Generationenvertrag wankt:Jung gegen Alt: Wer trägt hier zu viel?
von Linda Huber und Rebecca Kirkland
Baran studiert Medizin und zweifelt an seiner Zukunft in Deutschland. Karin ist früher in Rente gegangen. Zwei Lebensgeschichten, die zeigen, wo der Generationenvertrag knirscht.
Miete, Rente, Wehrpflicht – Mitri Sirin will wissen: Wie gerecht geht es zwischen den Generationen zu? Ruhen sich die Boomer auf Kosten der Jungen aus oder ist die GenZ undankbar und zu bequem?
30.09.2026 | 53:39 minNürnberg, sieben Uhr morgens. Baran Everest muss nach München. Zwei Stunden hin, zwei Stunden zurück. Heute darf nichts schiefgehen. Baran hat eine wichtige Klausur: "Wenn ich da fehle, dann muss ich die Klausur im nächsten Semester nachschreiben." Baran studiert Medizin. Nur eben nicht dort, wo er wohnt.
Zu Beginn seines Studiums hat er kurz in einem Wohnheim in München gelebt. Doch dort gab es Schimmel, die Tür war kaputt, immer wieder wurde geklaut. Er zog aus - und fand nichts Bezahlbares mehr. Seit vier Jahren pendelt er deshalb zwischen Nürnberg und München.
Baran pendelt seit vier Jahren mit der Bahn.
Quelle: ZDFDabei ist Baran ziemlich genau der junge Mensch, den sich dieses Land wünschen müsste: jung, fleißig, ehrgeizig. Er arbeitet neben dem Studium, bekommt ein Stipendium. Und er will Arzt werden. In einem Land, in dem fast jeder vierte Arzt bereits älter als 60 Jahre ist.
Eigentlich eine gute Geschichte. Nur glaubt Baran selbst nicht mehr so recht an das Aufstiegsversprechen.
Durch den anhaltenden Ärztemangel ist die Patientensicherheit in Notaufnahmen gefährdet. Eine Reform des Gesundheitsministeriums soll die überlasteten Strukturen nun entlasten.
22.09.2026 | 1:55 minFrüher in Rente - und dann?
Ein paar hundert Kilometer entfernt wohnt Karin. Die ehemalige Optikerin ist 65 Jahre alt und vor knapp einem halben Jahr in Rente gegangen. Jetzt hat sie wieder mehr Zeit. Zum Beispiel fürs Motorradfahren.
Aber das war nicht der entscheidende Grund für ihren Ruhestand nach insgesamt 49 Berufsjahren. Karin wollte ihre Mutter versorgen, die noch alleine lebt. Und sie hat ein Enkelkind, bei dem die Betreuung nicht einfach ist.
Wenn die Kinderbetreuung besser wäre und die Versorgung der älteren Menschen, die Hilfe brauchen, dann hätte ich nicht aufgehört zu arbeiten.
Karin
Karin ging in Rente, um sich um ihre Mutter zu kümmern.
Quelle: ZDFEine nachvollziehbare Entscheidung. Und trotzdem zeigt sich an ihr ein Problem, das weit über Karin hinausgeht: Die Babyboomer gehen in Rente. Nach ihnen kommen deutlich weniger Junge. Das bedeutet konkret: Immer weniger Erwerbstätige müssen für immer mehr Rentner aufkommen.
Einer von denen, die künftig viel tragen sollen, ist Baran.
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29.09.2026 | 0:50 minWas bleibt für die Jungen?
Je jünger der Jahrgang, desto höher werden - kommen keine Reformen - die Sozialbeiträge über das gesamte Arbeitsleben. Weniger Netto vom Brutto. Weniger Spielraum für Wohnen, Vermögensaufbau und die eigene Altersvorsorge.
Baran spürt schon heute, was das heißt: Für seine Zweizimmerwohnung in Nürnberg und das Pendeln nach München zahlt er rund 800 Euro im Monat. Das sei noch immer günstiger als ein WG-Zimmer in München, sagt er.
Auch Eigentum ist für Jüngere heute schwerer erreichbar. Die Boomer mussten dafür gemessen am Einkommen knapp sieben Jahre sparen. Millennials heute fast 14. Vor allem das Eigenkapital ist zur Hürde geworden. Wer nichts erbt oder von den Eltern zugeschossen bekommt, hat es noch schwerer.
Und dann hört Baran auch noch, seine Generation sei zu faul. "Das macht mich dann auch ein bisschen sauer", sagt er.
Ist die Gen Z faul oder das System am Ende? Unternehmer Martin Limbeck diskutiert mit Nema, Koray und Anastasia über Arbeitslosigkeit, Burnout und die 4-Tage-Woche.
31.07.2026 | 1:34 minWer soll die Rechnung bezahlen?
Marcel Fratzscher stört genau diese Erwartungshaltung an die Jungen. Der Präsident des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung sagt: Wenn zusätzliches Geld gebraucht werde - für Rente, Sozialversicherung oder Verteidigung - laute die Antwort zu oft: "Die junge Generation muss das stemmen."
Fratzscher stellt dabei nicht alle Babyboomer unter Generalverdacht, sondern schränkt ein: "Eine kleine Gruppe von Boomern ist zu egoistisch." Und meint die sehr Wohlhabenden.
Sein Vorschlag: ein "Boomer-Soli". Statt mehr von den Jungen zu nehmen, will Fratzscher stärker innerhalb der älteren Generation umverteilen - "von Reich zu Arm, vor allem von den reichen Babyboomern zu den ärmeren Boomern".
Ist es gerecht, wenn reichere für ärmere Rentner zahlen? Prof. Peter Haan vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung ist dafür. Dagegen ist Reiner Holznagel, Präsident vom Bund der Steuerzahler.
24.07.2025 | 10:48 minDeutschland nicht mehr attraktiv für junge Menschen?
Karin ist früher in Rente gegangen. Aber auch, weil sie Aufgaben übernimmt, für die sonst jemand anderes aufkommen müsste: die Versorgung ihrer Mutter und die Betreuung ihres Enkelkindes.
Baran wiederum macht ziemlich viel von dem, was von seiner Generation verlangt wird. Er studiert ein Fach, in dem Deutschland dringend Nachwuchs braucht. Er arbeitet nebenbei. Und nimmt seit Jahren stundenlanges Pendeln in Kauf. Trotzdem fragt er sich inzwischen, ob seine Zukunft in Deutschland liegt.
Wenn alles gut läuft, könnte er in zwei Jahren sein Medizinstudium abgeschlossen haben. Er sieht sich später als Facharzt, mit eigener Praxis und kleiner Familie. "Und ich seh mich aber leider, Stand jetzt, nicht in Deutschland." Baran schaut auf die Schweiz. Auf Spanien.
Vielleicht ist am Ende nicht die Frage, welche Generation zu viel oder zu wenig arbeitet, sondern die wichtigere: Was muss eine Gesellschaft den Jungen bieten, wenn sie künftig immer mehr von ihnen verlangt?
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