Multi-Talent der Nordafrikaner im Fokus:Marokko: Im Namen des Königs - und der Mathematik
von Andreas Morbach
Bei der WM 2022 unterlag Marokko den Franzosen im Halbfinale. Nun duellieren sich beide Teams im Viertelfinale. Die Nordafrikaner hoffen auch auf den 18-jährigen Ayyoub Bouaddi.
Das 18-jährige Multi-Talent Ayyoub Bouaddi steht für Marokkos Gegenwart und Zukunft. Im WM-Viertelfinale gegen Frankreich richten sich viele Blicke auf den Mittelfeldmann, der dem ausgeklügelten Scoutingsystem der Nordafrikaner entstammt.
Quelle: afpDidier Deschamps hatte gerade den fünften Auftritt der marokkanischen Fußballer beim Turnier in Nordamerika gegen Kanada verfolgt, da war ihm bereits zweierlei klar. Marokko stehe nicht zufällig im Viertelfinale der Fußball-WM, betonte Frankreichs Weltmeistercoach von 2018. Und:
Sie besitzen zweifellos die nötige Qualität, um noch weiter zu kommen.
Frankreich-Trainer Didier Deschamps
Bestätigt sich Deschamps’ Einschätzung, wäre den Atlaslöwen die Revanche für das 0:2 im WM-Halbfinale von 2022 geglückt. Und Argentiniens Endspielgegner beim Turnier in Katar wäre ab Freitag nur noch Zuschauer.
Im ersten Achtelfinale der Fußball-WM treffen Co-Gastgeber Kanada und Marokko aufeinander. Und liefern sich eine hitzige Partie mit vielen Karten. Sorgen gibt es um Bayern-Neuzugang Saibari.
04.07.2026 | 7:43 minEin Erfolg des marokkanischen Teams mit seinen weit in Europa verzweigten Wurzeln käme dabei zwar überraschend. Eine Sensation wäre es aber längst nicht mehr.
Marokko glänzt mit ausgefeiltem Casting-System
Zu strukturiert arbeitet der Königlich Marokkanische Fußballverband inzwischen. Zu offensichtlich sind dessen kontinuierliche Fortschritte - mit der Mohammed VI Football Academy, benannt nach dem seit 1999 amtierenden König, als Herzstück. Und zu ausgefeilt ist mittlerweile vor allem das System, mit dem der westlichste Staat des Maghreb seine Nationalspieler rekrutiert.
Mehr Außenseiter geht kaum. Als krasser Underdog will Deutschland-Bezwinger Paraguay auch den Topfavoriten Frankreich ärgern - und das nicht immer mit fairen Mitteln.
05.07.2026 | 8:09 minKein Land auf dem riesigen afrikanischen Kontinent liegt näher an Europa als Marokko. Die Migrationswellen Richtung Norden, die nach dem Zweiten Weltkrieg von dort ausgingen, schwappten vor allem nach Frankreich, Belgien und die Niederlande. Zum Teil auch nach Spanien.
18 der 26 WM-Spieler Marokkos in Europa geboren
Ein Resultat dieser Migration ist das aktuelle Nationalteam: Von den 26 Spielern im marokkanischen WM-Kader kamen nur sieben in Marokko zur Welt. 18 sind in Europa geboren, darunter sechs im Land des Viertelfinalgegners Frankreich.
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Alle Highlights der WM-Spiele aus der Nacht, Updates zum DFB-Team und die wichtigsten Nachrichten zur Fußball-WM 2026 – kompakt und aktuell. Jetzt abonnieren!Marokko nimmt potentielle künftige Nationalspieler mit doppelter Staatsbürgerschaft schon früh ins Visier. Der Verband umwirbt die jungen Fußballer dabei einerseits mit der engen familiären Bindung zu dem Geburtsland ihrer Eltern und Großeltern. Zugleich profitiert er von der guten Ausbildung der Kicker bei europäischen Klubs.
Bouaddi entscheidet sich kurzfristig für Marokko
Jüngstes Beispiel ist Mittelfeldakteur Ayyoub Bouaddi. Der 18-Jährige vom OSC Lille ist in Senlis, 50 Kilometer nördlich von Paris, geboren. Im März führte er noch die französische U21 als Kapitän an. Ende Mai stand er dann, nachdem Deschamps ihn nicht in die Équipe Tricolore berufen hatte, im WM-Kader von Marokko.
Deschamps’ designierter Nachfolger Zinedine Zidane bemühte sich noch um Bouaddi, Garantien konnte er dem jungen Mann aber nicht geben. "In seinem Jahrgang ist er einzigartig. Es ist ein bedeutender Verlust", seufzte Hubert Fournier, Technischer Direktor des französischen Fußballverbands, über Bouaddis Entscheidung, für das Land seiner Eltern zu spielen.
Marokkanisches Multitalent besticht mit Ruhe
Gleich im ersten Gruppenspiel gegen Brasilien bestach der lockige Teenager mit seiner Ruhe, Passsicherheit, Übersicht und Präsenz. Ein Multitalent - auch jenseits des Rasens.
Mit 15 gewann Bouaddi einen Rhetorikwettbewerb im Élysée-Palast. Den Preis überreichte Brigitte Macron, die Gemahlin des französischen Staatspräsidenten. In der Schule übersprang er ein Jahr und widmet sich nun, neben dem Fußball, per Fernstudium der Mathematik.
Mathe kann mir helfen, das Spiel schneller zu verstehen, vor allem taktisch.
Ayyoub Bouaddi
Nationalcoach Mohamed Ouahbi bezeichnet den Shooting-Star als "sehr intelligenten Jungen". Bevor sich dieser aufgeweckte Kerl demnächst mit dem zunehmenden Werben europäischer Topklubs beschäftigt, will er an der Seite von Topstars wie Achraf Hakimi oder Brahim Diaz aber erst einmal den Fußballern aus seinem Geburtsland ein Bein stellen. "Und wir werden", warnt Ayyoub Bouaddi Vizeweltmeister Frankreich schon mal, "unser Potenzial voll ausschöpfen."
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