So viele Aktionäre wie noch nie :Das Land der Aktienmuffel erwacht
von Klaus Weber
Über 14 Millionen Deutsche legen ihr Geld an der Börse an. So viele wie noch nie. Getragen wird der Rekord von der jungen Generation.
Erstmals in seiner Geschichte überstieg der Deutsche Aktienindex kürzlich die 25.000 Punkte-Marke. Kurstreiber sind wohl auch die Infrastruktur- und Rüstungsmilliarden der Bundesregierung.
07.01.2026 | 0:22 minLang, lang ist's her, als T-Aktie und Neuer Markt in aller Munde waren. Vor 25 Jahren gab es den großen Börsenhype in Deutschland - der allerdings jäh endete. Damals so hoffnungsvoll gestartet, crashte der sogenannte Neue Markt, in dem die innovativen Internetunternehmen zusammengefasst waren. Anleger verloren Unmengen Geld, weil die damals so bezeichnete "New Economy" fast nur noch aus Übertreibungen, zu großen Risiken, absurden Geschäftsmodellen und kriminellen Machenschaften bestand.
Die Blase platzte und die Deutschen, die zur Jahrtausendwende in großer Zahl ihr Geld an der Börse investierten, wandten sich in Scharen ab - und kamen nie wieder. Die enttäuschte Liebe der Deutschen zu den Aktien führte letztlich zum Gegenteil - aus Aktienhype wurde Aktienskepsis. Der deutsche Aktienmuffel war geboren.
Wichtiger Baustein zur Altersvorsorge
Letztlich fehlt aber wegen dieser Skepsis den meisten nun ein wichtiger Baustein zur Altersvorsorge. Denn wer langfristig in Aktien investiert, kann laut Deutschem Aktieninstitut durchschnittlich sechs bis neun Prozent Ertrag pro Jahr erzielen. Ein Teil der Bevölkerung scheint das nun tatsächlich verinnerlicht zu haben. Denn: 2025 besaßen 14,1 Millionen Menschen in Deutschland Aktien, Anteile an Aktienfonds oder an ETFs. Das sind zwei Millionen mehr als 2024.
Während viele Unternehmen mit Entlassungen und Insolvenzen kämpfen, feiert der Dax 2025 ein Rekordjahr. Wie passt das zusammen – und kann die Börsen-Rally weitergehen?
30.12.2025 | 1:26 minFür Marc Tüngler, Hauptgeschäftsführer der Deutschen Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz (DSW), einer großen Vereinigung für Kleinanleger, ist die Sache klar: "Die steigenden Anlegerzahlen zeigen, dass das Thema Rente und Altersvorsorge im letzten Jahr deutlich in der Mitte der Gesellschaft angekommen ist.
Die Diskussion im politischen Raum führt erfreulicherweise dazu, dass sich immer mehr Bundesbürger um ihre Altersvorsorge selbst kümmern und das auch bereits in einem frühen Stadium.
Marc Tüngler, DSW-Hauptgeschäftsführer
Die Jungen setzen auf die Aktie
Auch wenn die Aktionärszahlen quer durch die Gesellschaft stiegen, wird dieser Anstieg deshalb auch vor allem von der jungen Generation getragen. Sie halten künftige Renteneinkünfte für alles andere als sicher und kennen außerdem das Drama um den Neuen Markt höchstens vom Hörensagen. Das macht sie den Wertpapieren gegenüber unvoreingenommen.
Das seit Jahren steigende Interesse der jungen Generation an der Aktienanlage habe sich "deutlich verfestigt", stellt das Aktieninstitut fest: Mit einem Plus von 1,2 Millionen Anlegern macht die Altersgruppe der 14- bis 39-Jährigen 60 Prozent des Gesamtanstiegs aus. Seit dem Jahr 2024 ist diese Altersgruppe unter Deutschlands Aktionären die größte mit nun 4,9 Millionen Menschen.
Die Konjunktur kam 2025 nur schleppend voran - doch an der Frankfurter Börse legte der Dax über das Jahr kräftig zu.
30.12.2025 | 1:26 minStrohfeuer oder echtes Vertrauen in die Aktie?
Ob nun tatsächlich alle bei der Aktie bleiben, ist allerdings nicht ausgemacht. Das kann man wahrscheinlich erst nach dem nächsten großen Crash sagen - der so sicher wie das Amen in der Kirche kommen wird. Aber zumindest sprechen ein paar weitere Faktoren dafür, dass die Aktie auch dann salonfähig bleibt. Neben den Jungen investieren nämlich inzwischen deutlich mehr Frauen ihr Geld in Unternehmenspapiere, zudem fiel auch im Osten die Steigerung größer aus, obwohl es immer noch ein Ost-West-Gefälle gibt.
Auch das hohe Interesse an Sparplänen, die über einen langen Zeitraum angelegt sind, spricht für die Aktie. Daneben plant der Staat die Frühstart-Rente.
Auch das ist eine gute Nachricht, da es nicht um ein kurzfristiges 'Rein und Raus' oder Zocken geht, sondern um ein seriöses langfristiges Sparen mit Wertpapieren.
Marc Tüngler, DSW-Hauptgeschäftsführer
Rund um die Uhr mit Aktien handeln und das ganz bequem übers Smartphone. Das funktioniert mit Trading-Apps über Neobroker. Doch was sind die Vorteile und wo liegen die Gefahren?
14.04.2025 | 2:50 minLuft nach oben
Dass wir deshalb ein Volk von Aktionären geworden sind, glaubt allerdings auch Tüngler nicht. Denn es ist immer noch viel Luft nach oben. Traditionell parken die Menschen hierzulande gewaltige Summen auf Tagesgeld- oder Girokonten, die entweder wenig oder gar keine Zinsen abwerfen.
Auf fast 3,6 Billionen Euro summieren sich nach vorläufigen Berechnungen der DZ Bank Einlagen und Bargeld der privaten Haushalte Ende 2025 - das ist gut ein Drittel des gesamten Geldvermögens von etwas mehr als 10 Billionen Euro.
Mit dpa-Material.
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