2:1-Sieg gegen die Türkei:Oranje tanzt und träumt
von Frank Hellmann
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Die Niederlande beweisen nun auch Nehmerqualitäten und freuen sich aufs Halbfinale gegen England. Mit dem Aus der Türkei wird die EM weniger politisch.
Ganz am Ende regierten in der deutschen Hauptstadt die Freudengesänge der "Oranje"-Fans. In der Ostkurve des Berliner Olympiastadions schunkelte die Fangemeinde zu den Klängen von "Snollebollekes", vor ihnen tanzte auch die niederländische Nationalelf im Takt.
Mit einem echten Kraftakt hatte die Elftal am Samstagabend ein hochspannendes EM-Viertelfinale gegen die Türkei mit 2:1 (0:1) für sich entschieden. Die unbändige Freude der Oranje-Stars, die zuerst ihren in der Endphase mehrfach grandios parierenden Torhüter Bart Verbruggen feierten, dann spontan zu ihren Landsleuten liefen, zeigte die große Erleichterung, das erste Mal seit 20 Jahren wieder ein EM-Halbfinale erreicht zu haben.
Bei der WM 2018 und 2022 hatte diese stolze Fußball-Nation gefehlt und sich zwischendrin bei der EM 2021 gegen Tschechien im Achtelfinale blamiert. Klar, dass Ronald Koeman nun hochzufrieden war. "Für die ganze Nation ist dieser Erfolg etwas Besonderes. Wir sind ein kleines Land", betonte der Bondscoach.
Wir mussten heute Abend leiden. Es war ein sehr emotionales Spiel, und wir hatten ein großes Herz.
Ronald Koeman, Trainer der niederländischen Nationalmannschaft
Beim Europameister von 1988 war viel Genugtuung herauszuhören, dass die aktuelle Generation vielleicht sogar in seinen Spuren wandelt.
- Der EM-Spielplan
Die Fans der Niederlande sorgen mit ihrem EM-Auftritt inklusive gigantischer Tanzmoves für viel gute Stimmung in Deutschland.
26.06.2024 | 1:31 minGeduld zahlt sich für die Niederlande aus
Mit einigem Anlauf hat sein Ensemble die richtige Haltung zu dieser Endrunde aufgebaut. Wer die Nehmerqualitäten und den Widerstandsgeist gegen die frenetisch unterstützten Türken besichtigte, kommt um die These nicht herum: Die Niederlande geht nicht als Außenseiter ins Halbfinale gegen England am kommenden Mittwoch (21 Uhr) in Dortmund.
Erst ein entschlossener Kopfball von Abwehrmann Stefan de Vrij (70.), dann ein kurioses Eigentor von Mert Müldür (76.) sorgten für das Happyend der Niederlande, die sich in der dramatischen Schlussphase mit Glück und Geschick ins Ziel rettete. "Es war eine richtige Schlacht", konstatierte der zum "Man of the match" gewählte de Vrij.
Wir waren geduldig - und das hat sich am Ende ausgezahlt.
Stefan de Vrij, Abwehrspieler der niederländischen Nationalmannschaft
Trainer Vincenzo Montella ist stolz
Der türkische Nationaltrainer Vincenzo Montella musste sich hernach als Seelentröster betätigten.
Wir haben unsere Fans enthusiastisch gemacht, außerdem haben wir mit die jüngste Mannschaft aufgeboten. Und wir haben mit richtiger türkischer Leidenschaft gespielt.
Vincenzo Montella, Trainer der türkischen Nationalmannschaft
Vor den Augen von Staatspräsident Recep Tayyip Erdogan, begleitet vom eng an seiner Seite stehenden deutschen Weltmeister Mesut Özil, hatte sein Team tatsächlich nach der Affäre um die rechtsextrem belasteten "Wolfsgrüße" und den deswegen gesperrten Merih Demiral eine leidenschaftliche Leistung abgeliefert.
Angefeuert von mindestens 40.000 Landsleuten zelebrierte die Türkei eine Halbzeit lang ein Lehrbeispiel dafür, wie Mentalität letztlich Qualität begegnet. Mit fast schon archaischen Mitteln warfen sich selbst Edeltechniker Arda Güler oder Kapitän Hakan Calhanoglu genussvoll in jeden Zweikampf. Zudem wurde jede niederländische Angriffsaktion in der riesigen Betonschüssel mit einem gellenden Pfeifkonzert bedacht.
Als die türkische Community auf den Rängen viele Handylichter leuchten ließ, hatte Toptalent Güler auf dem Rasen prompt einen Geistesblitz: Nach seiner genau getimten Flanke nickte Samet Akaydin am langen Pfosten die Kugel ins Netz (35.). Der nach seiner Gelb-Sperre wieder ins Abwehrzentrum gerückte Torschütze hob erst den Zeigefinger und sackte dann auf die Knie. So kann Jubel eben auch gehen.
Montella wollte zum leidigen Thema gar nichts mehr sagen: "Es ist kompliziert. Ich habe nicht den Willen über Dinge zu sprechen, die nicht zum Fußball gehören."
Im Umfeld taucht der "Wolfsgruß" wieder auf
Etliche türkische Zuschauer hatten zuvor beim Abspielen der Nationalhymne ihre Finger zu jenem ominösen Gruß geformt, der das Symbol der rechtsextremen türkischen Organisation Graue Wölfe darstellt. Dasselbe Bild hatte sich vorher auf dem türkischen Treffpunkt am Breitscheidplatz geboten, der bereits tagsüber mit Hupkonzerten umfahren wurde.
Bei einem Fanmarsch wurde laut Polizei "massiv" jene Geste gezeigt, die in Deutschland (noch) nicht verboten ist. Einsatzkräfte hatten die Anhänger aufgefordert, "das Zeigen dieses Zeichens zu unterlassen". Wegen "fortgesetzter politischer Botschaften" wurde der Marsch später beendet: "Ein Fanwalk ist keine Plattform für politische Botschaften."
Dass sich die Türkei nun von der EM-Bühne verabschiedet hat, macht dieses Turnier weniger empfänglich für missbräuchliche Statements, die ein bislang so fröhliches Sportereignis bestimmt nicht braucht.
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