MSC-Chef Wolfgang Ischinger:Münchner Sicherheitskonferenz: "Auch mit den Bösen reden"
Was ist von der Münchner Sicherheitskonferenz zu erwarten, wann ist sie ein Erfolg und mit wem wird geredet? Im Interview spricht MSC-Chef Ischinger über die Herausforderungen.
Wolfgang Ischinger, Leiter der Münchner Sicherheitskonferenz, spricht im Interview über seine Erwartungen an die Konferenz, das transatlantische Verhältnis und die Rolle Europas.
12.02.2026 | 3:00 minDutzende Staatschefs reisen zur Münchner Sicherheitskonferenz - das Spitzentreffen stehe "vor den größten sicherheitspolitischen Herausforderungen", erklärt Konferenz-Chef Wolfgang Ischinger.
Im Gespräch mit ZDFheute verteidigt er die Einladung von AfD-Politikern und wagt eine Prognose zur Rede des US-Außenministers.
ZDFheute: Herr Ischinger, die letzte Sicherheitskonferenz gilt als Zäsur: US-Vizepräsident JD Vance attackierte auf offener Bühne die europäischen Partner, der ganze Saal schien geschockt. Wie haben Sie den Moment erlebt?
Wolfgang Ischinger: Das war schon herbe Kost. Aber man muss das natürlich auch sportlich nehmen: Ich hatte später im Mai eine Gelegenheit, mit Vizepräsident Vance über diesen Vorgang zu reden. Und ich habe ihm gesagt: Herr Vizepräsident, ich gratuliere Ihnen nochmal - Sie haben mit der Rede in München mehr öffentliche Aufmerksamkeit für sich selbst und für die amerikanische Politik generieren können als durch jeden anderen Auftritt. Also schon ein großer Erfolg.
Auf der letzten Münchner Sicherheitskonferenz nutzte US-Vizepräsident Vance seine Rede für eine Tirade gegen Europa. Verteidigungsminister Pistorius (SPD) reagiert schnell.
15.02.2025 | 2:48 minUnd ehrlich gesagt: Für mich und mein Team war das auch eine super Sache.
Wolfgang Ischinger, Vorsitzender Münchner Sicherheitskonferenz
Denn auf diese Weise landete die Münchner Sicherheitskonferenz in den Schlagzeilen sämtlicher Zeitungen in Buenos Aires, in Singapur und irgendwo sonst, wo man noch nie etwas von München gehört hat.
... gilt als das weltweit wichtigste Treffen von Politikern und Experten zum Thema Sicherheitspolitik. Dieses Jahr findet sie vom 13. bis 15. Februar statt. Nach Angaben der Konferenzleitung haben bereits 65 Staats- und Regierungschefs zugesagt. Zu den prominentesten Gästen dürfte US-Außenminister Marco Rubio zählen. Auch der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj soll nach München kommen. Friedrich Merz (CDU) wird erstmals als Kanzler an der Konferenz teilnehmen.
(Quelle: dpa)
ZDFheute: Dieses Jahr wird US-Außenminister Marco Rubio eine Rede halten. Wie nervös sind Sie vor dem Besuch?
Ischinger: Ich erwarte jetzt nicht eine konfrontative Rede, sondern ich erwarte eher einen Aufruf an uns Europäer, noch ein bisschen stärker den gemeinsamen Karren aus dem Dreck zu ziehen.
Die Münchner Sicherheitskonferenz ist schon mehrfach zur Bühne prägender weltpolitischer Momente geworden. Ab Freitag treffen sich erneut über 60 Staats- und Regierungschefs.
12.02.2026 | 11:03 minZDFheute: Also doch alles im Lot?
Ischinger: Nein, die Lage ist nicht gut. Ich mache das jetzt schon anderthalb Jahrzehnte, und aus meiner Sicht steht die Konferenz vor den größten sicherheitspolitischen Herausforderungen in dieser ganzen Zeit. Krisen gab es immer - vor 20 Jahren hatten wir eine schwere transatlantische Krise wegen des Iraks. Aber diesmal geht es nicht nur um eine bestimmte einzelne Sache. Es geht um ganz grundsätzliche Fragen:
Sind wir noch im selben Team? Teilen wir dieselben Ziele?
Wolfgang Ischinger, Vorsitzender Münchner Sicherheitskonferenz
Noch in der Ära Bush und Obama durfte man hier in Europa davon ausgehen, dass die USA mit kleinen Einschränkungen Europa mitgetragen haben. Das ist jetzt zumindest mit einem Fragezeichen versehen.
... ist Vorsitzender der Münchner Sicherheitskonferenz. Zuvor arbeitete Ischinger als Staatssekretär im Auswärtigen Amt und deutscher Botschafter in Washington und London.
ZDFheute: Ein Fragezeichen setzen manche auch an Ihre Entscheidung, AfD-Vertreter nach München zu laden, auch wegen Sicherheitsbedenken.
Ischinger: Da gibt es relativ viele andere Teilnehmer, denen ich weit weniger über den Weg traue und die vielleicht mehr Zugang haben zu allen möglichen Dingen. Viele gehören nicht zu unserem engeren Freundeskreis - das Prinzip der Münchner Sicherheitskonferenz ist, dass wir auch mit den Bösen reden. Also weltweit. Und eben nicht nur mit unseren Freunden.
Wenn ich jetzt Vertreter des Iran einlade - auch wenn die jetzt doch nicht kommen - und alle möglichen schrägen Vögel aus der ganzen Welt, dann finde ich es ein bisschen merkwürdig, wenn wir ausgerechnet die größte Oppositionspartei im Deutschen Bundestag kategorisch ausschließen.
Wir haben uns diese Entscheidung nicht leicht gemacht.
Wolfgang Ischinger, Vorsitzender Münchner Sicherheitskonferenz
ZDFheute: Manche Teilnehmer fürchten, dass die Partei an vertrauliche Informationen gelange - oder sie sogar an andere Staaten weitergibt.
Ischinger: Das halte ich für glatten Unsinn. Die AfD sitzt in sämtlichen Ausschüssen und Gremien des Deutschen Bundestags. Und das, was hier auf der Bühne passiert, können Sie auch als Bürger zuhause auf Ihrem Laptop per Livestream verfolgen.
Zwei Jahre durfte die AfD nicht an der Münchner Sicherheitskonferenz teilnehmen. Jetzt der Kursschwenk: Die AfD wird eingeladen.
29.12.2025 | 1:03 minNatürlich gibt es hier relativ viele kleinere Veranstaltungen am Rande, aber da wird man persönlich eingeladen. Deswegen kann ich überhaupt nicht die Befürchtung teilen, dass irgendwelche vertraulichen Informationen in die falschen Hände geraten.
ZDFheute: Wagen wir einen Blick in die Zukunft: Ab wann ist diese Konferenz für Sie ein Erfolg?
Ischinger: Wenn wir Sonntagabend sagen können: Das transatlantische Verhältnis ist zwar belastet, funktioniert aber wieder und wir konnten an diesem Wochenende eine gewisse Vertrauensbildungsarbeit leisten - dann haben wir ein wesentliches Ziel erreicht.
Ich bin allerdings nicht sehr hoffnungsvoll, dass zum Beispiel irgendetwas Zielführendes in Sachen Ukraine passiert. Das ist noch lange nicht zu Ende, und aus Moskau erkenne ich Stand heute keinerlei Signal, dass man zum Einlenken bereit wäre.
Das Interview führten Julian Schmidt-Farrent und Simon Pfanzelt.
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