Tag der Deutschen Einheit:Ost, West und die Frage des Zusammenhalts
von Karl-Rudolf Korte
Wo steht Deutschland nach mehr als drei Jahrzehnten Einheit? Nach den Wahlen im Herbst werden Ungleichheiten zwischen Ost und West vermessen. Dabei wären andere Fragen zentraler.
Mit der Eröffnung des Bürgerfestes beginnen in Bremen die Feierlichkeiten rund um den Tag der Deutschen Einheit. Bis Sonntag sind in der Hansestadt mehr als 700 Veranstaltungen geplant.
02.10.2026 | 2:31 minWann steigt die Chance, dass der Osten wieder in trostlose Beachtungslosigkeit verfällt? Eine ketzerische Frage zur Wahrnehmung des Ostens im Westen. Nach den Wahlen in Magdeburg, Schwerin und Berlin sieht es nicht so aus, als ob sich der Westen wieder nur mit sich selbst beschäftigt. Das AfD-Beben ging vom Osten aus.
Die AfD ist zwar eine gesamtdeutsche Partei, die sich bei der letzten Bundestagswahl 2025 auf Platz zwei wiederfand - auch in einigen westdeutschen Ländern wie Bayern, Baden-Württemberg und Rheinland-Pfalz. Dennoch bleibt die Wahrnehmung der Radikalität der Randparteien AfD und der Linken im Moment deutlich auf den Osten fokussiert.
Von den rund zehn Millionen Zweitstimmen für die AfD bei der Bundestagswahl 2025 kamen allerdings zwei Drittel aus dem Westen. Die Wahrnehmung hat wenig mit der Größenordnung des Wählermarktes zu tun.
Die AfD fordert eine patriotische Kulturpolitik. Der Film begleitet Kulturschaffende und Politiker und zeigt, wie Kultur zum politischen Hebel wird.
26.08.2026 | 44:08 minAfD als Zeitreisenpartei
Dabei sind die Wählerinnen und Wähler im Osten traditionell unkalkulierbarer als im Westen, denn Parteibindungen konnten sich nie ausprägen. Tagesplebiszite können dort entscheiden. Viele Gründe führen zum spezifischen Wahlverhalten im Osten. Einer davon hängt mit der Wahrnehmung der deutschen Einheit unmittelbar zusammen.
Ost-Trotz, Ost-Identität, Ost-Stolz leiten Wähler an, die sich vermehrt deshalb bei der AfD als Zeitreisenpartei sammeln. Sie bindet Kräfte, schenkt Zugehörigkeit und grenzt sich gleichzeitig gegen West-Elite ab. Auch die Putin-Freundlichkeit ist ein Vehikel des Protests gegen tönende Westsicht.
In Sachsen-Anhalt versuchen die Parteien in den letzten Zügen des Wahlkampfs noch Wähler von sich zu überzeugen. Die Strategien der AfD unterscheiden sich deutlich von den der anderen Parteien.
28.08.2026 | 2:07 minViel deutet darauf hin, dass das ungleich Vereinte eine Wagenburgmentalität des Ostens verstärkt, nicht abschwächt. Zumal die "demografische Angst" (Ivan Krastev) einer schrumpfenden Gesellschaft den Rückzug in die Wagenburg und in die Defensive strukturell fördert: schrumpfende Bevölkerung, schrumpfende Infrastruktur, schrumpfende Zufriedenheit.
AfD-Ministerpräsident? Was sich ändern würde
Aber sind die wahrgenommene Ungleichheit und bleibende Fremdheit für die Bundesrepublik Deutschland insgesamt politisch ein Problem? Mit dem ersten Ost-Ministerpräsidenten einer Partei, die in Teilen verfassungsfeindlich ist, ändert sich das Gewicht der Antwort auf so eine Frage.
Die Koordination über die Ministerpräsidenten-Konferenz wird erlahmen. Die Prüfung und Anwendung von Bundeszwang und Bundesaufsicht können Wehrhaftigkeit ebenso stärken wie Ohnmachtsgefühle auslösen. Ein Ost-Minister- und Landtagspräsident der AfD verstärken Unmut, Entfremdung und Abwendung beider Teile Deutschlands wechselseitig.
Die AfD in Sachsen-Anhalt hat die Wahl gewonnen. Nun will die rechtsextreme Partei den Landtag nach ihren Vorstellungen umbauen.
30.09.2026 | 2:27 minWas Zusammenhalt in der Demokratie bedeutet
Aber zentraler als die Vermessung der Ungleichheit wären Zukunftsfragen des Zusammenlebens und der Ausbildung von Gemeinwohl. Denn entscheidend für ein imaginäres "Wir" ist eher, wo man hinwill und nicht so sehr, wo man herkommt. Das Grundgesetz ebnet den weiten Spielraum des pluralen "Wir".
Unterschiede zwischen Ost und West werden nach 36 Jahren deutscher Einheit weiter wahrgenommen. Es wäre viel gewonnen, wenn man sie wechselseitig anerkennt. Das bedeutet nicht gleichzeitig Zustimmung zu den Befunden von Unterschiedlichkeit. Die Anerkennung wäre ein erster Ansatz zum Gespräch. Und existiert die kulturelle Divergenz nicht auch zwischen Nord- und Süddeutschen?
Ost- und Westdeutschland haben sich in vielen Bereichen angenähert. Bei privaten Vermögen bleiben Unterschiede, deren Folgen bis heute spürbar sind.
30.09.2026 | 1:47 minVielleicht bleibt der Gradmesser die Wirkungsmächtigkeit der freiheitlich demokratischen Grundordnung. Bedroht sie der Osten oder eher der Westen? Solange diese Frage weder zu beantworten ist noch sich substanziell stellt, sollten uns die wahrgenommenen Unterschiede eher anspornen, sie zu ergründen als sich beunruhigen zu lassen.
Denn gesellschaftlicher Zusammenhalt in einer modernen Demokratie bedeutet keinesfalls Abweichungen zu bekämpfen. Eher das Gegenteil ist der Fall: unser Vertrauen darauf, dass Unterschiede lebbar sind, wenn die Voraussetzungen eingehalten werden. Damit ist die Demokratie als organisierte Freiheit unter Gleichberechtigten gemeint. So prägt sich Gemeinsinn aus.
Karl-Rudolf Korte ist Politikwissenschaftler und Experte in den ZDF-Wahlsendungen.
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