Ökonom zu Wohnungsnot und hohen Mieten:"Keine allzu hoffnungsvollen Lösungen für Großstädte"
Nicht nur in Spanien ist Wohnen ein Problem. Auch hierzulande sind Mieter verzweifelt. Mietendeckel, Enteignung, Airbnb-Verbot - was hilft gegen hohe Mieten und zu wenig Wohnraum?
Nach der Zwangsräumung und Protesten kann eine Seniorin in Madrid zurück in ihre Wohnung. Hohe Mieten und Wohnungsnot gibt es in vielen Städten. Was hilft dagegen? ZDFheute live analysiert.
29.09.2026 | 27:18 minSpaniens Regierung sagt der Wohnungsnot im Land den Kampf an. Das Parlament soll über ein Paket abstimmen, das besseren Schutz vor Zwangsräumung vorsieht, befristete Mietverträge erschwert und gegen Immobilienspekulation vorgeht. Außerdem soll es mehr öffentliche Wohnungen geben - und weniger Wohnraum für Touristen. Ob die Minderheitsregierung in Spanien für das Paket eine Mehrheit erhält, ist aber noch unklar.
Auslöser für das Gesetzesvorhaben: die landesweiten Proteste nach der Zwangsräumung der 87-jährigen Maricarmen Abascal. Sie wurde zum Symbol einer sich zuspitzenden Wohnungskrise im Land.
Wohnungsnot sei kein Problem von Spanien allein, sagt Ökonom Konstantin Kholodilin. Auch Deutschland sei betroffen - wie auch andere Länder:
Der ganze Kontinent ist durch eine Wohnungskrise geprägt.
Konstantin Kholodilin, Ökonom am Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung
Sehen Sie das Interview oben im Video in voller Länge oder lesen Sie es hier in Auszügen. Das sagte Kholodilin über ...
Zehntausende protestieren in spanischen Städten gegen Wohnraummangel und hohe Mieten. Nach der Zwangsräumung einer 87-Jährigen brachte die Regierung nun einen Gesetzesentwurf auf den Weg.
29.09.2026 | 2:12 min... die Ursachen der Wohnungsnot
Entscheidend für die Zunahme bei der Wohnungsnot sei grundsätzlich der Unterschied zwischen Angebot und Nachfrage. "Die Nachfrage steigt deutlich schneller als das Angebot." Doch welche Maßnahmen können der Wohnungsnot - auch in Deutschland - überhaupt etwas entgegensetzen?
Die 87-jährige Maricarmen Abascal war am Mittwoch vergangener Woche auf einer Trage aus ihrer zwangsgeräumten Wohnung in Madrid geholt worden, nachdem ein Investor den Mietpreis um 275 Prozent erhöht hatte. Sie hatte 70 Jahre lang in der Wohnung gelebt. Das Schicksal der Rentnerin hatte zu landesweiten Protesten geführt.
Am Montagabend erklärte ihre Anwältin Beatriz Duro, sie habe mit den Eigentümern der Immobilie eine Einigung über die Rückkehr der Rentnerin in ihre alte Wohnung erzielt - die massive Mieterhöhung sei vom Tisch.
Als Reaktion auf die Proteste hat die spanische Regierung am Dienstag ein Gesetzespaket verabschiedet, das die Verlängerung von befristeten Mietverträgen und ein Moratorium für Zwangsräumungen vorsieht. Das Paket soll auch gegen Immobilienspekulation und Wohnungsknappheit durch Tourismus vorgehen.
(Quelle: AFP)
Die Ursachen für die Wohnungsnot in Spanien sieht ZDF-Korrespondent Thomas Walde vor allem im Wirtschaftswachstum des Landes und in viel Kapital aus dem Ausland, etwa aus Lateinamerika. Dadurch werde Wohnraum immer begehrter und teurer, während die Löhne nicht mehr mithalten könnten. Ergebnis sei ein "Verdrängungswettbewerb", so Walde. Für eine bauliche Verdichtung gebe es kaum noch Raum. Zudem gelte: "Städtische Wohnungsgesellschaften kommen nicht mehr hinterher."
Ob das Entlastungspaket der Regierung tatsächlich hilft, ist aus Waldes Sicht offen. "Da kann man noch ein Fragezeichen machen, ob das so durchgeht", sagt er mit Blick auf das Parlament. Ein weiteres Fragezeichen sieht er bei der Frage, ob das Paket dem Kern des Problems überhaupt etwas entgegensetzt: der Knappheit von Wohnraum.
... Enteignungen als Lösung
Enteignungen, wie die Berliner Linke sie in der Hauptstadt umsetzen möchte, seien laut dem Experten keine Lösung, denn: "Enteignen schafft keinen neuen Wohnraum." Das Geld werde umverteilt, ohne neue Wohnungen zu schaffen. Außerdem müsse man Milliarden an Schulden aufnehmen.
Das heißt, dass wir alle diese Schulden begleichen müssen.
Konstantin Kholodilin
Außerdem würde dies zu einem Verdrängungseffekt führen. Wohnungsunternehmen, die auch künftig Wohnraum durch Bauen schaffen wollten, würden vermutlich abwandern. Und: "Die Wohnungen, die sie gebaut hätten, die würden uns allen fehlen."
Im Wahlkampf in Berlin sind Wohnungsnot und steigende Mieten zentrale Themen.
15.09.2026 | 1:59 min... einen Mietendeckel und ein Airbnb-Verbot
Im Gespräch war zuletzt auch die Einführung eines Mietendeckels. Gesetze zur Mietbegrenzung "können ziemlich effektiv sein, was die Mietsenkung angeht", so Kholodilin, sie könnten aber auch zu weiteren Problemen führen - etwa indem sie das Angebot von zur Vermietung stehenden Wohnungen verringern oder dazu führen, dass deren Qualität leidet.
... ist Ökonom und forscht seit 2005 am Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) in Berlin. Sein Forschungsgebiet ist der Immobilien- und Wohnungsmarkt. Außerdem entwickelt er Methoden, mit denen sich wirtschaftliche Entwicklungen prognostizieren lassen. (Quelle: DIW)
Immer wieder in der Kritik sind auch Anbieter wie Airbnb. Tatsächlich seien solche ein Problem: Ihr ursprüngliches Ziel, Wohnraum zu teilen, wurde schnell nicht mehr erfüllt. Vielmehr entdeckten kommerzielle Anbieter die Plattform und schufen reine Ferien-Objekte - mit Folgen für das Angebot und die Mietpreise. Bisherige Verbote zeigten allerdings noch keine Wirkung, so der Forscher. Der Einfluss auf den gesamten Wohnungsmarkt sei begrenzt:
Man darf das nicht überschätzen.
Konstantin Kholodilin
Die Nachfrage nach Büros sinkt, der Leerstand wächst. Durch Umwandlung könnten laut ifo-Institut bis 2030 bis zu 60.000 neue Wohnungen entstehen - auch für Studierende und Wohnungslose.
09.08.2026 | 1:34 min... die Unterschiede von Stadt und Land
Mit Blick auf Deutschland zeige sich, dass das Interesse an Wohnungen sehr ungleich verteilt sei. Es gebe "große leere Bestände" - allerdings "nicht in den Orten, wo man wohnen möchte". Hier brauche es ein besseres Gleichgewicht. In Großstädten sei zudem die Zahl der Single-Haushalte sehr hoch.
An einigen Stellen gibt es zu wenige Leerstände, an anderen Stellen zu viele.
Konstantin Kholodilin
Der Ökonom appelliert: "Vielleicht könnte man existierenden Bestand klüger ausnutzen." Ein Vorschlag: größere Wohnungen in kleinere zu teilen, um ohne zusätzliche Bauinvestitionen und Emissionen Wohnraum für die Leute in der Stadt zu schaffen.
Eine Lösung sei auch die Verdichtung von Städten - durch zusätzliche Etagen auf Gebäuden und die Nutzung zusätzlicher Flächen. Hier aber käme die Infrastruktur der Stadt an ihre Grenzen. In Städten wie Hongkong sei die Architektur sehr kompakt - aber die Mietpreise dennoch höher als in London.
Teure Mieten und knappe Wohnungen werden für immer mehr Menschen zum Problem. Muss der Staat mehr eingreifen? heute journal - der Podcast.
24.09.2026 | 41:59 min... Hoffnungen auf den "Silver Tsunami"
Den sogenannten "Silver Tsunami", also eine vermutete Welle von leer werdenden Einfamilienhäusern der Boomer-Generation, bewertet der Experte vorsichtig. Zusätzliche Immobilien auf dem Markt seien vor allem in ländlichen Regionen wahrscheinlich, wo es ohnehin mehr Leerstände gebe als in der Stadt.
"Für Großstädte wird das leider keine Entwarnung sein. Bei kleineren Städten und ländlichen Gebieten wird das nur das Problem der leerstehenden Immobilien verschärfen und die Preise dort nach unten ziehen - aber das hilft den Stadteinwohnern nicht so viel."
Wenn Wohnen unbezahlbar wird: Für viele Menschen endet der Kampf gegen steigende Mieten in der Obdachlosigkeit.
11.09.2026 | 1:14 min... Handlungsspielraum von Städten und Kommunen
Mit Blick auf die Lage in Ballungszentren ist der DIW-Experte wenig optimistisch:
Bis jetzt habe ich leider keine allzu hoffnungsvollen Lösungen für Großstädte gefunden.
Konstantin Kholodilin
Eines der wenigen Mittel könne die Erweiterung der kommunalen Wohnungsbestände sein. Diese sei aber mehr eine "Linderung" als eine Lösung. In den letzten Jahren hätten beispielsweise die kommunalen Träger in Berlin "sehr viel gebaut", erklärt Kholodilin. "Wenn man die weiter unterstützt, dann kann man ihren Anteil noch erhöhen. Und dementsprechend ihren Einfluss auf den Wohnungsmarkt in Berlin und anderen Großstädten."
Das Interview führte ZDFheute live-Moderatorin Alica Jung. Autor der Zusammenfassung ist ZDFheute-Redakteur Silas Thelen.
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