Uran-Bergbau für Sowjetunion:Die Wismut in der DDR: Das Erbe hat Folgen bis heute
von Sebastian Scherrer
Ohne Uran aus der DDR wäre Stalins Atombombe nicht möglich gewesen. Doch der Uran-Bergbau des Unternehmens Wismut hat bis heute Folgen - für Mensch und Umwelt.
Kurz nach Kriegsende 1945 startet im Erzgebirge eines der größten Geheimprojekte der Nachkriegszeit: Unter dem Tarnnamen "Wismut" graben Arbeiter nach Uran für Stalins Atombombe.
19.09.2026 | 43:34 minUwe Zschirp muss alle paar Monate zur medizinischen Kontrolle: "Ich nenne das immer meinen TÜV-Stempel", sagt er, "dass ich wieder ein Vierteljahr weitermachen kann." Uwe Zschirp hat Krebs. Ab 1981 arbeitete Zschirp als Schlosser im Uran-Bergbau der Wismut in Ronneburg in Thüringen.
Uwe Zschirp spürt die Auswirkungen der harten Arbeit für die Wismut täglich.
Quelle: ZDFWas er nicht ahnte: Tag für Tag atmete er radioaktives Radongas ein. Über die Gesundheitsrisiken schwieg man in der DDR: "Man hat nie was davon gehört, weder von den Strahlen, wie viel das sein sollten, noch den Gasen", erinnert sich der ehemalige Kumpel. 2013 erhielt Zschirp seine erste Diagnose: Lungenkrebs. Seitdem streitet er mit der Berufsgenossenschaft um die Anerkennung als Berufskrankheit - bisher vergeblich.
Im Erzgebirge wurde Weltgeschichte geschrieben
Zschirp ist einer von Hunderttausenden, die für die Wismut arbeiteten. Die Sowjetunion suchte Ende der 40er-Jahre händeringend Uran für ihre erste Atombombe, um im Rüstungsweltlauf mit den USA mithalten zu können. Im Erzgebirge in Sachsen und später in Thüringen wurden sie fündig. Das sowjetisch kontrollierte Unternehmen mit dem Tarnnamen Wismut lieferte seitdem mehr als 216.000 Tonnen Uran an die UdSSR.
- 2. Juli 1947: Bildung der sowjetischen Staatlichen Aktiengesellschaft (SAG) Wismut
- 29. August 1949: Die erste sowjetische Atombombe wird mit Uran der Wismut aus dem Erzgebirge in Kasachstan gezündet.
- 1950/51: Die Wismut hat 210.000 Beschäftigte, ein Höchststand.
- 1967: Höchste Jahresproduktion der Wismut mit 7.110 Tonnen Uran
- 31. Dezember 1990: Einstellung der planmäßigen Uran-Produktion
- 18. Dezember 1991: Wismut-Gesetz zur Sanierung der Hinterlassenschaften des Uranerz-Bergbaus tritt in Kraft
Die Region wurde zum Schlüsselort für das Wettrüsten im Kalten Krieg. Ohne Uran aus dem Erzgebirge wäre für Josef Stalin die Atombombe nicht möglich gewesen. Die zweiteilige ZDFinfo-Dokumentation "Tödliches Erbe der DDR - Deutsches Uran für Moskaus Bomben" zeichnet nach, wie Erz um jeden Preis gewonnen wurde.
Bis 1990 liefert die DDR Uran für Moskaus Atombomben - mit drastischen Folgen für Mensch und Umwelt: Dörfer verschwinden, Landschaften werden radioaktiv verseucht, Bergleute erkranken.
19.09.2026 | 45:00 minMit Bergbau in der Wismut die Gesundheit ruiniert
Der Bergbau in der Wismut war lebensgefährlich. Radioaktiver Staub und die Zerfallsprodukte des Radon setzten sich in den Lungen der Arbeiter fest. Bis 1990 wurden 14.592 Fälle von Staublunge und 5.275 Lungenkrebsfälle anerkannt.
Nach der Wiedervereinigung zeigten 23.000 Kumpel eine Berufskrankheit an. Doch bis heute wurden nur etwa 8.000 davon anerkannt.
Bergarbeiter der Wismut während einer Arbeitspause im Jahr 1957
Quelle: Bundesarchiv BildDie Mehrheit der Betroffenen geht leer aus
Eine Entschädigung erhält nur, wer nachweisen kann, dass eine Erkrankung wie Krebs zu mehr als 50 Prozent auf die Arbeit bei der Wismut zurückführen ist. Doch der Nachweis ist schwierig, denn die tatsächliche Strahlenbelastung wurde in der DDR oft nur lückenhaft dokumentiert. Ein zermürbendes juristisches Tauziehen ist die Folge. Viele Verfahren enden mit dem Tod des Betroffenen.
Uran-Abbau endete 1990
Am 31. Dezember 1990 endete der Uran-Abbau in der DDR. Neben der gesundheitlichen Tragödie hinterließ er eine beispiellose Umweltzerstörung: mehr als 58 Abraumhalden mit einem Volumen von mehr als 311 Millionen Kubikmetern. Vier industrielle Absetzanlagen mit 160 Millionen Kubikmetern radioaktiver Schlämme. 3.700 Hektar kontaminiertes Land. Die Sowjetunion zog sich nach dem Mauerfall zurück und übernahm weder Kosten noch Verantwortung.
Sehen Sie die zweiteilige Doku "Tödliches Erbe der DDR: - Deutsches Uran für Moskaus Bomben" am 19. September 2026 ab 21:45 Uhr bei ZDFinfo oder jederzeit im ZDF-Streaming-Portal.
Sanierung der kontaminierten Gebiete - eine Mammutaufgabe
Seitdem saniert die bundeseigene Wismut GmbH die kontaminierten Gebiete. Es ist eine Mammutaufgabe ohne Vorbild, die nach 35 Jahren sichtbare Erfolge vorzeigen kann.
Am Tagebau Lichtenberg, einst ein Krater von zwei Kilometern Länge und 230 Metern Tiefe, befindet sich heute ein Park. 2007 fand hier die Bundesgartenschau statt. Über den ehemaligen Halden wachsen Wälder. In Schlema-Aue, wo die Wismut einst das Kurzentrum für Bergwerksschächte abreißen ließ, existiert wieder ein Radonheilbad mit Kurpark.
Es war und ist ja eine enorme Kraftanstrengung, die Hinterlassenschaften des nuklearen Wettlaufs zu beseitigen. Schaut man sich die Bergbaustädte heute an, so ist doch vieles gelungen.
Dr. Rainer Karlsch, Historiker
Die Ausstellung "Sonnensucher - Kunst und Bergbau der Wismut" zeigt Werke der Kunstsammlung des DDR-Bergbauunternehmens Wismut. Sie hat mehr als 10.000 Menschen angezogen.
23.09.2025 | 2:03 minBund investiert Milliarden in die Sanierung
Abgeschlossen ist die Sanierung aber noch lange nicht. Der Bund investierte bereits 7,3 Milliarden Euro, bis zur Mitte des Jahrhunderts sind weitere 1,7 Milliarden Euro nötig.
Wo sich früher das thüringische Dorf Culmitzsch befand, errichtete die Wismut in den 60er-Jahren den größten Uran-Schlammteich Europas. Heute haben die Sanierer den Teich trockengelegt, mit einer dreieinhalb Meter dicken Erdschicht bedeckt und renaturiert. Das kontaminierte Sickerwasser muss jedoch noch lange abgepumpt und gereinigt werden. Zudem existieren noch unzureichend sanierte Altstandorte, für die sich niemand zuständig fühlt.
Drei Kanäle benötigt es, um fünf Seen in der Lausitz miteinander zu verbinden. Die ehemaligen Tagebaue sollen nun als Seenplatte Touristen und Investoren anlocken - mit großer Einweihungsparty.
29.06.2026 | 5:43 minDie Jagd nach dem Uran ist vorüber, doch das Erbe der Wismut prägt die Region weiterhin. Für Kumpel wie Uwe Zschirp bleibt es ein Wettlauf gegen die Zeit. Er hofft, dass er den Abschluss seines Anerkennungs-Verfahrens noch erleben wird: "Da braucht es einen ganz langen Atem", sagt er.
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