Fehlende Raketen:Nach Tomahawk-Absage: Welche Alternativen hat Berlin jetzt?
von Jan Schneider
Die USA stationieren vorerst keine Tomahawk-Marschflugkörper in Deutschland. Berlin sucht nach Alternativen. Ein Überblick über die Optionen.
Tomahawk-Marschflugkörper (Archivbild)
Quelle: ImagoDeutschland fehlt es an Raketen. Eine "Fähigkeitslücke" nannte Bundesverteidigungsminister Boris Pistorius (SPD) diesen Umstand im heute journal: Und diese wird durch die wahrscheinlich ausbleibende Stationierung von US-amerikanischen Tomahawk-Marschflugkörpern nun länger bestehen, als man in Berlin gehofft hatte.
Die Raketen waren ursprünglich als Übergangslösung gedacht - eine Abschreckungskapazität mit großer Reichweite, bis Europa eigene Systeme entwickelt hat.
Das Pentagon will 5.000 US-Soldaten aus Deutschland innerhalb der kommenden sechs bis zwölf Monaten abziehen. Ein Sicherheitsexperte analysiert Hintergründe und Auswirkungen bei ZDFheute live.
02.05.2026 | 12:40 minEs läuft also die Suche nach Alternativen zu den US-Raketen und einem Ausweg aus der strategischen Abhängigkeit von Washington - und das nicht erst seit Bekanntwerden der amerikanischen Abzugspläne. Klar ist: Europa muss eigene Fähigkeiten aufbauen. Das sind die möglichen Optionen:
Option 1: Tomahawks kaufen statt stationieren
Im heute journal berichtete Pistorius, man habe "eine offizielle Anfrage schon vor anderthalb Jahren gestartet", um Tomahawk-Marschflugkörper importieren beziehungsweise kaufen zu können. "Darauf steht die Antwort noch aus", so der SPD-Minister. Er räumte jedoch ein, dass er sich angesichts der aktuellen Weltlage "nicht allzu viel Hoffnung" mache. Laut einem Bericht der "Financial Times" will Deutschland dabei nicht nur die Marschflugkörper selbst, sondern auch das dazugehörige bodengestützte Typhon-Raketenwerfersystem erwerben.
Das ganze Gespräch mit Verteidigungsminister Pistorius sehen Sie hier im Video:
Der US-Truppenabzug beunruhigt den Verteidigungsminister weniger - vielmehr aber das drohende Aus für die Tomahawks: Europa müsse diese Fähigkeitslücke nun selbst schließen.
04.05.2026 | 7:02 minAufgegeben hat Berlin die Hoffnung auf US-Marschflugkörper noch nicht. Außenminister Johann Wadephul (CDU) sagte der "Welt am Sonntag": "Diese Bundesregierung arbeitet jeden Tag dafür, Deutschlands Verteidigungsfähigkeit bestmöglich zu steigern. Darüber sprechen wir weiterhin auch intensiv mit unseren Alliierten in den USA." Sein Gesprächspartner auf US-Seite sei Außenminister Marco Rubio, mit dem er "konstruktiv und freundschaftlich" zusammenarbeite.
Die USA haben im Iran-Krieg große Mengen Raketen verschossen und die Lagerbestände sind aktuell stark dezimiert. Problematischer als die fehlenden Raketen ist aber auch die Perspektive, dass sich die USA mehr und mehr aus der Verantwortung der Nato in Europa zurückzieht.
Bei der Tomahawk-Rakete handelt es sich um einen präzisen US-Marschflugkörper, der mit Unterschallgeschwindigkeit in extrem geringer Höhe fliegt, um feindliches Radar zu unterlaufen. Mit einer Reichweite von bis zu 2.500 Kilometern könnte die Bundeswehr damit Ziele in Russland treffen.
Der Bundeswehr zufolge hatten Deutschland und die USA vereinbart, dass ab 2026 US-Tomahawk-Marschflugkörper auf deutschem Boden zeitweise stationiert werden sollen. Die Stationierung sollte eine Fähigkeitslücke in der Nato-Verteidigung schließen und insbesondere gegen russische Raketendrohungen schützen.
Quellen: Bundeswehr, US-Verteidigungsministerium
Militärexperte Frank Sauer von der Universität der Bundeswehr München hält auch eine Lizenzproduktion von Tomahawks in Deutschland für erwägenswert - "vergleichbar mit der Lösung für Patriot-Raketen", wie er sagt. Ein entsprechendes Joint Venture zwischen deutschen und US-Unternehmen könnte Berichten zufolge 2028 mit der Produktion von Tomahawks in Deutschland starten.
Verteidigungsexperte Nico Lange widerspricht diesem Ansatz: Die Tomahawk-Marschflugkörper seien viel zu teuer und Deutschland sei damit immer noch abhängig vom geistigen Eigentum von US-Firmen.
Der geplante US-Truppenabzug setzt die EU unter Druck. Wie lässt sich ohne die USA eine wirkungsvolle Verteidigungsstrategie für Europa aufbauen?
12.05.2026 | 2:30 minOption 2: Türkische Waffensysteme
Die türkische Rüstungsindustrie hat sich in den letzten Jahren stark weiterentwickelt und produziert mittlerweile Waffensysteme, die als Alternative zu den Tomahawks in Frage kommen könnten: Eine davon ist die hyperschallfähige Tayfun-Block-4: Die Rakete des Herstellers Roketsan ist zehn Meter lang und wiegt 7.200 Kilogramm. Sie hat eine geschätzte Reichweite von 800 Kilometern und soll dieses Jahr in Serienproduktion gehen.
Ein weiteres System wurde erst in dieser Woche auf der Rüstungsmesse SAHA in Istanbul präsentiert: Die Interkontinentalrakete Yildirimhan wurde vom Forschungs- und Entwicklungszentrum des türkischen Verteidigungsministeriums entwickelt und verfügt laut offiziellen Angaben über eine Reichweite von 6.000 Kilometern sowie vier Flüssigkraftstoff-Triebwerke. Bislang gibt es jedoch keine Zeitpläne, wann das System einsatzbereit sein könnte, geschweige denn, wer die Rakete bauen soll. Um ernsthaft in Betracht gezogen zu werden, fehlen allerdings noch Tests des Systems. Eine Kooperation mit der Türkei in Sachen Verteidigung könnte allerdings politisch sinnvoll sein für Berlin.
"Trump droht mal wieder, aber die Realität sieht differenzierter aus", sagt Militärökonom Marcus Keupp über den möglichen Abzug von US-Truppen aus Deutschland.
12.05.2026 | 5:32 minOption 3: Rüstungskooperation mit der Ukraine
Einen dritten Weg verfolgt Pistorius direkt vor Ort: Am Montag traf der Verteidigungsminister in Kiew ein. Im Mittelpunkt der Gespräche steht der Ausbau der Rüstungskooperation mit der Ukraine - konkret die gemeinsame Entwicklung unbemannter Waffensysteme. Pistorius sprach im Vorfeld von "Drohnen aller Reichweiten".
Wir können von der Ukraine viel lernen, und das Land wird auch zukünftig für die europäische Sicherheit eine Schlüsselrolle spielen.
Frank Sauer, Universität der Bundeswehr München
Die Ukraine ist in mittlerweile vier Jahren Verteidigungskrieg gegen Russland zur weltweiten Avantgarde der Drohnentechnologie aufgestiegen und damit als Rüstungspartner für Deutschland in den Fokus gerückt. Sie sei vor allem ein "Lieferant von Ideen, von Kreativität, wenn es darum geht, Drohnen zu entwickeln in allen Distanzen", erklärt der Politologe Gerhard Mangott von der Universität Innsbruck.
Hier könnte die Ukraine zumindest vorübergehend und teilweise durch langreichende Drohnen die Fähigkeitslücke etwas mildern, nicht ganz schließen, aber etwas mildern.
Gerhard Mangott, Universität Innsbruck
Drohnen - auch solche mit großer Reichweite - können jedoch mit der abschreckenden Wirkung von Mittelstreckenraketen nicht mithalten, da sie wesentlich langsamer fliegen und kleinere Sprengköpfe tragen können.
Schaltgespräch mit Prof. Gerhard Mangott (Politikwissenschaftler, Universität Innsbruck) zu den aktuellen Entwicklungen im Ukraine-Krieg
11.05.2026 | 5:39 minOption 4: Eigene Entwicklungen im europäischen Projekt ELSA
Es gibt noch einen Weg, auch wenn dieser noch lang ist: Bereits im Juli 2024 hatten Deutschland, Frankreich, Italien und Polen auf dem Nato-Gipfel in Washington eine Absichtserklärung für den "European Long-Range Strike Approach" (ELSA) unterzeichnet. Wenig später schlossen sich noch Schweden und Großbritannien dem Projekt an.
ELSA ist weniger als einzelnes Raketenprogramm zu verstehen, sondern soll alle Aspekte von weitreichenden Präzisionsschlägen abdecken - von Frühwarnung und Aufklärung über Kommando und Kontrolle bis hin zu Abschussrampen und Gefechtsköpfen. Das erklärte Ziel: die Entwicklung von Marschflugkörpern mit einer Reichweite von 1.000 bis 2.000 Kilometern.
"Deutschland will an der extremen Lernkurve der Ukraine partizipieren." Besonders interessant seien die Drohnentechnologien, berichtet ZDF-Reporterin Anne Brühl aus Kiew.
12.05.2026 | 3:39 minAls konkretester Kandidat gilt dabei die "Land Cruise Missile" (LCM) des Rüstungskonzerns MBDA. Selbst unter einem beschleunigten Programm erscheint eine Auslieferung an europäische Streitkräfte vor 2028 jedoch unwahrscheinlich. Deutschland entwickelt zudem gemeinsam mit Norwegen die 3SM Tyrfing, einen überschallschnellen Marschflugkörper mit rund 1.000 Kilometern Reichweite - dieser wird jedoch nicht vor 2035 erwartet. Laut dem Verteidigungsministerium soll auch der viel diskutierte Marschflugkörper Taurus modernisiert werden.
Deutschland und Europa haben also Optionen, ihre Verteidigung auch ohne die USA auf solidere Füße zu stellen und arbeiten bereits seit Jahren daran. Keine der Optionen wird die "Fähigkeitslücke" jedoch sofort schließen.
- Interview
US-Mittelstreckenraketen:Pistorius warnt: Tomahawk-Raketen fehlen Europas Verteidigung
mit Video7:02 Selenskyj im Weißen Haus:Trump hält Tomahawk-Lieferungen an die Ukraine für verfrüht
mit Video1:39- Analyse
Debatte um Marschflugkörper:Tomahawk-Lieferung an Kiew? Was ein Einsatz bedeuten würde
von Christian Mölling, András Ráczmit Video22:36