Sexuelle Belästigung im Studium:Medizinstudentin: "Hand am unteren Rücken oder am Po"
von Stefanie Hayn
Wer Medizin studiert, muss mit sexueller Belästigung rechnen - besonders Frauen, wie eine Studie zeigt. Zwei Medizinstudentinnen berichten, was sie erlebt haben.
Viele Medizinstudierende erleben während ihrer Ausbildung sexuelle Belästigung. Eine Studentin berichtet.
23.05.2026 | 1:27 minDie meisten Medizinstudierenden starten mit Enthusiasmus, hervorragenden Noten und bestandenen Tests in ihr Studium. Doch viele landen in ihren Praxisphasen in einer Arbeitsatmosphäre, in der ihre Grenzen immer wieder verletzt werden.
Das ist einfach mal eine Hand am unteren Rücken oder am Po, wenn man vorbeiläuft, wenn man zum Beispiel gemeinsam bei der Visite in ein Zimmer reinläuft.
Lucia Bechtle, Medizinstudentin
Man sei in diesem Moment so perplex, dass man gar nicht richtig darüber nachdenken könne, erzählt Medizinstudentin Bechtle.
Medizinstudierende auf Bewertung der Vorgesetzten angewiesen
Viele Medizinstudierende kennen solche Situationen, auch Yamina Probst. Sie berichtet:
Ich hatte mein Hausarztpraktikum. Der Arzt hat mich immer mit dem falschen Namen vorgestellt. Dann hat er mich an die Schulter gepackt, an meinem Arm oder an meinem Oberschenkel. Auch relativ weit oben an meinem Oberschenkel.
Yamina Probst, angehende Ärztin
Sie sei in der Situation so sprachlos gewesen, dass sie sich nicht gewehrt habe. Auch wollte sie ihren Vorgesetzen nicht vor seinen Patienten bloßstellen, denn seine Bewertung ihrer Praxisphase hat Einfluss auf den Erfolg ihres Studiums.
Sie ist schön, jung und engagiert – er ist der erfolgreiche Boss, der mehr will. Acht Frauen berichten davon, wie Männer ihre Macht in Kultur, Politik und Wirtschaft missbrauchen.
11.10.2023 | 89:18 min#MedToo-Studie: 42 Prozent der Studierenden haben sexuelle Belästigung erlebt
Unter dem Titel #Medtoo zeigt eine aktuelle Studie, wie groß das Problem der sexuellen Belästigung für Medizinstudierende in Deutschland ist: 42 Prozent der befragten Medizinstudierenden gaben darin an, mindestens eine sexuelle Belästigung erlebt zu haben.
Viele Studierende sind betroffen und die Quote der Betroffenen nimmt über den Verlauf des Studiums zu.
Michelle Förstel, angehende Fachärztin und Mitautorin der #Medtoo-Studie
Kurz vorm Abschluss des Studiums, im Praktischen Jahr, haben von den weiblichen Personen drei von vier sexuelle Belästigung erlebt, erklärt Förstel. Zwar seien Frauen deutlich häufiger betroffen, aber auch knapp 30 Prozent der Männer im letzten Studienabschnitt berichten von sexuellen Belästigungen - mit Folgen:
Die Hälfte der Betroffenen hat angegeben, dass das ihr psychisches Wohlbefinden beeinflusst. Das heißt, sie haben länger damit zu kämpfen, sind dadurch belastet.
Michelle Förstel, angehende Fachärztin und Mitautorin der #Medtoo-Studie
Es geht den Studierenden und auch in der Studie nicht um eindeutige Straftaten, es geht um Grenzüberschreitungen, um unerwünschte Berührungen, um sexistische Sprüche, die das Klima vergiften.
Allein abends im Bus oder in der Bahn - für viele Frauen kein gutes Gefühl. Belästigung und Unsicherheit sind Alltagserfahrungen. ZDF-Reporterin Stefanie Hayn geht der Frage nach, ob separate Frauenabteile eine Lösung sein könnten.
05.06.2025 | 3:52 minSexistische Kommentare im OP
"Wir sind auf einer chirurgischen Station, eines der ersten Male, haben da Unterricht und der Dozent kommt und sagt, 'also ihr Frauen solltet eh nicht in die Chirurgie gehen. Spätestens wenn ihr Kinder bekommt, dann seid ihr da eh nicht mehr zu gebrauchen'", beschreibt Bechtle eine Situation.
Probst erinnert sich gut an einen Tag im OP, an dem eine Ärztin in Ausbildung mitoperierte und vom Hauptoperateur angegangen wurde. "Er meinte, 'ich hab' wirklich schon sehr viele Leute besser Haken halten sehen'. Das war jetzt noch nicht sexistisch."
Aber dann hat er gesagt, 'also wenn Sie mit Ihren Händen so auch mit Ihrem Freund umgehen, wie hier im OP, dann würde ich mich ja ganz schnell von Ihnen trennen'. Und das finde ich, ist eine sehr unangenehme Arbeitsatmosphäre.
Yamina Probst
Übergriffe auf dem Ärztetag
Bechtle und Probst gehören zu einer Gruppe von Studentinnen und Studenten, die über die Bundesvertretung der Medizinstudierenden in Deutschland in der vergangenen Woche beim Deutschen Ärztetag waren. Es gab längst nicht nur gute Gespräche dort: "Wir haben uns schon die ganze Woche über nicht ernst genommen gefühlt", sagt Bechtle.
Viele queere Menschen erleben Ausgrenzung auch im Gesundheitswesen. Transpersonen werden etwa falsch angesprochen, Behandelnde bewerten Homosexualität als Phase oder verweigern Behandlungen.
17.03.2025 | 5:04 minDie Gruppe habe dann öffentlich gemacht, dass es auch dort Berührungen und unangebrachte Kommentare gab: "Wir haben uns alle damit sehr unwohl gefühlt. Aber dann hat sich auch so eine Wut breit gemacht und deswegen war das am Freitagmorgen einfach ein Impuls zu sagen, so das reicht jetzt", erinnert sich Bechtle. Sie hätten viel Beifall bekommen.
Kliniken und Verbände: Studienautorin fordert neue Kultur
Doch viele Betroffene hätten bisher nicht das Gefühl, dass Beschwerden zu großen Veränderungen geführt hätten, so die Studienmitautorin Förstel.
Man muss an den Kliniken, aber auch in den Verbänden, eine Kultur etablieren, die so ein Fehlverhalten anprangert und nicht einfach mitträgt oder toleriert.
Michelle Förstel, angehende Fachärztin und Mitautorin der #Medtoo-Studie
Bechtle und Probst wollen trotz allem Ärztinnen werden. Sie hoffen, dass sich etwas ändert, wenn sich viele trauen, Grenzüberschreitungen anzusprechen.
Stefanie Hayn berichtet aus dem ZDF-Landesstudio in Berlin.
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