Von Brandt bis Schröder:Diese Kanzler stellten bisher die Vertrauensfrage
Die Ampel ist Geschichte - nun will Kanzler Scholz den Weg für vorgezogene Wahlen frei machen. Dazu stellt er die Vertrauensfrage. Vor ihm haben das fünf andere Kanzler getan.
Gerhard Schröder stellte die Vertrauensfrage gleich zwei Mal: 2001 und 2005.
Quelle: ZDFDer Bundestag stimmt über die Vertrauensfrage von Bundeskanzler Olaf Scholz ab. Bekommt der SPD-Politiker wie beabsichtigt keine Mehrheit, wird er Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier die Auflösung des Bundestags vorschlagen. Welche Kanzler haben sie vor Scholz bereits gestellt? Ein Überblick in Bildern.
Willy Brandt, SPD
Als erster in der Geschichte stellt SPD-Kanzler Willy Brandt am 22. September 1972 die Vertrauensfrage im Parlament. Er verliert sie wie geplant, denn er will Neuwahlen herbeiführen.
Quelle: ZDFIm September 1972 stellt Willy Brandt als erster Kanzler die Vertrauensfrage. Er will Neuwahlen herbeiführen. Denn seine Ostpolitik mit der faktischen Anerkennung der Oder-Neiße-Grenze hatte auch in der sozialliberalen Koalition zu großen Verwerfungen geführt. Mehrere SPD- und FDP-Abgeordnete wechselten zur Opposition. Es kam zu einer Pattsituation mit der Union im Parlament.
Dass Brandt die Vertrauensfrage zur Ansetzung von Neuwahlen nutzen will, stößt auf Widerstand. Die Kritiker halten Brandt vor, dass eine absichtlich verlorene Vertrauensfrage nicht dem Geist des Grundgesetzes entspreche. Brandt verliert die Abstimmung am 22. September dann wie beabsichtigt. Bei Neuwahlen im November 1972 holt seine SPD ihr bis heute bestes Ergebnis. Brandt konnte seine sozialliberale Koalition mit klarer Mehrheit fortsetzen.
Anfang Februar 1982 beantragte Bundeskanzler Helmut Schmidt (SPD) die Vertrauensfrage - dieses Mal mit der ursprünglich vorgesehenen Absicht, sich der Mehrheit seiner sozialliberalen Koalition im Parlament zu versichern. Hintergrund war neben dem Streit über die Wirtschaftspolitik der wachsende Widerstand in der SPD gegen die Nachrüstung infolge des Nato-Doppelbeschlusses. Dieser sah neben Abrüstungsgesprächen mit der Sowjetunion die Stationierung von atomaren US-Mittelstreckenraketen in Westeuropa vor.
Schmidts Kalkül ging auf. Er bekam bei der Abstimmung über die Vertrauensfrage am 5. Februar die Zustimmung sämtlicher Koalitionsabgeordneter. Allerdings zerbrach Schmidts Regierung im September am Konflikt mit der FDP über die Wirtschaftspolitik. Er wurde dann im Oktober durch ein konstruktives Misstrauensvotum der Opposition gestürzt. Neuer Kanzler wurde Helmut Kohl (CDU), der mit der FDP eine Koalition bildete.
Kohl nutzte dann die Vertrauensfrage, um zur Vergrößerung seiner Machtbasis Neuwahlen herbeizuführen. Kritik an dem Vorgehen, sich nach wenigen Wochen trotz vorhandener Mehrheit durch die Vertrauensfrage stürzen zu lassen, wies Kohl zurück. Er verwies dabei auf das Ziel, das Land aus der "schwersten Wirtschafts- und Finanzkrise seit Bestehen der Bundesrepublik Deutschland" herauszuführen. Dazu brauche es einen "entschiedenen Wählerauftrag".
Kohl verliert die Vertrauensabstimmung am 17. Dezember 1982 wie vorgesehen. Bei den Neuwahlen im März 1983 gewinnt die Union klar. Der Streit um die "unechte" Vertrauensfrage hat aber vor dem Bundesverfassungsgericht ein Nachspiel, wo vier Abgeordnete klagen. Die Karlsruher Richter billigen Kohls Vorgehen, betonen aber, dass die Vertrauensfrage nur in einer "echten" Krise zulässig sei.
Nach den Anschlägen vom 11. September 2001 in den USA wird die Beteiligung der Bundeswehr am Anti-Terror-Einsatz zur Zerreißprobe für die rot-grüne Koalition von Kanzler Gerhard Schröder (SPD).
Als erster und bisher einziger Kanzler verbindet er das Vertrauensvotum mit einer Sachfrage. Schröder gewinnt am 16. November die Vertrauensfrage, der Bundestag stimmt dabei der deutschen Beteiligung an der internationalen Operation "Enduring Freedom" zu, die insbesondere auf Afghanistan zielt.
Nach Niederlagen der SPD bei den Landtagswahlen in Schleswig-Holstein und Nordrhein-Westfalen kündigt Schröder eine vorgezogene Bundestagswahl an. Er begründet dies mit den Widerständen gegen seine weiteren Reformpläne nach der Verabschiedung der umstrittenen Agenda 2010. Dafür brauche es eine "stetige Mehrheit" im Bundestag.
Der Bundestag stimmt am 1. Juli 2005 über die Vertrauensfrage ab, Schröder verliert sie wie geplant. Bei der Bundestagswahl im September 2005 unterliegt die SPD dann knapp der Union. Auch hier riefen noch vor der Wahl mehrere Abgeordnete das Bundesverfassungsgericht an. Dieses wies aber Ende August ihre Einsprüche zurück.
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