Rassismus bei WM: Was das für Mbappé, Tah und Co bedeutet

Verbale Angriffe bei Fußball-WM:Rassismus im Sport: Kommentare verschwinden - Gefühle bleiben

von Nalan Sipar

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Jonathan Tah sagte vor einem Jahr: "Wir müssen mehr über Gefühle sprechen." Vielleicht ist das der wichtigste Satz, um den aktuellen Rassismus gegen ihn zu verstehen.

Jonathan Tah beim Spiel Deutschland gegen Elfenbeinküste am 20.06.2026 in Toronto.

Jonathan Tah beim Spiel Deutschland gegen Elfenbeinküste.

Quelle: Imago

Wenige Minuten nach dem WM-Aus der deutschen Nationalmannschaft tauchten rassistische Kommentare gegen Jonathan Tah in den sozialen Netzwerken auf. Wieder wurde ein schwarzer Nationalspieler nach einer Niederlage zur Zielscheibe. Politiker, Fans und Medien verurteilten die Angriffe. Das bekannte Muster: Empörung, Verurteilung, Alltag. Doch was macht das mit Jonathan Tah?

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Was für ein Drama zum Auftakt der K.o.-Runde: Die deutsche Elf tut sich gegen den krassen Außenseiter Paraguay unglaublich schwer. Nach 120 Minuten muss die Entscheidung vom Elfmeterpunkt fallen.

30.06.2026 | 15:40 min

Tah: "Wir müssen mehr über Gefühle sprechen"

Worüber wir uns eigentlich mehr unterhalten sollten, verriet uns Jonathan Tah in einem Interview im vergangenen Jahr. Er erzählte von Beleidigungen, die er bereits als Kind auf dem Fußballplatz erlebt hatte. Und er sagte einen Satz, der in der aktuellen Berichterstattung total untergegangen ist: "Wir müssen mehr über Gefühle sprechen."

Dass ein Fußballprofi in einer Welt, in der Härte und mentale Stärke zu den höchsten Tugenden zählen, mehr Offenheit fordert, ist ungewöhnlich. Vielleicht beginnt genau dort die eigentliche Geschichte.

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Fast die Hälfte aller Menschen in Deutschland, die sich ethnischen oder religiösen Minderheiten zugehörig fühlen, erlebt regelmäßig rassistische Diskriminierung.

20.03.2025 | 5:42 min

Warum Rassismus anders verletzt

Kommunikationswissenschaftler Marcus Bölz beschäftigt sich seit Jahren mit den Auswirkungen digitaler Kommunikation auf Menschen und den Profisport. Anders als Formkrisen oder Verletzungen lasse sich Rassismus nicht durch bessere Leistungen überwinden.

Sportliche Niederlagen richten sich gegen die Leistung, rassistische Anfeindungen gegen die Person.

Marcus Bölz, Kommunikationswissenschaftler

Daher entstehe ein besonderer psychischer Druck, so Bölz. Viele Betroffene hätten das Gefühl, nie nur als Spieler, sondern immer auch als Vertreter einer sozialen Gruppe wahrgenommen zu werden.

"Für Spieler wie Antonio Rüdiger, Vinícius Júnior, Romelu Lukaku oder früher Mesut Özil bedeutet dies, dass ihre Hautfarbe, Herkunft oder Religion zum Gegenstand öffentlicher Abwertung werden", so Bölz. Doch was bedeutet das für jemanden, der jahrelang unter diesem Druck lebt?

Alex Freeman im Zweikampf mit Leandro Trossard

Beim Erfolg Belgiens gegen die USA traf Romelu Lukaku zum 4:1-Endstand.

07.07.2026 | 8:45 min

Nie einfach nur Fußballer

Die Frage "Werde ich wirklich akzeptiert?" begleite viele Spieler mit Migrationsgeschichte durch ihre Karriere. Forschung zum sogenannten Akkulturationsstress zeige, dass Menschen mit Migrationserfahrungen häufig zusätzliche psychische Belastungen erleben, weil sie zwischen unterschiedlichen kulturellen Erwartungen navigieren müssen und Ausgrenzung langfristig Selbstwertgefühl und mentale Gesundheit belasten könne.

Wer sich akzeptiert fühle, verfüge über mehr psychische Ressourcen für Leistung und Krisenbewältigung. "Umgekehrt können Erfahrungen von Ausgrenzung die emotionale Energie binden, die eigentlich für sportliche Entwicklung zur Verfügung stehen sollte", erklärt Bölz. Die eigentliche Belastung beginnt also nicht erst auf dem Spielfeld, sondern oft schon lange davor und endet auch nach dem Abpfiff nicht.

Beratungsanfragen Antidiskriminierungsstelle

Die Zahl der gemeldeten Diskriminierungen hat sich in den letzten fünf Jahren verdoppelt, fast die Hälfte wegen Rassismus. Immer mehr Menschen suchen Rat bei der Antidiskriminierungsstelle.

03.06.2025 | 1:32 min

Was unternimmt der DFB gegen Rassismus?

Wenn Rassismus solche psychischen Folgen haben kann, stellt sich zwangsläufig die Frage, welche Verantwortung Verbände tragen. Was tut der DFB eigentlich, um seine Spieler zu schützen?

Der DFB erklärte auf ZDF-Anfrage, individuelle Vorfälle auf privaten Social-Media-Kanälen könne der Verband nicht direkt beeinflussen. Betroffene würden unterstützt. Hasskommentare auf eigenen Kanälen würden gelöscht und strafrechtlich relevante Inhalte an die Behörden gemeldet. Ob im Fall Jonathan Tah Strafanzeige erstattet wurde, beantwortete der DFB nicht.

DFB-Präsident Bernd Neuendorf kommt ins Stadion

Nach dem enttäuschenden WM-Aus des DFB-Teams gibt DFB-Präsident Bernd Neuendorf am Tag danach ein Statement zur Situation ab. (Quelle: DFB)

30.06.2026 | 1:28 min

Soziologe: DFB muss in die Offensive gehen

Genau hier setzt die Kritik des Soziologen Özgür Özvatan an. Für den Politikwissenschaftler ist der Fall Jonathan Tah deshalb mehr als ein weiterer Einzelfall. Seit Jahren erforscht er die Verbindung von Fußball, Migration und gesellschaftlichem Zusammenhalt.

Özvatan fordert deshalb einen offensiveren Umgang des DFB mit Rassismus. Wer überrascht sei, habe das Problem des Rassismus im Fußball nicht verstanden. Der Verband müsse seine Werte nicht nur formulieren, sondern sichtbar verteidigen. "Die Verantwortlichen dürfen sich nicht mit besänftigenden Statements aus der Verantwortung ziehen", sagt Özvatan.

Er spielte selbst für die Junioren-Nationalteams Deutschlands und der Türkei und engagiert sich heute im Verein "Roots - Against Racism in Sports". Der Verein hat seit März 2026 eine Kooperation mit dem DFB.

Tah als Vorbild

Doch nicht jeder ist so stark wie Jonathan Tah. Viele Kinder und Jugendliche mit Migrationsgeschichte erleben ähnliche Beleidigungen auf deutschen Fußballplätzen. Vielleicht hören sie ihm gerade deshalb besonders genau zu. Denn rassistische Kommentare verschwinden irgendwann aus den sozialen Netzwerken. Die Gefühle, die sie hinterlassen, nicht.

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