"Claude Mythos": Neue KI als Cyberwaffe für Kriminelle?

US-Unternehmen Anthropic:Neue KI "Claude Mythos" - Cyberwaffe für Kriminelle?

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Das US-Unternehmen Anthropic hat eine KI entwickelt, die Sicherheitslücken in Computersystemen aufspüren kann - und damit eine mögliche Bedrohung für das globale Finanzsystem ist.

Leuchtschrift „Code with Claude“ auf der Entwicklerkonferenz „Code with Claude“ von Anthropic am Mittwoch, dem 6. Mai 2026, in San Francisco

Anthropic entwickelt mit "Claude Mythos" eine KI, die unbekannte Softwarelücken aufdeckt. Doch genau diese Lücken könnte sie auch ausnutzen. Zu gefährlich für die Öffentlichkeit?

17.05.2026 | 3:13 min

Hacken in Minuten statt in Wochen: Was bisher erheblichen kriminellen Aufwand erforderte, könnte dank Künstlicher Intelligenz bald auf Knopfdruck möglich sein. Das KI-Modell "Claude Mythos" des US-Unternehmens Anthropic soll in Testläufen Tausende bisher unentdeckte Sicherheitslücken in Software gefunden haben - und ist nach Einschätzung seines Herstellers zu gefährlich, um es frei zugänglich zu machen.

Cybersicherheitsfirmen, die Unternehmen gegen digitale Angriffe absichern, haben die Ankündigung hellhörig verfolgt. Mirko Ross, Geschäftsführer der Stuttgarter Firma asvin, beschreibt das Bedrohungspotenzial so:

Mythos ist auch ein sehr starkes Werkzeug für Angreifer, die ein System von außen mit Hilfe von KI analysieren, Schwachstellen finden und dafür in einem Bruchteil von Sekunden und Minuten den entsprechenden Angriff ausführen können.

Mirko Ross, Geschäftsführer asvin GmbH

KI-Modell: Was Claude Mythos kann und warum das eine Zäsur ist

Laut Dennis-Kenji Kipker, Professor für IT-Sicherheit am Cyber Intelligence Institute, ist Mythos in der Lage, eine große Zahl von Sicherheitslücken im Programmcode automatisiert ausfindig zu machen und sofort auszunutzen. "Man kann sowas natürlich zur Verbesserung der Cybersicherheit einsetzen", sagt Kipker im heute journal. "Aber andererseits können natürlich auch kriminelle Akteure da tätig werden." Ein klassisches Dual-Use-Problem - nur diesmal in einer neuen Dimension.

Schaltgespräch zwischen Slomka und Kipker

"Mythos" könne eine große Zahl von IT-Sicherheitsschwachstellen finden, sagt IT-Sicherheitsexperte Dennis-Kenji Kipker. Das könne auch von kriminellen Akteuren genutzt werden.

17.05.2026 | 5:27 min

Besonders gefährdet seien Sektoren, die auf sogenannte Legacy-Software setzen: alte Programme, die tief in Systeme integriert sind und für die es teilweise keine Sicherheitsupdates mehr gibt. Dazu zählt vor allem der Finanzsektor, aber auch Teile der kritischen Infrastruktur. Claudia Plattner, Präsidentin des Bundesamts für Sicherheit in der Informationstechnik (BSI), warnt vor einer dramatischen Beschleunigung der Cyberangriffswellen:

Wir gehen davon aus, dass Angriffe, die früher teilweise Tage, Wochen gedauert haben, jetzt im Zweifelsfall auch sehr, sehr schnell - wenn wir Pech haben, sogar bis auf Minuten runter - passieren können.

Claudia Plattner, Präsidentin des BSI

"Claude Mythos": IWF und Bundesfinanzministerium alamiert

Die Sorgen gehen über die IT-Branche hinaus. Auch der Internationale Währungsfonds (IWF) sieht in Modellen wie Mythos eine mögliche Bedrohung für das globale Finanzsystem. Tools dieser Art verdeutlichten, "inwieweit die sich rasch entwickelnden Cyberrisiken im Zusammenhang mit KI das Finanzsystem destabilisieren könnten, wenn sie nicht sorgfältig gehandhabt werden", erklärte die Finanzabteilung des IWF vergangene Woche. Großangelegte Cyberangriffe könnten demnach Finanzierungsschwierigkeiten auslösen, die Zahlungsfähigkeit von Instituten gefährden und Märkte insgesamt destabilisieren.

Das Bundesfinanzministerium schloss sich dieser Einschätzung an. Die Entwicklung von Modellen wie Mythos bedeute "eine Verschärfung der Cyber-Bedrohungslage, die sich auch auf die Finanzstabilität auswirken kann", sagte eine Ministeriumssprecherin dem Handelsblatt. Man nehme die Lage "sehr ernst" und rechne damit, dass in absehbarer Zeit weitere Modelle mit ähnlichen Fähigkeiten auf den Markt kommen werden. Unternehmen, Behörden und die Gesellschaft insgesamt müssten sich auf eine "stetig wachsende Flut an Sicherheitslücken, Exploits und notwendigen Patches" einstellen.

SGS Börse Google

Die EU verdächtigt den US-Internetriesen Google, für seine Künstliche Intelligenz rechtswidrig Online-Inhalte Dritter genutzt zu haben. Dazu ZDF-Wirtschaftsexperte Florian Neuhann.

09.12.2025 | 1:40 min

Anthropics "Project Glass Wing" kooperiert mit US-Firmen

Anthropic hat Mythos bisher nicht öffentlich freigegeben. Stattdessen kooperiert das Unternehmen im sogenannten "Project Glass Wing" mit rund 50 Partnerfirmen, die ihre Systeme mit dem Modell testen und absichern sollen. Die genannten Unternehmen sind ausnahmslos aus den USA.

"Das bedeutet, dass amerikanische Hersteller in der Lage sind, Sicherheitslücken zu finden und zu schließen - europäische Hersteller aber nicht", erklärt Heiko Roßnagel vom Fraunhofer-Institut für Arbeitswirtschaft und Organisation.

Und wer weiß, ob das Modell dann nicht auch schon für Angreifer verfügbar ist, wenn es endlich für sie zugänglich wird.

Dr. Heiko Roßnagel, Fraunhofer-Institut für Arbeitswirtschaft und Organisation

Auch Experte Kipka sieht darin ein strukturelles Problem: Behörden wie das BSI könnten derzeit nicht einschätzen, welche Auswirkungen Mythos auf die nationale Cybersicherheit haben werde - schlicht, weil sie keinen Zugang haben.

Auf Anfrage zeigten sich die größten deutschen Techkonzerne zurückhaltend. Siemens, SAP, Infineon und die Deutsche Telekom äußerten sich nicht dazu, ob sie mit Anthropic kooperieren. Die Telekom teilte lediglich mit, man stehe in Kontakt mit anderen Akteuren und beobachte die Entwicklung weltweit.

Google wehrt KI-gestützten Cyberangriff ab

Dass die Bedrohungslage keine Theorie mehr ist, zeigt ein aktueller Vorfall. Google gab am vergangenen Montag bekannt, den Versuch einer kriminellen Gruppe vereitelt zu haben, mithilfe Künstlicher Intelligenz eine bislang unbekannte Sicherheitslücke in einem verbreiteten Online-Tool für die Systemverwaltung auszunutzen. Die Angreifer nutzten demnach eine sogenannte Zero-Day-Lücke - eine Schwachstelle, die den Herstellern zuvor unbekannt war und für die es noch keinen Patch gab. Den Namen des Tools nannte Google nicht.

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Microsoft soll seinen exklusiven Zugang zu den OpenAI-Technologien verlieren. OpenAI kann somit zukünftig seine Produkte auch an Konkurrenten von Microsoft wie Amazon oder Google verkaufen.

27.04.2026 | 0:40 min

Google informierte das betroffene Unternehmen sowie Strafverfolgungsbehörden und verhinderte nach eigenen Angaben, dass Schaden entstand. Bei der Spurensuche habe der Konzern festgestellt, dass die Angreifer ein KI-Modell eingesetzt hatten, um die Lücke aufzuspüren. Um welches Modell es sich handelte, ließ Google offen - nur so viel: Es sei höchstwahrscheinlich weder Googles eigenes Gemini noch Anthropics Claude Mythos gewesen.

Der KI-Wettlauf im Bereich Cybersicherheit hat längst begonnen

In einem Punkt sind sich die Sicherheitsexperten einig: Es ist höchste Zeit, Vorkehrungen zu treffen, um mit den aktuellen Entwicklungen im KI-Bereich mitzuhalten.

Das muss jetzt schon losgehen. Wer jetzt nicht bereits Sicherheitsmaßnahmen ergreift, der ist schon zu spät.

Dr. Heiko Roßnagel, Fraunhofer-Institut für Arbeitswirtschaft und Organisation

Dennis-Kenji Kipker verweist außerdem auf staatliche Akteure wie China, Iran oder die USA, die solche Technologien für Spionage und Wirtschaftssabotage einsetzen könnten - oder vielleicht schon einsetzen, ohne dass es öffentlich bekannt ist.

Quelle: ZDF, mit Material von AP und AFP
Über das Thema berichtete das heute journal am 17.05.2026 ab 21:45 Uhr.

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