"Rassismus muss täglich bekämpft werden": Was eine Expertin rät

Interview

Internationale Wochen gegen Rassismus:"Rassismus muss täglich bekämpft werden"

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Was sind verinnerlichte rassistische Denkmuster, wie verhält man sich solidarisch und warum ist Schweigen ein großes Problem? Das erklärt die Expertin für Rassismuskritik Ogette.

Auf dem Rücken einer gelben Warnweste steht: "Wir stellen uns Quer - kein Rassismus bei uns in Köln".

Zum Internationalen Tag gegen Rassismus finden bundesweit zahlreiche Demonstrationen statt. In Köln gingen Tausende für Menschenwürde, Demokratie und Gerechtigkeit auf die Straße.

21.03.2026 | 0:19 min

Der rassistische Anschlag in Hanau oder die NSU-Morde haben gezeigt, dass rassistische Gewalt und Diskriminierung in Teilen der Gesellschaft tief verwurzelt sind. Laut einer aktuellen Studie im Auftrag der Antidiskriminierungsstelle des Bundes erleben neun Millionen Menschen in Deutschland Diskriminierung. Ein Gespräch mit der Antirassismus-Expertin Tupoka Ogette im Zeichen der Internationalen Wochen gegen Rassismus.

ZDFheute: Können Sie erklären, wie sich Alltagsrassismus zeigt?

Tupoka Ogette: Das ist ja eine sehr basale Frage. Ich glaube, das ist ein Teil des Problems: Dass wir seit 15, 20, 30 Jahren in der öffentlichen Debatte immer wieder bei Null anfangen.

Es gibt die Spitze des Eisbergs, würde ich sagen - der rechte Populismus, offen rechte Parteien und Parolen sowie physische Übergriffe.

Tupoka Ogette, Expertin für Rassismuskritik

Leider weitet sich diese Spitze derzeit aus. Und dann gibt es in diesem Kontinuum auch Denkmuster, die sich rassistisch äußern: Zuschreibungen im Alltag, das Gefühl, es gibt ein "Wir" und es gibt ein "die Anderen". Das äußert sich in allen Bereichen der Gesellschaft auf unterschiedlichen Wegen, also in Büchern, in Medien, in unserer Sprache.

Tupoka Ogette
Quelle: Imago

Tupoka Ogette ist bekannt für ihre Rassismuskritik - als Beraterin, Sprecherin, Podcasterin und Autorin. Sie leitet Workshops und Fortbildungen oder berät Organisationen, um sich rassismuskritisch und -sensibel zu verhalten.

In ihrem neu erschienenen Memoir "Trotzdem zuhause" erzählt sie aus ihrem Leben und ihrer Kindheit - und "von der Suche nach Zugehörigkeit und vom Leben im Dazwischen", wie der Penguin Verlag beschreibt.


ZDFheute: Warum sind aus Ihrer Sicht rassistische Denkweisen gesellschaftlich verbreitet?

Ogette: Wir leben seit über 500 Jahren in einer Gesellschaft, die von Rassismus durchzogen ist. Es gibt keinen rassismusfreien Raum. Wir sind alle rassistisch sozialisiert, unabhängig davon, ob wir das wollen oder nicht.

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Das heißt nicht, dass wir alle die ganze Zeit offen rassistisch agieren, sondern dass wir in eine gesellschaftliche rassistische Schieflage hineingeboren wurden. Durch die haben wir quasi Rassismus eingeatmet.

Jeder Mensch hat schon einmal etwas Rassistisches reproduziert, auch wenn er das nicht wollte.

Tupoka Ogette, Expertin für Rassismuskritik

Im ersten Schritt ist es wichtig, das anzuerkennen.

ZDFheute: Wie können Menschen gegen diese rassistischen Denkmuster ankämpfen?

Ogette: Wir haben im Jahr 2026 unfassbar tolle Ressourcen, die auch barrierefrei zugänglich sind. Der erste Schritt ist zu verstehen, wie man rassistisch sozialisiert wurde. Man kann sich zum Beispiel mit Sprache auseinandersetzen:

Welche Sprache, die ich benutze, reproduziert rassistische Ausgrenzungen?

Tupoka Ogette, Expertin für Rassismuskritik

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ZDFheute: Wie kann man sich im Alltag antirassistisch verhalten?

Ogette: Alltagsrassismus kann man unter anderem mit Mikro-Antirassismen begegnen. Mein Tipp ist, sich Gedanken darüber zu machen, was man etwa bei einer Familienfeier sagen kann, wenn etwas Rassistisches gesagt wird. Schreibt euch drei Punkte auf. Das muss auch keine riesige Rede sein, es geht darum, das Schweigen zu unterbrechen. Das kann so etwas sein wie: "Rassismus war noch nie lustig."

Wichtig ist, nicht zu schweigen.

Tupoka Ogette, Expertin für Rassismuskritik

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Und dann immer wieder auch reflektieren: Wie kann ich meine Sprache nutzen, um weniger zu entmenschlichen?

Weg von diesem 'Was darf ich noch sagen?' und hin zu 'Was möchte ich eigentlich sagen?'

Tupoka Ogette, Expertin für Rassismuskritik

Denn hinter ersterem steckt manchmal auch eine beleidigte oder frustrierte Haltung dahinter. Das finde ich überhaupt nicht hilfreich.

ZDFheute: Viele Menschen fühlen sich angegriffen, wenn sie auf rassistisches Verhalten hingewiesen werden. Warum fällt es so vielen Personen schwer, diesen Begriff zu hören?

Ogette: Wenn ich Ihnen jetzt sage, das, was Sie gesagt haben, ist rassistisch - dann hören viele Menschen "Sie wollen mir sagen, ich bin ein Rassist". Und das wird dann gleichgesetzt mit "Ich bin ein schlechter Mensch".

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Dann löst natürlich jeglicher Hinweis auf Rassismus eine große Abwehrreaktion aus. Weil keiner ein schlechter Mensch sein möchte. Wir haben alle gelernt, dass Rassismus böse und schlecht ist. Dahinter verstecken sich Gefühle von Schuld und Scham. Es ist wichtig, das zu entkoppeln. Diese Kausalität stimmt nicht.

ZDFheute: Aktuell findet die Internationale Woche gegen Rassismus statt. Was bedeutet diese Woche für Sie persönlich?

Ogette: Ich glaube, dass Rassismus täglich bekämpft werden muss. Aber natürlich ist es ein wichtiges Zeichen.

Seit 2016 koordiniert die Stiftung gegen Rassismus jährlich die Internationalen Wochen gegen Rassismus. Zuvor hatte der Interkulturelle Rat e.V. die Aktivitäten rund um den 21. März, den Internationalen Tag gegen Rassismus, organisiert. 2026 finden die Veranstaltungen unter dem Motto "100% Menschenwürde. Zusammen gegen Rassismus und Rechtsextremismus" vom 16. bis 29. März statt.

Zahlreiche Themen wie unter anderem Ableismus, antiasiatischer Rassismus, Intersektionalität oder Queerfeindlichkeit werden in Workshops, Vorträgen, Lesungen und vielem mehr diskutiert, sich ausgetauscht und informiert.

Quelle: Stiftung gegen Rassismus


Ich fände es jedoch sehr wichtig, dass das nicht performativ genutzt wird. Nicht so zu tun, als hätte man zwei Wochen lang etwas gegen Rassismus getan - und jetzt ist es wieder gut.

Denn die echte rassismuskritische Arbeit findet im Alltag, findet jeden Tag statt und ist immer wieder eine neue Entscheidung.

Tupoka Ogette, Expertin für Rassismuskritik

Dieses Interview führte Annika Block.

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