Mögliche Übernahme in der Chemiebranche:BASF greift nach Evonik: Eine Chance für die ganze Branche?
von Frank Bethmann
Eine Fusion von BASF und Evonik könnte den entstehenden Megakonzern international erfolgreicher machen. Doch reicht Größe allein, um die schwächelnde Chemieindustrie umzukrempeln?
BASF will mit Evonik sein Kerngeschäft stärken. Eine erste Offerte wurde abgelehnt. Nun muss der Chemiekonzern ein höheres Angebot vorlegen.
23.10.2026 | 0:37 minDer Chemiekonzern BASF mit Hauptsitz in Ludwigshafen deckt ein breites Spektrum von Basis-Chemikalien bis hin zu Ernährung und Pflanzenschutz ab. Evonik, in NRW beheimatet, ist auf Spezialchemikalien und maßgeschneiderte Lösungen spezialisiert, etwa für Pharma, Kosmetik, Beschichtungen, Hochleistungskunststoffe und Katalysatoren.
BASF und Evonik: Zwei Unternehmen, die gut zusammenpassen
Die Portfolios der beiden deutschen Konzerne könnten sich gut ergänzen. Wirtschaftswissenschaftler Lars Schweizer, Experte für Unternehmensstrategien und Übernahmen, sieht darin eine nachvollziehbare industrielle Logik.
Eine Fusion würde eine lückenlose Wertschöpfungskette schaffen.
Prof. Dr. Lars Schweizer, Professor für Betriebswirtschaftslehre, Goethe-Universität Frankfurt am Main
Die BASF würde ihren eigenen hocheffizienten Absatzmarkt für Basis-Chemikalien im Hause Evonik finden, während Evonik durch BASF die Rohstoffversorgung absichern könnte, so Schweizer weiter. Ein Zusammenschluss könnte zudem finanzielle Spielräume für Investitionen schaffen und den gemeinsamen Auftritt gegenüber internationalen Kunden stärken.
Die Chemie-Industrie ist von den steigenden Ölpreisen besonders betroffen. Viele Chemieunternehmen haben nun Preiserhöhungen angekündigt.
30.03.2026 | 1:36 minStrukturelle Probleme belasten die Chemiebranche
Es klingt nach einer Win-Win-Situation. Doch die mögliche Übernahme fällt in eine schwierige Phase für die deutsche Chemieindustrie. Von "einer ganzen Reihe von Herausforderungen" und entsprechenden Reaktionen von Chemieunternehmen, die Anlagen geschlossen haben, spricht Michael Hiete, Professor für Wirtschaftschemie an der Universität Ulm.
Hohe Energiekosten, eine schwache Nachfrage in Europa und die Konkurrenz aus China und den USA setzen die Konzerne unter Druck. "Zusätzliche Belastungen entstehen durch den Umbau zu einer klimaneutralen Produktion und nicht zuletzt durch eine sinkende Nachfrage in einigen Abnehmerindustrien wie dem Automobilbau", ergänzt Hiete.
Chemisch-pharmazeutische Industrie in Deutschland
Die chemisch-pharmazeutische Industrie ist Deutschlands drittgrößter Industriezweig nach der Automobilindustrie und dem Maschinenbau. Mit einem Umsatz von rund 220 Milliarden Euro im Jahr 2025 ist sie zugleich die umsatzstärkste Chemie- und Pharmabranche Europas und liegt weltweit hinter China und den USA auf Rang drei. Sie beschäftigt rund 476.000 Menschen und liefert Vorprodukte für zahlreiche weitere Wirtschaftszweige.
Die Entwicklung ist allerdings alarmierend: Zwischen Februar 2022 und März 2026 sank die Produktion der deutschen Chemieindustrie um 18,1 Prozent. Im selben Zeitraum gingen dort 18.300 Arbeitsplätze verloren. Im ersten Halbjahr 2026 lag die Produktion der chemisch-pharmazeutischen Industrie rund drei Prozent unter dem Vorjahresniveau.
Auch die Investitionen der Branche sind rückläufig: 2024, 2025 und 2026 verzeichnete beziehungsweise erwartet die Branche sinkende Investitionen.
Der Chemiekonzern Evonik baut 3.200 Stellen ab, davon 2.150 in Deutschland. Sechs deutsche Standorte sollen neue Aufgaben erhalten. Betriebsbedingte Kündigungen sind nicht geplant.
22.09.2026 | 0:42 minDie Idee eines nationalen Champions
Die Frage ist deshalb, ob ein Zusammenschluss die Wettbewerbsfähigkeit tatsächlich verbessern könnte oder ob er vor allem die Folgen struktureller Standortprobleme abfedern würde. Ökonom Schweizer mahnt zur Nüchternheit:
Eine Konsolidierung löst die externen Probleme nicht; sie schiebt sie nur in ein größeres Unternehmen.
Prof. Dr. Lars Schweizer, Professor für Betriebswirtschaftslehre, Goethe-Universität Frankfurt am Main
Damit berührt die mögliche Übernahme eine industriepolitische Grundsatzfrage: Soll Deutschland darauf setzen, möglichst wettbewerbsfähige Rahmenbedingungen für die gesamte Branche zu schaffen oder gezielt größere Unternehmen fördern, die sich im internationalen Wettbewerb behaupten können? Das wäre die Idee eines "nationalen Champions", dem wirtschaftliches Gewicht, technologische Kompetenz und gebündeltes Kapital helfen, sich gegen große internationale Wettbewerber durchzusetzen.
Arbeitgeber und Gewerkschaften aus der Chemie-Industrie haben sich nahe Leipzig getroffen. Sie übergaben der Bundesregierung Forderungen für verlässliche Rahmenbedingungen.
15.12.2025 | 0:27 minKeine staatlich abgestimmte Strategie
Frankreich verfolgt traditionell eine stärker staatlich geprägte Industriepolitik und betrachtet bestimmte Unternehmen und Schlüsseltechnologien als strategisch bedeutsam - und ist dort auch teilweise erfolgreich, zum Beispiel in der Luft- und Raumfahrt oder in der Rüstungsindustrie.
Auch in Deutschland könnte ein Zusammenschluss von BASF und Evonik die Debatte darüber neu beleben, wie Forschung, Investitionen und industrielle Wertschöpfung in Europa gesichert werden können.
Von einer staatlich abgestimmten Strategie nach französischem Vorbild ist bislang allerdings nichts zu erkennen. Die nordrhein-westfälische Landesregierung spricht sich sogar gegen eine Übernahme von Evonik aus. Sie fürchtet um Arbeitsplätze und die Attraktivität des Standorts Ruhrgebiet.
Kartellbehörden als entscheidende Hürde
Hinzu kommt die Frage, ob eine Übernahme wettbewerbsrechtlich überhaupt genehmigt werden würde. "Während BASF und Evonik auf dem Gesamtmarkt nur zwei von vielen Spielern sind, beherrschen sie in spezifischen Spezialchemikalien oft mehr als 50 Prozent des Weltmarktes", sagt Schweizer. Die Wettbewerbsbehörden müssten deshalb prüfen, ob ein Zusammenschluss den Wettbewerb in einzelnen Märkten erheblich einschränken würde.
Frank Bethmann ist Redakteur im ZDF-Team Wirtschaft und Finanzen.
Chemie dort produzieren, wo sie gebraucht wird: BASF hat ein neues Werk im südchinesischen Zhanjiang eröffnet. Mehr als die Hälfte des weltweiten Chemiebedarfs liegt in China.
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