das Trennungsprinzip: Sie werden als eigene juristische Person besteuert, unabhängig von ihren Eigentümern. Das Geld gehört der GmbH, nicht dem Unternehmer privat. Sie zahlen Körperschaftsteuer.

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Diese Struktur der Personengesellschaften ist historisch gewachsen. Viele Betriebe beginnen klein und bleiben auch beim Wachstum ihrer Rechtsform treu. "Die Gründung ist einfacher, schneller und flexibler als bei einer Kapitalgesellschaft", sagt Alexander Konrad.

Welche Rechtsformen gibt es für Unternehmen?



Bedeutung für den Mittelstand

Auch in anderen Branchen außer dem Handwerk besteht das Problem. Viele kleine und mittlere Unternehmen sind so organisiert, dass ihre Gewinne steuerlich als persönliches Einkommen gelten.

Wiese: „Bürgerinnen und Bürger entlasten“

"Klar ist, dass wir eine Einkommensteuerreform wollen, die gezielt kleine und mittlere Einkommen entlasten soll", sagt Dirk Wiese, Erster Parlamentarischer Geschäftsführer der SPD.

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"Ein erheblicher Teil der Einkommen im oberen Tarifbereich stammt aus dem Unternehmenssektor", sagt der Ökonom Dr. Tobias Hentze vom Institut der deutschen Wirtschaft (IW). Rund 40 Prozent aller Besteuerten beim Spitzensteuersatz und etwa 70 Prozent bei der "Reichensteuer" sind kleine und mittlere Unternehmen.

Infos zur Einkommensteuer und Körperschaftsteuer




Politische Debatte um Einkommensteuer

Vor diesem Hintergrund ist die politische Debatte für viele Unternehmen schwierig. Die SPD setzt auf eine stärkere Belastung hoher Einkommen, die Union warnt vor Folgen für den Mittelstand.

"Mehrbelastungen sind grundsätzlich zu vermeiden und müssten durch Entlastungen an anderer Stelle ausgeglichen werden", sagt Dr. Hans-Jürgen Völz vom Bundesverband mittelständische Wirtschaft (BVMW). Andernfalls drohten negative Effekte auf Investitionen, Beschäftigung und Wertschöpfung.

Steuerbescheid vom Finanzamt zur Einkommenssteuer.

Im Koalitionsvertrag haben sich Union und SPD auf eine Reform der Einkommensteuer geeinigt. Kleinere und mittlere Einkommen sollen entlastet werden. Doch wie soll das finanziert werden?

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Höhere Steuern könnten Investitionen bremsen

"Wir haben schon jetzt nur eine Investitionsquote von 0,2 Prozent und leben von der Substanz", sagt Völz. Eine kurzfristige Entlastung wäre aus Sicht des Verbands etwa die Streichung des Solidaritätszuschlags.

Auch Hentze warnt vor wirtschaftlichen Folgen: "Unternehmen leisten mit 85 Prozent den Großteil der Investitionen, der Staat nur 15 Prozent." Höhere Steuern könnten daher Investitionen weiter bremsen.

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Wechsel zu Körperschaftsteuer wenig genutzt

Aus ökonomischer Sicht besteht ein Zielkonflikt, weil Kapitalgesellschaften und Personenunternehmen unterschiedlich besteuert werden. Ab 2028 sollen Kapitalgesellschaften durch die stufenweise Absenkung der Körperschaftsteuer zusätzlich entlastet werden. "Dann verschlechtert sich die Situation für Personengesellschaften im Vergleich zu Kapitalgesellschaften", so Tobias Hentze vom Institut der deutschen Wirtschaft.

Der Wechsel zur Körperschaftsbesteuerung ist möglich, wird bislang aber kaum genutzt - oft ist er zu komplex, bürokratisch und teuer. Zudem ist eine Rückkehr schwierig. Damit bleibt die Einkommensteuer für große Teile des Mittelstands zentral.

Für Metallbaumeister Schumacher bedeutet das eine dauerhafte Unsicherheit: "Ein gutes Jahr - und plötzlich bin ich im Spitzensteuersatz." Was eigentlich ein Erfolg sein sollte, wird so zur Sorge: Die Freude über ein gutes Geschäft weicht der Angst vor steigenden Belastungen.

Manuela Christ ist Redakteurin der ZDF-Sendung "Volle Kanne - Service täglich", Claudia Krafczyk ist Redakteurin der ZDF-Sendung WISO.

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