Nordseeküste bald ohne Fischerei?:Warum Fischer eine Abwrackprämie für Krabbenkutter bekommen
von Mario Shabaviz
Hafenromantik, Kutter, Krabbenpulen: Dieses Nordsee-Bild könnte verschwinden. Denn den Krabbenfischern wird eine Abwrackprämie für ihre Boote angeboten. Was die Gründe dafür sind.
Aufgrund des Klimawandels und eines geringeren Bestands stecken Krabbenfischer in der Krise. Deshalb soll die Zahl der Krabbenkutter durch eine Abwrackprämie des Bundes bis 2028 sinken.
27.10.2026 | 1:15 minGut 160 Krabbenkutter waren noch zu Jahresbeginn 2026 als aktive Fangschiffe registriert, unterwegs an den Nordseeküsten von Niedersachsen und Schleswig-Holstein. Zwischen 4.000 und 10.000 Tonnen Nordseekrabben holen sie jährlich aus dem Meer.
Doch für manche ist nun Schluss. Abgemeldet, stillgelegt, Fanglizenz zurückgegeben. Alles freiwillig. Weil es eine Förderung für die Stilllegung gibt.
Hohe Prämien für stillgelegte Kutter
Auf Anfrage von ZDFheute teilt die Bundesanstalt für Landwirtschaft und Ernährung mit: Von 48 Anträgen auf Stilllegung im ersten Förderabschnitt für das Jahr 2026 seien neun von Krabbenfischereibetrieben aus Schleswig-Holstein und acht von Betrieben aus Niedersachsen bewilligt worden. Im Schnitt um die 385.000 Euro gab es dafür als Abwrackprämie.
Nordseekrabben: Hinter der Delikatesse steckt jede Menge Arbeit. Mima-Reporterin Svenja Bergerhoff ist auf einem Krabbenkutter in Ostfriesland mitgefahren.
06.05.2026 | 5:36 minZwei weitere Runden sollen 2027 und 2028 folgen. Das Alter der Antragsteller: Von Ende 40 bis Anfang 70 Jahre. So mancher der Krabbenfischer könnte also direkt in die Rente wechseln.
Abwrackprämie für Krabbenkutter
- Bis Ende März 2026 konnten sich Krabbenfischereibetriebe um die Stilllegungsprämie bewerben (Richtlinie zur Förderung der Einstellung der Fangtätigkeit im Fischereisektor (EFF)).
- In der ersten Förderrunde wurden dafür etwas weniger sieben Millionen Euro ausgeschüttet.
- Finanziert wird die Prämie aus Erlösen der Versteigerungen von Offshore-Windkraftflächen durch die Bundesnetzagentur im Rahmen des Windenergie-auf-See-Gesetzes.
- Die deutsche Krabbenkutterflotte soll bis 2028 um etwa 30 Prozent reduziert werden.
- Für fünf Jahre darf kein neues Fischereifahrzeug ins Flottenregister eingetragen werden.
- Die anderweitig aktive Fangkapazität darf fünf Jahre lang nicht erhöht werden.
- Rückgabe der Fanglizenz fürs stillgelegte Schiff
- Verschrottung des stillgelegten Krabbenfängers bis Ende Juni 2027, die ebenfalls über die Förderung bezahlt wird.
- Es gibt keine Mindestvorgabe für das Alter der Schiffe.
Aufgeben als Fischer: Nicht immer eine Option
Nicht alle Fischer sehen die Abwrackprämie positiv. Für die Rente ist beispielsweise Maik Jannsen, Krabbenfischer in sechster Generation, noch zu jung. Die Prämie wäre für ihn kein Thema: "Ich will nicht aufhören, ich fische ja gerne." Er sieht die Abwrackprämie allerdings auch grundsätzlich kritisch:
Jetzt kriegen ältere Fischer, die ihre Schiffe nicht in Stand gehalten haben oder deren Schiffe sehr alt sind, Geld dafür. Und ich?
Maik Jannsen, Krabbenfischer
Jannsen macht daher weiter, bildet Nachwuchs aus und engagiert sich in Innovationsprojekten für mehr Nachhaltigkeit in der Krabbenfischerei. Obwohl auch sein Kutter, die "Delphin", bereits die 50 überschritten hat.
Die Schlei ist Urlaubsregion und Arbeitsplatz zugleich. Entlang des Ostseearms trifft ZDF-Reporter Timm Kruse Menschen, deren Arbeit eng mit dem Wasser verbunden ist.
05.10.2026 | 6:04 minWarum eine Abwrackprämie?
Im Vergleich zu den Krabbenkutterflotten Dänemarks und der Niederlande sind die deutschen Kutter die ältesten. Schon 2010 lag ihr Durchschnittsalter bei 34 Jahren. Da seitdem "kaum neue Schiffe" hinzukamen, so 2019 die Erzeugergemeinschaft der Deutschen Krabbenfischer, dürfte das gemittelte Schiffsalter bei rund 50 Jahren liegen.
Sind dann auch noch die alten Schiffsdiesel an Bord, stoßen die Kutter zudem relativ viel Stickoxid, Ruß und CO2 aus. Und das im strenggeschützten Nationalpark Wattenmeer, einem der wichtigsten Fanggebiete. Besonders die älteren Schiffe wurden deshalb bei der Abwrackprämie bevorzugt.
Herrenlose Fischernetze sind eine tödliche Falle für Meerestiere und belasten die Ozeane mit Plastik. Speziell ausgebildete Taucher bergen sie aus der Nordsee – oft unter schwierigen Bedingungen.
23.09.2026 | 5:00 minOffshore-Windparks contra Küstenfischerei
Neben dem Alter gibt es allerdings noch einen Grund für die Prämie: Krabbenfang ist Küstenfischerei. Und in den Gebieten nah an der Küste hat sich in den vergangenen Jahrzehnten Konkurrenz etabliert, nämlich Offshore-Windparks. Wo Windräder stehen und entstehen, gehen zwangsläufig Fanggebiete verloren.
Die Verkleinerung der Flotte wird daher auch vom Deutschen Fischereiverband e.V. als sinnvoll und nötig erachtet, so dessen Generalsekretär Dr. Peter Breckling: "Das ist zweckmäßig." Denn man könne nicht mit derselben Flottengröße in kleineren Gebieten genauso gut wirtschaften, erläutert Breckling.
ZDF-Reporter Fabian Köhler berichtet von Borkum über 40 Jahre Nationalpark Wattenmeer. Wie passt der Schutz des Unesco-Gebiets zur aktuellen Energieproblematik an der Küste?
06.02.2026 | 10:34 minNicht zu unterschätzen: Krabbenfischerei als Urlaubermagnet
Kleine Häfen, Krabbenpulen, Fischbrötchen und Krabbenkutter haben aber auch Einfluss auf das touristische Potenzial der Region.Wenn die Flotte um 30 Prozent reduziert wird, schmälert man damit auch die touristische Attraktivität der Region? Tourismusexpertin Sabrina Seeler vom Deutschen Institut für Tourismusforschung sieht eine mögliche Gefahr:
Aktive Fischereihäfen, die Menschen hinter der Fischerei und regionale Produkte prägen das Bild, das viele Gäste mit der Nordseeküste verbinden.
Prof. Sabrina Seeler, Nachhaltigkeitsmanagement und Transformation mit Tourismusbezug, Deutsches Institut für Tourismusforschung
Damit könne die Fischerei auch für die touristische Attraktivität einer Region relevant sein, führt Seeler aus. Empirische Belege lägen dafür allerdings nicht vor.
Um den steigenden Fischkonsum zu decken, setzte man auf Aquakulturen. Doch die Fische in den Farmen werden vor allem mit Fischmehl gefüttert, für das wiederum Fische aus dem Meer gefangen werden.
14.08.2026 | 1:29 minNordseekrabben werden wegen Abwrackprämie nicht knapp
Trotz allem werde die Abwrackprämie aber nicht dazu führen, dass Nordseekrabben knapp und teurer würden, so Stefan Meyer, Geschäftsführer vom Fisch-Informationszentrum Hamburg. Die Bestände würden zwar mal stark schwanken, seien aber nicht gefährdet.
Preisausreißer, wie die 16 Euro fürs Krabbenbrötchen 2024 an den Hamburger Landungsbrücken, seien auch dem Appetit eines Fressfeinds von Krabben geschuldet gewesen. Denn auch dem Wittling, einer Dorschart, schmecken Krabben so gut, dass er den Fischern weniger übrig ließ.
Mario Shabaviz ist Redakteur beim ZDF-Wirtschaftsmagazin WISO.
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