GKV-Ausgaben für Arzneimittel steigen:Wer bestimmt, wie viel Medikamente kosten dürfen?
von Kaja Adchayan
Mehr als 90.000 Euro pro Jahr für ein Krebsmedikament. Was Erkrankten mehr Lebenszeit schenken soll, wird für die gesetzlichen Krankenkassen zunehmend zum Kostenproblem.
Die gesetzlichen Krankenkassen müssen immer mehr für verschreibungspflichtige Medikamente zahlen. Warum sind neue Arzneimittel in Deutschland so teuer? Und was tut die Politik dagegen?
23.10.2026 | 16:54 minSeit Jahren steigen die Arzneimittelausgaben der gesetzlichen Krankenversicherung (GKV) in Deutschland: Waren es 2015 noch rund 35 Milliarden Euro, lagen sie 2025 bereits bei 58 Milliarden Euro. Kostentreiber: patentgeschützte Medikamente.
Wie eine Hochrechnung der Techniker Krankenkasse für die gesamte GKV zeigt, verursachen patentgeschützte Medikamente mehr als die Hälfte der Arzneimittelausgaben, obwohl sie nur rund sieben Prozent der abgegebenen Packungen ausmachen.
Ein Beispiel: 100 Milligramm eines patentgeschützten Krebsmedikaments mit dem Wirkstoff Pembrolizumab, das unter anderem bei schwarzem Hautkrebs und aggressivem Brustkrebs eingesetzt wird, kosten rund 2.500 Euro. Aufs Jahr gerechnet entstehen damit Therapiekosten von mehr als 90.000 Euro pro Patient.
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14.05.2026 | 13:22 minAuch nach Abzug der Rabatte, die Apotheken und Hersteller den Krankenkassen gewähren müssen, kletterten die GKV-Ausgaben allein für dieses Medikament laut dem Spitzenverband der gesetzlichen Krankenkassen auf mehr als zwei Milliarden Euro im vergangenen Jahr.
Wie Hersteller die Preise neuer Medikamente festlegen
Die Preise für innovative Medikamente dürfen Hersteller in Deutschland in den ersten sechs Monaten nach Markteinführung selbst bestimmen. Früher war es ein ganzes Jahr, 2022 wurde die Zeitspanne verkürzt.
Die Krankenkassen müssen diesen Herstellerpreis akzeptieren und abzüglich eines gesetzlich festgelegten Rabatts von sieben Prozent erstatten, wenn das Medikament verschrieben wird. Erst ab dem siebten Monat gilt ein neuer Preis: der Erstattungsbetrag, der nach einer Nutzenbewertung festgelegt wird.
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11.11.2024 | 17:18 minDiese Bewertung ist im Arzneimittelmarktneuordnungsgesetz, kurz AMNOG, geregelt. Im AMNOG-Verfahren müssen Hersteller nachweisen, dass ihr neues Medikament einen Zusatznutzen gegenüber einer bereits vorhandenen zweckmäßigen Vergleichstherapie (zVT) hat. Weist es einen Zusatznutzen auf - verlängert es beispielsweise die Überlebensdauer oder hat es weniger schwere Nebenwirkungen - darf der Erstattungsbetrag höher liegen als bei der zVT.
Wie der Zusatznutzen den Erstattungsbetrag beeinflusst
Über die Höhe des Zusatznutzens entscheidet der Gemeinsame Bundesausschuss (G-BA) - das höchste Gremium der Selbstverwaltung im deutschen Gesundheitswesen. Je höher der attestierte Zusatznutzen, desto besser sind die Chancen des Herstellers, einen hohen Erstattungsbetrag in den Verhandlungen mit dem GKV-Spitzenverband durchzusetzen.
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03.09.2026 | 10:44 minSonderregelungen gelten für sogenannte Orphan Drugs, also Medikamente gegen sehr seltene Erkrankungen. Weil nur sehr wenige Menschen an diesen Krankheiten leiden, ist der Markt für solche Medikamente klein und ihre Entwicklung für Pharmaunternehmen weniger attraktiv. Neue Orphan Drugs müssen erst dann einen Zusatznutzen nachweisen, wenn sie die 30-Millionen-Euro-Jahresumsatzgrenze überschreiten. Vorher wird ein pauschaler Zusatznutzen angenommen.
Orphan Drugs, die meist sehr teuer sind, befeuern die GKV-Ausgaben zusätzlich. Zwischen 2019 und 2024 sind die Ausgaben für solche Medikamente um mehr als 250 Prozent gestiegen, wie eine Auswertung der Krankenkasse DAK-Gesundheit zeigt. Bei patentgeschützten Medikamenten belief sich der Anstieg im gleichen Zeitraum auf 26 Prozent. In absoluten Zahlen schlagen patentgeschützte Medikamente mit 34,5 Milliarden Euro aber bei der GKV deutlicher zu Buche als Orphan Drugs, deren Ausgaben sich auf 3,4 Milliarden Euro belaufen.
Preisfindung in Deutschland hat Vor- und Nachteile
In vielen EU-Ländern läuft die Preissetzung anders ab: Bevor dort ein Medikament auf den Markt kommt, wird zunächst sein Nutzen geprüft und erst dann über den Preis verhandelt. Das macht die Medikamente in anderen Ländern meist günstiger, hat aber auch einen entscheidenden Nachteil: Es dauert teilweise deutlich länger, bis das Medikament Erkrankten zur Verfügung steht.
Die Regelung, dass Hersteller in der ersten Zeit den Preis relativ frei bestimmen können, trägt dazu bei, dass innovative Arzneimittel in Deutschland schneller auf dem Markt sind und Menschen, die erkrankt sind, auch schneller behandelt werden können.
Dr. Stephan Pilsinger (CSU), stellvertretender Vorsitzender des Gesundheitsausschusses im Bundestag
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10.07.2026 | 2:04 minTatsächlich hat Deutschland mit im Schnitt 158 Tagen die kürzeste Wartezeit in der EU. Das zeigt eine Analyse des europäischen Dachverbands der pharmazeutischen Industrie. Zum Vergleich: In Frankreich dauert es etwa 633 Tage, in Rumänien am längsten mit durchschnittlichen 1.110 Tagen.
Klar ist aber auch: Der frühe Zugang zu innovativen Medikamenten hat seinen Preis, der sich in steigenden GKV-Ausgaben niederschlägt. Um die in den Griff zu bekommen, soll der gesetzlich festgelegte Herstellerrabatt im kommenden Jahr von sieben auf 15,5 Prozent steigen. Ebenfalls erhöhen soll sich die Zuzahlung von Versicherten für rezeptpflichtige Medikamente, statt fünf bis zehn Euro sind es künftig 7,50 bis 15 Euro.
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